Die Bruderschaft des Lichts

erstellt am 10.11.2004

 

Die Schlange und das Licht stritten sich:

Ohne mich bist Du Nichts!
Und ohne Licht siehst Du nicht!
Ich bin die Schlinge an Deinem Hals!

Und ich bin Dein Gott, damit Du es weißt!
Den Schatten spendet nur das Licht,
es ist Dein Gott der hierin spricht.
Nur da, wo Du zu Hause bist,
die Dunkelheit von Wunder spricht.

Ach was weißt Du denn schon von mir!
Ich bin kein Mensch, ich bin ein Tier!
Komm mir ja nicht zu nah, das rate ich Dir!
Ich bin der Sieger in diesem Spiel!

Und ich bin Dein Richter, weil ich es will!
Das Schwarze Loch ist eine Illusion,
am Ende bin Ich es, mein dummer Sohn.
Ich bin Dein Schöpfer, Du Kreatur!
Du bist ein Teil meiner Natur.

Es ist die Liebe, das ewige Licht,
das auch in diesem kleinen Gedicht,
immer nur von der Erleuchtung spricht.

 

Die Brüder

 

Licht und Dunkelheit spielten miteinander.
Na, was sagst Du, wer ist der Bessere von uns Beiden?
Ich bin das Licht, ohne mich wärst Du nicht.
Aber ich kann Dich vernichten.
Darauf würde ich an Deiner Stelle verzichten!
Du bist zwar mein Bruder, aber ich schlage Dich tot!
Ach, nichts ist schneller als das Licht.
Und dennoch, warte es ab, ich kriege Dich.

Und sie liefen hintereinander her, solange bis eine Schwingung entstand, die uns erschien wie eine eiserne Wand.

Die Schlange ist ein besonderes Tier,
gleitet sie doch wie Schrift auf Papier.
Sie meidet meist das helle Licht,
und es gibt Wesen, mit denen sie spricht.
Die Brüder der Schlange, die hören gut zu,
und meistens guckt auch noch der Teufel zu.
Sie sind die Bösen in diesem Spiel,
sie kämpften schon immer für das falsche Ziel.
Die Brüder des Lichts stehen auf der anderen Seite,
meist sind sie vor allen Dingen chronisch pleite.
Sie kämpfen oft auf verlorenem Posten,
für sie gibt es nur bangen und hoffen.
Zum Glück ist ihnen die Macht gegeben,
zu glauben an ein erleuchtetes Leben.

Jesus und Thomas sitzen auf den Stufen vor ihrem Elternhaus.

Was willst Du mal werden, wenn Du groß bist?
Licht-Träger.
Warum denn das?
Ich finde es oft zu dunkel in der Welt.
Da hast Du Recht, es geht immer nur um Geld.
Und was wirst Du, wenn Du mal groß bist?
Ich werde König, ein König des Lichts!

Na ihr Zwei, wovon träumt ihr denn?
Hallo Vater, wie geht es Dir? Wir genießen die Sonne, gleich geht sie unter.
Dann lasst uns beten.
Zu wem denn?
Jesus! Was redest Du da wieder!
Vater, ich sehe das nicht ein, ich finde unser Gott ist ein mieses Schwein.
Jesus! Jetzt reicht es aber! Ich hole den Stock!
Opferst Du jetzt auch gleich einen Bock?
Wo hast Du nur dieses Mundwerk her! Maria wird weinen, wenn sie Dich hört!
Mich nervt dieser ganze Scheiß! Ich will Gerechtigkeit und Wohlstand für alle!
Von wem hörst Du nur solche Sachen?
Onkel Johannes hat es auch gesagt, unsere Priester sind nichts weiter als lispelnde Schlangen.
Jesus, ich muss Dich bitten zu Schweigen, Du bringst uns noch alle an den Galgen!
Wenn ich erst groß bin, dann werdet ihr sehen, dann werde ich in den Tempel gehen und schmeiße alle hinaus!
Jesus bitte, zähme Dich, sonst stehen wir bald vorm hohen Gericht!
Ja, Jesus, bitte rede nicht so laut. Du hast ja Recht, doch jetzt gehen wir besser hinein ins Haus.

Jesus und Thomas waren zwar eineiige Zwillinge, aber ihr Wesen hätte nicht unterschiedlicher sein können. Während Jesus wild und aufbrausend war, reagierte Thomas immer schon mit ausgesprochener Sanftmut. Sie bildeten ein sehr ausgeglichenes Gespann, bei dem jeder seinen entsprechenden Platz einnahm. Jesus war in allem der heißere Sporn, Thomas hingegen geriet nur selten in Zorn. Ihre Mutter hatte sie beide gleich lieb, auch wenn Jesus ihr die Tränen in die Augen trieb. Er war ein so unbändiger Junge von hellem Verstand, doch sie keine rechte Schule für ihn fand.
Denn überall war er unterfordert und legte sich mit den Erwachsenen an. Ihm fehlte die Demut sich zu bescheiden. Wirklich, manchmal war sie nicht zu beneiden. Mütter von Helden haben es schwer, kommt doch oft das Ende mit roher Gewalt, und nimmt sie ihnen weg, die geliebte Gestalt.

Maria und Josef lebten mit ihren Kindern in einem schönen großen Haus in Jerusalem. Doch immer öfter kam es zu unliebsamen Zwischenfällen. Man war von Seiten der Priesterschaft durchaus beunruhigt über das Betragen ihres Jungen. Er ging zu den Rabbinern in die Schule und dort fiel Jesus vor allen Dingen durch seine unbotmäßigen Reden auf, schon mehr als einmal musste er einen Tadel beichten und sich sogar vor der versammelten Lehrerschaft rügen lassen.
Maria und Josef überlegten, ihn und seinen Bruder nach Ägypten zu Marias Verwandten zu schicken. Hier in Jerusalem würden die Jungen bald nur noch in Schwierigkeiten geraten. Zumal ihre Herkunft auch den Priestern vom hohen Rat nicht entgangen sein konnte, denn zuviel Gerede hatte es wegen der Geburt der Zwillinge gegeben.

Maria war Josefs zweite Frau und er war nicht mehr der Jüngste gewesen, als er sie heiratete. Und eigentlich wollte er auch nicht unbedingt, aber man hatte ihn eindringlich gebeten sich dieser Frau anzunehmen. Dass sie schwanger war, das hatte ihn zunächst doch sehr gestört, doch als er dann ihre Geschichte hörte, da hatte er sich trotz einiger Bedenken bereit erklärt.
Maria kam aus einer sehr angesehenen Familie und ihr Verlobter war ein Jude aus sehr gutem Hause gewesen, doch der war unter noch nicht geklärten Umständen ermordet worden. Josef nahm Maria also in sein Haus auf und er bemühte sich nach Kräften den Kindern ein guter Vater zu sein. Doch der Wildfang Jesus machte auch ihm immer größere Sorgen. Ägypten schien daher die beste Lösung zu sein und so packten sie ihre Sachen und brachten die Kinder dort bei den Verwandten unter. Die waren ebenfalls Benjaminiten und dem Leben gegenüber erheblich liberaler eingestellt als die streng gläubigen Israeliten, und dort konnten die Jungen sich tatsächlich relativ frei entfalten.
Und so wuchs Jesus zu einem umtriebigen Rebell heran, Thomas hingegen las viel und folgte seinem Bruder meist schweigend, aber auf Schritt und Tritt. Eigentlich hockten sie immer zusammen und die Liebe, die sie miteinander verband, zeigte sich jedem, der die Beiden näher kennen lernte. Nur einmal trennten sich ihre Wege für längere Zeit, ansonsten kannte sie jeder nur zu Zweit.

 

 Die große Reise

 

Josef und Maria waren wie ihre ägyptischen Verwandten Benjaminiten und praktizierende Nazariten. Damit waren sie Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft, die sich in direkter Tradition von Isaak abstammend betrachtete, und deren Protagonisten heimlich und zuweilen auch offen, den verbotenen Isis-Kult und andere geheime Riten weiter geführt hatten.

Josef war ein angesehener Rabbiner und von tadellosem Ruf. Er konnte auf einen beeindruckenden Familien-Stammbaum verweisen und auch Maria war, wie schon erwähnt, alles andere als eine einfache Frau. Und dennoch lebten sie sehr bescheiden, und versuchten Aufsehen und Unruhe zu vermeiden.
Darum war ihnen das aufbrausende Verhalten ihres Sohnes Jesu auch nicht selten ein Ärgernis. Ständig legte er sich mit den allgegenwärtigen Pharisäern an und provozierte die Herrschenden wo er nur konnte. Auch in Ägypten durfte man nicht alles laut sagen. Erst gestern war es wieder einmal zu einem kleineren Zwischenfall gekommen und Josef musste seinen Sohn ernsthaft ermahnen.

Jesus, halte Dein Mundwerk im Zaum. Wir bekommen noch den größten Ärger wegen Dir.
Wenn ich noch nicht einmal in meinem eigenen Hause die Wahrheit sagen kann, dann sollte ich in die Ferne ziehen. Der Prophet im eigenen Land, der galt noch nie etwas.
Jesus, wir sind hier nicht zu Hause, wir sind Gäste in einem ehrbaren Land. Und so sollten wir uns auch benehmen. Was hast Du auch in den Spelunken zu suchen, da ist es doch kein Wunder, wenn die Leute anfangen zu reden.
Was geht mich das Geschwätz der Spinner an?
Jesus, wo bleibt der Respekt!
Ich lasse mir die Wahrheit von niemandem verbieten. Mir sind die verlogenen Typen einfach nur noch unsympathisch.
Jesus, jetzt verstehe doch, so geht das nicht weiter.
Vater, lass mich, ich werde verreisen, dann habt ihr Ruhe und könnt zurück nach Jerusalem gehen. Ich werde mit Thomas Persien und Tibet bereisen.
Nein, Jesus, ich bleibe hier.
Thomas hatte schon einige Zeit in der Tür gestanden und dem Gespräch zwischen seinem Bruder und seinem Vater zugehört.
Wie, ich denke Du kommst mit mir?
Ich bleibe bei Mutter. Ich habe es ihr gerade gesagt.
Ja, wenn das so ist, dann gehe ich eben allein.
Ja, geh! Das wird vielleicht für alle das Beste sein.

Jesus kochte vor Wut! Sollten sie ihn doch alle mal … ja, ja, er wusste, das er sich nicht immer in Zaum halten konnte. Warum er immer diese unbändige Unruhe in sich verspürte, das war ihm selbst nicht wirklich klar. Doch das Thomas ihn jetzt auch noch im Stich ließ, das wollte er nicht verstehen. Sie waren seit 20 Jahren immer zusammen gewesen. Wieso wollte Thomas jetzt plötzlich nicht mehr zu ihm halten?
Doch in diesem Punkt tat er Thomas unrecht. Thomas verstand sehr wohl, was Jesus an der Welt auszusetzen hatte, doch war er nun mal ein anderer Charakter. Er liebte die Gelehrsamkeit, die Ruhe und die Kunst. Für Politik hingegen vermochte er sich überhaupt nicht zu begeistern. Er würde nach Bethlehem gehen, dort seinen eigenen Studien nachgehen und sich um die Mutter kümmern. Denn Josef war schon alt und würde vielleicht bald sterben. Wer sollte ihre Mutter dann beschützen? Josefs Söhne hatten daran nur wenig Interesse und die anderen Verwandten waren in alle Richtungen verstreut. Denn gerade die Benjaminiten hatte in der Vergangenheit schon öfter ernste Schwierigkeiten mit der herrschenden Elite gehabt und eine Witwe, ob jung oder alt, hatte es nicht leicht in dieser Zeit.
Sie hatte ihren Kindern erst spät erzählt, dass Josef nicht ihr wirklicher Vater war. Zu schwierig und gefährlich war es, über diese Dinge offen zu reden. Das waren keine Themen, die man mit kleinen, plappernden Kindern bespricht. Aber irgendwann sah sie sich gezwungen, einige Erklärungen zu geben, da es gerade für den Fortbestand einer im geheimen operierenden Dynastie sehr wichtig war, den Nachwuchs rechtzeitig in die gesellschaftlichen Gegebenheiten ein zu weihen.

Als Jesus seine erste Reise in den Osten antrat wusste er also sicherlich, wer er auf dem Papier war. Dennoch, dies war ihm auch ganz klar, wusste er nicht viel über sich selbst. Und so machte er sich an einem schönen Sommertag auf die Suche um zu werden ein Held.

 

Der Schädel des Ägypters

 

Jesus packte sein Bündel. Am nächsten Morgen wollte er sich auf den weiten Weg in die Fremde begeben. Er hatte sich am Abend in aller Form von Thomas und seiner Mutter verabschiedet. Man hatte ein gemeinsames Mahl eingenommen und Tränen vergossen, aber auch viel gelacht.
Später nahm Maria ihren Sohn zur Seite und sprach:
Jesus, mein geliebter Rebell, ich möchte Dir noch etwas mit auf die Reise geben. Hier, schau, das ist für Dich. Bewahre es gut und verliere es nicht.
Maria öffnete eine fein gearbeitete kleine Holz-Truhe und entnahm ihr einen Gegenstand, der in ein weiches Tuch eingewickelt war.
Dies ist der Schädel von Pandira.
Aber Mutter, warum soll ich einen alten Schädel mit auf meine Reise nehmen?
Dieser Schädel ist gut 7000 Jahre alt und wird Dich auf Deiner Reise beschützen. Er weist Dir den richtigen Weg, und solange Du ihn bei Dir trägst, weiß ich Dich in ihren guten Händen.
Der Schädel einer Frau?
Maria kniete nieder und wickelte die Reliquie ehrfürchtig aus ihrer Hülle und legte sie sich in ihren Schoß.
Komm, setze Dich zu mir und verschließe Dich nicht.
Jesus hockte sich also neben seine Mutter und hörte sich die unglaubliche Geschichte dieses Schädels an:

Pandira war eine weise Frau, doch sie war verheiratet mit einem sehr groben Mann. Rachsüchtig und eifersüchtig wie er war, er schlug sie oft und zog sie am Haar. Eines Tages ging er zu weit, ihr Körper lag da, vollständig entzweit, ihr Kopf rollte die Dielen entlang, es war Schlimmes geschehen, und nun bereute der brutale Mann. Er nahm ihren Schädel und beweinte ihn bitterlich, und als seine Tränen ihr Haupt berührten, da sah sie ihn an, ihren grausamen Mann, und sprach:„Du dummer Mann, was hast Du getan? Jetzt kommt die Strafe, die selbst ich nicht abändern kann. Du wirst nun ohne mich weiterleben, Krieg und Verderben wirst Du in Zukunft erleben. Nichts auf der Welt kann Dich nun noch retten, ich sage, Du wirst im Wüstensand verrecken.“
Das ist ja ein fürchterlicher Fluch!
Und ihre Worte wurden unsere Geschichte.
Wieso, was haben wir mit dieser Frau zu tun?
Sie ist einmal unsere Große Mutter gewesen. Die Letzte aus einer sehr langen Reihe, denn sie bewahrte das Wissen für uns alle. Sie war wahrlich eine sehr kundige Frau. Den einzigen Fehler, den sie damals getan, sie hat ihren Mann zum Mitwisser gemacht.

Jesus erfuhr, dass dieser Schädel seit dem schrecklichen Verbrechen von einer Generation an die Nächste weiter gegeben worden war, und das alle zukünftigen Herrscher ihres kleinen Volkes diesen Schädel in Zeiten der Not befragt hatten. Denn dieser Schädel gab seine Pflicht nie auf, ihr Volk zu beschützen und sicher durch jede Wüste zu führen. Nur ihren groben  Mann, den versengte die Sonne, er hatte sich zu weit entfernt und er verlor den Anschluss an die Kolonne.
Das ist ja unglaublich! Mutter, ist das denn wahr?
Befrage ihn selber, er wird mit Dir sprechen einmal im Jahr.
Aber, wieso hast Du diesen Kopf?
Ich bin die älteste Tochter. Denn nachdem der Schädel lange Zeit von den Führern unseres Volkes geschätzt und mit großem Respekt behandelt worden war, wendeten sie sich vor gut 1000 Jahren von ihm ab. Nur Josefs Bruder Benjamin nahm sich damals seiner an, nachdem Echnaton den Schädel verärgert aus dem Fenster seines Palastes geworfen hatte.
Hat ihm wohl nicht gefallen, was der Kopf zu ihm gesagt hat.
So wird es gewesen sein. Denn Echnatons Liebe zu Aton überschritt mit der Zeit einfach die Grenze zulässiger Verehrung. Für ihn durfte es keine Frau an Gottes Seite geben, der Gedanke machte ihn rasend eifersüchtig. Er wollte schlicht der Einzige sein, der mit der Sonne spricht. Und als er merkte, dass dies nicht geht, da gab er dem Kopf einen festen Tritt, und so übel behandelt landete er direkt vor Benjamins Füße. So kam der Schädel in unsere Hände und seither wird er von Generation zu Generation weitergegeben. Heute gebe ich ihn Dir, denn Du wirst einmal der König der Benjaminiten sein.
Ein König ohne Volk, na, ich bedanke mich.
Dein Volk mag jetzt noch in alle Winde verstreut sein, aber morgen schon beginnt Deine große Reise und Du wirst sie finden, einsammeln und ihnen ein guter Führer sein.
Als Jesus den langen Weg in Richtung Osten antrat, da dachte er über die Worte seiner Mutter nach. Sie war offensichtlich in große Geheimnisse eingeweiht und hatte ihm das Versprechen abgenommen, das auch er über die Existenz des Schädels schweigen solle, bis er ihn an einen würdigen Nachfolger weitergeben würde. Denn tiefes Schweigen verhieß den allerbesten Schutz.
Aber noch etwas anderes hatte seine Mutter ihm anvertraut. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte auch er, wie alle Juden, Abraham als seinen Stammvater angesehen. Doch die Geschichte, die seine Mutter ihm zu erzählen wusste, ließ auf eine ganz andere Verwandtschaft schließen. Isaak sollte nicht der Sohn des greisen Abrahams, sondern der erst geborene Sohn von Thutmosis III. gewesen sein. Und da auch Jesus seine Blutlinie auf diesen Ahnen zurückverfolgen konnte, hieß das, dass er eigentlich zumindest zu einem winzig kleinen, aber sehr bedeutsamen Teil ein Ägypter war. In ihm floss doch tatsächlich das Blut der Pharaonen. Jetzt verstand er auch, warum der Eine oder Andere ihn als Kind Sohn der Witwe und auch Ben Pandira genannt hatte. Pandira war eine hebräische Verkürzung von Paneterra, und dies war der uralte Titel des Sonnengottes RA, unter dem die Gottheit im alten Ägypten verehrt wurde. Wenn man ihn also Jesus ben Pandira nannte, dann identifizierte man ihn in Wirklichkeit mit dem ägyptischen Gott RA – Jesus, Sohn des RA.
Aber das ist kein Name, der einfach allen Anhängern dieses besonderen Gottes zuerkannt wurde. Der Titel „Sohn des RA“ war ein Beiname, den bis zurück zur 4. Dynastie, also seit 2700 Jahren, jeder Pharao getragen hatte. Er war also ein Nachfahre der Pharaonen, denn auch Thutmosis III. trug diesen Namen.
Und der Beiname „Sohn der Witwe“ war sogar noch älter. Er ging bis auf die Anfänge der ägyptischen Herrschergeschichte zurück. Danach tötete der eifersüchtige Seth seinen Bruder Osiris und schnitt ihn in 14 Teile, die er dann in alle Winde zerstreute. Isis, seine Schwester, sammelte jedoch alle Teile wieder ein, hüllte sie in Leinen und legte sich zu dem leblosen Körper. In dieser Nacht empfing sie seinen Sohn Horus, der nun paradoxer Weise, der Sohn einer Frau wurde, deren Mann längst tot war. Horus wurde deshalb der „Sohn der Witwe genannt“, und alle nachfolgenden Könige Ägyptens bezeichneten sich danach ebenfalls als die Söhne dieser Witwe. Und interessanter Weise nennen auch die heutigen Freimaurer Jesus immer noch den „Sohn der Witwe“.

Nur, wer war sein leiblicher Vater? Das er noch vor der Hochzeit ermordet worden war, das hatte man ihm und seinem Bruder schon als 10-Jährige erzählt. So gesehen waren sie tatsächlich Söhne einer Witwe. Doch, wer war der Mann, der in der Verlobungszeit in das Zimmer Marias geschlichen kam? Das war zunächst nicht wirklich etwas Ungewöhnliches, viele Paare machten in der Zeit vor der Hochzeit, von der stillschweigenden Erlaubnis Gebrauch, die zukünftige Frau des Nachts in ihrem Zimmer zu besuchen. Einige Lästermäuler behaupteten, ihr Vater wäre ein römischer Legionär gewesen, der mit Maria eine heimliche Affäre gehabt hätte. Aber das war Unsinn, wie ihm von mehreren Seiten versichert worden war. Diese Lügen wurden bewusst von einigen Leuten in die Welt gestreut, um die wahre Geschichte ihrer Herkunft zu unterdrücken.
Maria selbst sagte nur wenig dazu. Sie befand es für klüger auch hierüber zu schweigen. Zu groß waren die Gefahren, denen die Kinder bei der Offenlegung der Wahrheit ausgesetzt gewesen wären. Aber jetzt waren sie erwachsen und mussten ihren eigenen Weg gehen. Dazu war es in ihren Augen notwendig, das sie verstanden, in welcher besonderen Beziehung sie zu ihrer Gemeinschaft standen.

Jesus holte mit kräftigen Schritten weit aus und schon bald näherte er sich einer kleineren Ortschaft, nahe der Grenze zum gelobten Land. Er fragte sich gerade, ob er hier ein Nachtlager suchen solle, als ein alter Mann hinter einem Baum hervor kam und ihn ansprach.
Guten Tag junger Mann, bitte, helft einem armen alten Mann. Ich habe mir den Fuß verknackst und schaffe es nicht mehr allein bis nach Haus.
Guten Tag, Verehrter, natürlich helfe ich Dir. Hake Dich nur gut bei mir ein, ich stütze Dich.
Vielen Dank, bist ein guter Junge. Dem Letzten, der vorbei kam, dem war ich egal.
Und so kam Jesus, den alten Ägypter fest untergehakt, noch früh am Abend in der Ortschaft an. Der Alte lud ihn zu sich ein, sein Gast zu sein, und da man eine solche Gastfreundschaft nicht einfach ablehnen kann, ohne unhöflich zu erscheinen, betrat er das Haus des alten Mannes.
Dies hatte wahrlich schon bessere Tage gesehen, und auch der Garten war nicht mehr das, was er mal war. Doch, der Mann war ihm bereits sehr sympathisch und so fühlte Jesus sich bald schon fast wie zu Hause. Nur eines wunderte ihn sogleich, der Mann hatte einen echten Schädel als Glocke an der Tür.

 

Eine alte Geschichte

 

Die Tochter des alten Ägypters servierte ihnen auf der Veranda den Tee und sie genossen das Licht der untergehenden Sonne. Magdalena hieß die hübsche junge Frau und Jesus verknallte sich augenblicklich in sie. Sie war alles andere als auf den Mund gefallen und hatte ihn gleich bei der Begrüßung mit der Bemerkung konfrontiert:
Ach Vater, was bringst Du mir für einen schönen Ehemann!
Sie strahlte ihn an und gab ihm auch noch einen Kuss. Dann verschwand sie lachend und machte den Tee.
Er war so sprachlos wie noch nie in seinem Leben, und das wollte bei ihm wirklich etwas heißen. Mann Gottes, was für eine klasse Frau! Und der Alte zwinkerte mit dem rechten Auge. Er hatte den Pfeil Amors durchaus gesehen. Dieser junge Mann würde bald schon vor ihm knien. Und er hörte ihn schon fragen: Bitte, gib mir Deine Tochter zur Frau!

Eh, alter Ägypter hörst Du mich nicht?
Wie bitte, entschuldige, ich war gerade in Gedanken …
Ich möchte Deine Tochter zur Frau.
Was? So schnell schon? Bist Du gescheit?
Ich finde sie einfach nur wunderbar! Die kann ich lieben 1000 Jahr!
Puh, Du gehst aber wirklich ran, vielleicht solltest Du erst einmal mit Deinen Eltern darüber reden.
Sicherlich, wir wollen es ganz groß feiern, aber sag, gibst Du sie mir? Ich bin ihr verfangen.
Das kannst Du spüren nach so kurzer Zeit?
Ich weiß, es ist für die Ewigkeit.
Du sprichst in Reimen, fällt Dir das auf?
Das ist, weil Gott hat geschaut die Braut.

Jetzt mussten sie lachen. Sie verstanden sich wohl. Und als die Sonne gerade unterging, da gab Jesus Magdalena einen Ring:
„Du, meine Liebe, ich liebe Dich! Lass mich Dich führen zum Altar, ich bin Dir verfallen wie ein Narr!“
Und so kam es, das Jesus schon wenige Tage nach seinem Aufbruch zu seiner Weltreise mit der wunderschönen Maria Magdalena verlobt war.
Den ganzen Abend saßen sie noch lachend und scherzend im Garten und wenn mich nicht alles täuscht, haben sie sich auch des Nachts gut amüsiert.

Natürlich war Magdalena alles andere als begeistert, als Jesus ihr schon nach wenigen Nächten erklärte, dass er sie für eine längere Zeit verlassen müsse.
Wie bitte? Du verlobst Dich mit mir und verlässt mich gleich wieder?
Hatte ich nicht gesagt: Ich bin auf der Wanderschaft!
Nun ja, doch jetzt bist Du mein Mann!
Der aber leider nicht bleiben kann.
Das darf doch nicht wahr sein! Ich fasse es nicht!
Sprich keinen Fluch! Ich bitte Dich!
Oh … ich bin …

Ach und weh, aber es nützte nichts. Der Mann war weg. Und sie trug sein Kind. Der Alte aber verstand ihn und ließ ihn ziehen. Er war sich sicher, Jesus würde irgendwann wiederkommen.
Magdalenas Vater war ein mächtiger Mann. Die Leute sagten von ihm, er hätte das Zweite Gesicht und würde durch ein Drittes Auge schauen. Der Schädel an seiner Tür wies ihn als einen Magier der Gesellschaft der heiligen Schädel aus. Diese Männer, und in der Öffentlichkeit waren es immer nur Männer, pflegten den Geheimnis umwobenen, uralten Schädelkult der Ahnen. Zigtausend Jahre war dieser schon von einer Generation auf die nächste übertragen worden und er würde auch noch existieren, wenn die Menschen eines Tages ihren Planeten verlassen würden. Das wusste er, und darum ließ er alles einfach passieren. Der Mann hatte die Ruhe weg, die Zukunft lag vor ihm, sich dagegen zu wehren hatte gar keinen Zweck. Er war schlicht und ergreifend super gescheit! Und mit dieser Haltung kam er sehr weit.

Das war bei Jesus natürlich ganz anders. So klug und gebildet, wie er auch war, in politischen Dingen war er ein Narr. Er glaubte tatsächlich wirklich daran, das man den Lauf des Schicksals ändern kann. Und so holte er wieder festen Schrittes aus und verließ Ägypten um durch die Wüste zu gehen. Dahinter lag das Paradies, das zu dieser Zeit noch Persien hieß.
Hier verlaufen sich etwas seine Spuren, doch liegt das auch daran, das immer einer mit einem Besen hinter ihm herging um seine Spuren zu verwischen. Hoch oben, in den tibetischen Bergen, da hat man jedoch das eine oder andere Kloster übersehen. Und die verzeichneten seine Ankunft und sein Wirken als Meister der Heil- und Wahrsagekunst. Hier traf er sich mit hochrangigen Mönchen und Gelehrten, die ihn in die Geheimnisse der östlichen Philosophie einweihten. Und er berichtete ihnen von dem einen Gott, dem Licht, das alles Leben erschafft. Nur von dem Schädel, da sagte er nichts.

Hier hörte er auch zum ersten Mal von dem Kometen-Einschlag, der vor einigen Jahren in der Nähe der Alpen herunter gekommen sein sollte. In Tibet hatten sie nur seinen Schweif gesehen, doch nach ihren Berechnungen war er hinter den Bergen auf die Erde gefallen. Sie hatten damals gleich Kundschafter geschickt und die seien nach einigen Jahren zurück gekehrt und hätten von einer schrecklichen Verwüstung berichtet, die das Land, welches auch die Riesen bewohnten, heimgesucht hätte.
Immer wieder diese Germanen, so hatte vielleicht auch Jesus gedacht, überall hört man von ihnen, aber ich sehe nie einen.
… dann schau durch Dein Drittes Auge, Du Dummkopf!
Was? Wie bitte? Wer spricht da mit mir?
Ich, Dein alter Schädel, hier hinten im Sack.
Erstaunt hat Jesus ihn hervor geholt und sich das erste Mal so richtig aufklären lassen. Danach war er dann erst mal ganz still.

Heute ziert das allsehende Auge jeden Dollarschein. Doch damals wurde die Erkenntnis, das es ein Auge gab, das alles sieht, erheblich ernster genommen. Vielleicht weil unsere Augen durch den Blick in den Fernseher verwöhnt sind oder wir damit staatliche Überwachungskameras assoziieren. Mag uns die Idee eines dritten Auges befremdlich erscheinen, damals jedoch war es eine beliebte Methode der Informationsübertragung. Telepathie und außerkörperliche Erfahrungen waren weit verbreitet und sehr beliebt. Nur, einen sprechenden Schädel, den hatte nicht jeder. Und einen Schädel, dessen drittes Auge auch noch funktionierte erst recht nicht.

 

Die Wanderjahre

 

Jesus machte seine ganz eigenen Erfahrungen und ich bin sicher, gerade zu Beginn seiner Reise ist es bestimmt oft hinauf und runter gegangen. Man wird vielleicht als Pharao geboren, aber den Philosophen muss man sich immer noch selbst hart erarbeiten. Und das alles mit diesem geschwätzigen Schädel im Gepäck …
Jesus verdiente sich sein tägliches Brot als Heiler und Magier, denn seit er aus Tibet zurück war, beherrschte er nicht nur die üblichen Heil- und Beschwörungsformeln. Den einen oder anderen rettete er vor dem sicheren Tod, so dass sich sein guter Ruf bald überall herum sprach.
Blinde, Aussätzige, Lahme, alle, die ein Leid zu tragen hatten doch das Ungewöhnliche war, er behandelte alle gleich. Mit den Meisten sprach er einfach nur. Die Menschen hörten sich seine Ratschläge an und nicht selten ging einer zunächst voller Zweifel zu ihm, um anschließend erfüllt und voller Glück nach Hause zu gehen. Die kam nicht nur durch die gewonnene Gesundheit, es waren Jesus Worte, die spendeten Kraft.

Einige Jahre Jahre später kam er das erste Mal wieder zu Magdalena. Ihr Kind konnte schon längst laufen und sie war etwas verstimmt. Doch als er wieder in den Norden zog, da saß lächelnd ein zweites Kind auf ihrem Schoß.

Zu den Germanen wollte er gehen. Er hatte gehört, dass es die Menschen dort sehr schwer getroffen hatte. Das ganze Land war voller Krater, die Feuer speiend, Generationen dahin gerafft hatten. Brennende Kugeln waren vom Himmel gefallen, und hatten ihr schönes Land völlig verwüstet.
Aber das war noch nicht einmal das Entscheidende. Das größte Unglück sahen die übrig Gebliebenen darin, dass es sich bei dieser Naturkatastrophe ganz sicher um eine Strafe Gottes handeln musste. Und ihr Volk war nicht nur bestraft, sondern sogar fast gänzlich vernichtet worden.
Jesus hingegen war anderer Ansicht. Brennende Kugeln waren seiner Meinung nach nicht ganz Gottes Stil. Er hatte auf seinen Reisen so viel über und von ihm erfahren, so das er sich ziemlich sicher war, diese Kugeln dienten einem anderen Zweck.

Als er den letzten Aufstieg vor dem Gipfel vor sich gehabt hatte, da spürte er eine unerklärliche Sehnsucht in ihm aufsteigen. Es ist fast so, als würde ich nach Hause kommen, dachte er, dabei weiß ich überhaupt nicht, was mich auf der anderen Seite des Gebirges erwartet.
Er ging langsam und setzte Fuß vor Fuß, hier oben konnte ein falscher Schritt das Ende bedeuten. Doch als er das nächste Mal kräftig einatmete, da jubilierte in ihm die Seele! Ich habe es geschafft, ich bin angekommen!
Über ihm regte sich kein Lufthauch und die Welt lag still.
Vor ihm lag eine Welt aus Chaos. Hier ruhte kein Stein mehr auf seinem angestammten Platz, ja, hier war der Teufel in den Leib der Großen Mutter gefahren.

Vor ihm lag die wüsteste Zerstörung, die er je gesehen hatte, und der Schädel in seinem Rucksack fing an zu weinen. Er traute seinen Augen kaum. Dies hier war niemals Gottes Gericht! Dies war vielleicht das Werk ganz übler Halunken, von den er gehört in den dunkelsten Spelunken.
Dieses Gemetzel, das war … also wirklich … der Anblick ging wahrlich auf keine Kuhhaut!

Er musste sich setzen und schwieg. Das hatte ihm ein weiser Mönch im Kloster zum gelben Tor geraten. Immer wenn er sich drohte unbändig aufzuregen, dann wandte er die Methode des Schweigens an. Er lauschte seinem kochenden Blut und bekam so in den Griff seine eiskalte Wut. Dann nahm er den Schädel der Pantera hervor, und hielt ihren Mund ganz nah an sein Ohr:

Das ist die Strafe für den Verrat, den eine Dumme von hier einst gewagt. Sie hat es dem Abraham nicht nur erzählt, sie hat ihn verdorben mit sehr viel Geld. Sie hat ihm gezeigt, wie man Wunder erschafft, sie hat nicht gesehen, das er nur rafft. Und der Blödmann geht zu einer Schlange, und gemeinsam stellten sie die kleine Falle. Das Arschloch Lot ist der ganz Gemeine, denn der hat es berichtet dem größten Schweine.
Ich kann kaum glauben, was Du da berichtest, das heiß ja: Abraham ist ein Bösewicht!
Na, geht Dir endlich auf das Licht?

Jesus hatte endlich begriffen. Und als er dann das nächste Mal zu Magdalena kam, da musste er sie wieder einmal sehr enttäuschen:
Meine Liebe, ich kann nicht leben als Dein Mann, ich habe mich gebunden, an Gott, so ich kann.
Das darf doch nicht wahr sein, was ist mit Dir los? Ich trage schon wieder ein Kind in meinem Schoß!
Ich muss aber noch einmal fort, diesmal geht es an einen ganz besonderen Ort.
Ich will nicht, das Du mich immer wieder verlässt! Wo bitte, sag mir, ist das gerecht?
Magdalena, verstehe doch, auch mir fällt es schwer, doch ich muss jetzt hinüber über das weite Meer.

Und wieder rollte er seinen Wanderteppich zusammen und machte sich auf den Weg.. Bis hoch nach Schottland verschlug es ihn, doch kaum jemand sah ihn seine Kreise ziehen. Doch, noch heute erscheinen sie ab und zu und immer mal wieder, sie werden Kornkreise genannt, doch nichts Irdisches warf sie nieder. Was er in Britannien für Wunder wirkte ist nicht überliefert, aber über diese Zeit plappert vielleicht ja mal sein eigener Kiefer.

 

Hochzeit in Kanaan

 

Als Jesus aus Britannien zurück war, nahm er seine Frau und die Kinder endlich mit zu seiner Mutter. Josef war inzwischen verstorben und Thomas hatte wie versprochen die Stellung gehalten.
Das Jesus wieder zu Hause war, konnte jeder merkten, der Augen und Ohren im Kopf hatte. Das Haus füllte sich und immer mehr Menschen kamen vorbei. Ein Fest nach dem anderen folgte den Tagen, denn die Freude war wirklich sehr groß. Er war gesund und glücklich zurück, sogar eine Frau und drei Kinder brachte er heim, und das sollte kein Grund zum Feiern sein?

Magdalena, komm, lass uns vor den anderen tanzen! Hier schaut zu mir, das ist meine Frau! Ich habe sie gefunden wie eine Perle im Sand, ich sage Euch, sie raubte mir gleich den Verstand!
Jesus, Jesus, der Wein ist gleich leer!
Mutter, was willst Du, ich bin hier der Herr!
Jesus, jetzt wird nicht gleich übergeschnappt, Du hast Gäste, was sollen die trinken?
Sag dem Ausschenk er soll Wasser zuschütten!
Und er verschwand mit Magdalena am Arm zwischen den Tanzenden. Maria richtete die Botschaft an den Ausschenk aus:
Wasser? Ja, spinnt denn der Mann!
Tu was er sagt, es ist sein Fest.
Und der Ausschenk füllte, den Kopf schüttelnd, das Wasser in die großen Krüge. Doch als dann den Wein probierte, da musste selbst er, als Kenner seines Faches, gestehen. Der Wein war gut. Wirklich sehr, sehr gut.

Thomas saß wie immer still dabei. Und das war auch irgendwie gut so, denn, ehrlich gesagt, wenn er auch so wie Jesus gewesen wäre, zum Einen hätte Maria das ganz bestimmt nicht verkraftet, aber zum anderen konnte man sie auf Grund des unterschiedlichen Benehmens überhaupt nur unterscheiden. Diese zwei glichen sich wahrlich bis aufs Haar. Und dieses war bei beiden sehr lang.

Denn neben der Tatsache, das sie beide Benjaminiten waren, die aus dem berühmten Geschlecht des Hauses David abstammten, waren sie zudem auch praktizierende Nazariten, und das bedeutete, dass sie sich die Haare niemals kurz schneiden ließen. Auch ihr Bruder Jakobus und ihr Vetter Johannes waren Mitglieder der Nazariten, einer jüdischen Sekte, die den Sabbat heiligte, aber alle fünf Bücher Moses als gefälscht ablehnte und sie behaupteten, dass das echte Gesetz sich von dem unterschied, was der Bevölkerung in dem angeblichen Testament offenbart worden war. Außerdem tranken sie verdünnten Wein und führten auch sonst ein möglichst asketisches Leben. Und als äußeres Zeichen ihrer Verehrung für den heiligen Kopf oder Schädel ließen sie sich die Haare wachsen und den Bart stehen. Die Nazariten waren also die Juden, welche ebenfalls den Schädelkult pflegten, und etwas, das Jesus als Kind nicht verstanden hatte, nämlich warum seine Mutter niemals ihr Haar geflochten trug, das verstand er heute. Liebe und Verehrung mussten aus freiem Willen geleistet werden, alles andere ergab keinen Sinn und führte am Ende nur zu einer sinnlosen Anhäufung irgendwelcher Vorschriften, die nur dazu dienten, das Volk von den wahren Problemen abzulenken.

 

Jesus der Politiker

 

Der Politiker seiner Zeit war natürlich kein gewählter Volksvertreter, so wie wir sie gewöhnt sind. Gut bezahlt, immer in Gesprächen und selten persönlich von dem überzeugt, was er gerade vor dem Volke vertritt.
Jesus hingegen war ein anerkannter und sehr gefragter Rabbi. Ein Gelehrter, der auf Grund seiner gesellschaftlichen Stellung und seiner persönlichen Ausstrahlung die Menge begeisterte. Und ziemlich schnell sprach sich nach seiner Ankunft herum, dass er auf Grund seiner königlichen Abstammung zudem auch noch den Thron Davids für sich beanspruchen konnte.

Das rief natürlich die herrschenden Priester auf den Plan. Und die fühlten sich nicht ohne Grund durch solche Forderungen in ihrem Einfluss und in ihren Pfründen bedroht. Denn ihre Macht sollte drastisch beschnitten, die Steuern sollten runter und die Zinsen wieder abgeschafft werden. Jegliches Fleischopfer sollte unterbunden, Musik und Tanz hingegen gefördert werden.
Die Gerechtigkeit sollte durch den König sichergestellt werden und alle Vergehen sollten auch zu sühnen sein, und das war ein ganz klares Nein zur Todesstrafe.
Dies alles war für ihn kein intellektueller Streit, den er mit diplomatischen Mitteln zu führen gedachte. Während seiner langen Reise hatte er sich das Ganze sehr gut überlegt, und irgendwann hatte er sich für A entschieden, und so konnte und wollte er nicht, Nein zu B sagen.

Du machst es also wirklich wahr, Jesus, Du willst wirklich ihr König sein?
Ja, Thomas, ich werde erlegen das schwarze Schwein.
Nun, ich habe mich ja nie so richtig für Politik interessiert, aber erkläre mir bitte trotzdem, was versprichst Du Dir davon? Die Menschen sind doch nichts weiter als eine Herde Vieh, warum also willst Du Dich vor sie spannen lassen?
Der Mensch ist kein Tier, er ist Gottes eigenes Ebenbild. Zu Sklaven machen wir uns wenn dann selbst.
Thomas kaute an seinen Fingernägeln.
Aber warum Verantwortung übernehmen für Dinge, die Dich nicht selbst betreffen? Und dabei lässt Du Andere sich um die Deine Dinge kümmern.
Jetzt bist Du ungerecht. Du wolltest bei Mutter bleiben.
Ja, weil Du es eh nicht getan hättest. Du bist immer Deinen eigenen Weg gegangen. Der wirkliche Nächste hat Dich nicht interessiert.
Ihr hattet Euch, ich hatte Euch nicht.
Aber Magdalena musste sich um alles selber kümmern. Die Kinder, das Haus, alles …
Da sind wir bei einem guten Thema. Ich möchte, das sie mit den Kindern bei Mutter bleibt.
Jetzt willst Du sie auch noch abschieben!
Das ist nicht wahr! Aber in den nächsten Monaten kann ich sie wirklich nicht gebrauchen. Es ist zu ihrem eigenen Schutz. Als meine Frau hat sie nur Schwierigkeiten zu erwarten, wenn ich mit meinem Vorstoß scheitern sollte.
Wieso? Was hast Du vor?
Ich werde am Paschafest in Jerusalem sein und im Tempel reden.
Nein, bist Du verrückt! Das werden die niemals zulassen! Das ist reiner Selbstmord.
Wenn es gelingt, dann habe ich die Krone, und dann werde ich all dem ganzen Spuk ein Ende bereiten!
Ach Jesus, Du solltest Dich setzen und lieber ganz still sein.

Aber Jesus war sich sicher. Er hatte sich alles sehr gut ausgedacht. Er würde das Orakel erfüllen. Denn, in der heiligen Schrift stand es geschrieben:
Ein Messias wird erscheinen und der Welt den Frieden bringen. Zu Pascha wird er in Jerusalem sein und er für Alle ein großes Zeichen setzen.

 

Das Schwarze Schwein

 

In Jerusalem hockten die Herrschenden beieinander und beratschlagten, was sie gegen den Aufrührer machen sollten. Ignoranz war langsam nicht mehr das geeignete Mittel der Wahl. Bisher hatten sie noch nichts unternommen, außer das ihre Spitzel und Kundschafter ausgeschwärmt waren und von der bevorstehenden Tempelrede berichteten.
Wir machen die Stadttore einfach zu.
Zu Pascha, Du Witzbold, wie willst Du an einem solchen Tag die Stadt verschließen.
Dann stellen wir Wachen vor den Tempel.
Na und, dann stellt er sich davor und spricht.
Wir müssen das unter allen Umständen verhindern.
Wenn die Maus erst einmal in der Falle ist, dann … schnipp-schnapp und aus die Maus.
Ja, aber wessen Verbrechen sollen wir ihn denn anklagen? Das er König sein will? Ich bitte Euch, den Prozess würden wir nie gewinnen.
Von was für einem Prozess redest Du? Wir übergeben ihn einfach den Römern und die Verurteilen ihn dann wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Aber wir können ihn doch nicht an die Römer ausliefern! Unseren eigenen König!
Jetzt sprichst Du auch schon wie das Volk da unten.
Wir kommen um seiner Rechtmäßigkeit nicht herum.
Deswegen sollten wir es gar nicht auf eine Prüfung ankommen lassen. Ich kenne den Pilatus gut. Ich rede mit ihm.
Aber, wie bekommen wir ihn in unsere Gewalt? Er wird von vielen Menschen umringt sein. Die Menge wird sich einer offenen Festnahme widersetzen.
Macht Euch keine Sorgen, es wird sich schon ein Weg finden. Ich kenne einen seiner Freunde gut.

Die Geschichte, die nun kommt, die setze ich als bekannt voraus. Jesus zieht in Jerusalem ein, macht einen Aufstand im Tempel und flüchtet mit seinen Anhängern, die zum Teil bewaffnet sind durch die Gassen. Das Volk, wie schon von den Priestern befürchtet, schützte ihn mit einer Menschenmauer und ein wohlhabender Freund ließ ihn und seine Männer ins sein Haus ein, und von da an herrschte erst mal wieder Ruhe.

Wie willst Du jetzt noch zum Tempel durch kommen? Jetzt haben sie garantiert überall Wachen aufgestellt.
Und hier können wir auch nicht ewig bleiben.
Beruhigt Euch, alles wird gut. Setzt Euch jetzt erst mal, und lasst uns speisen.
Wie kannst Du nur so gelassen bleiben?
Gott ist mit mir. Wir werden siegen.
Jesus, wir sind keine Armee.
Kein Blut wird vergossen werden, Ich werde mich morgen den Behörden stellen, und dann werde ich mein Recht bei Gericht einklagen. Ich bin der König, der Sohn des RA.
Ja, Du bist der versprochene Messias aus dem Hause Davids.
Oh ja, Jesus, Du wirst ab morgen unser neuer König sein.

Als die Truppen im Morgengrauen überraschend kamen, da schliefen fast alle und Jesus stand mit Thomas im Garten. Er war noch einmal auf den Hügel geklettert und hatte sich still in sein Gebet versenkt, als die feindlichen Kräfte kamen.
Nur, woran sollten die Soldaten den Aufrührer erkennen?
Da, wo Du Doppelt siehst, hatte man den Soldaten gesagt.
Das Jesus einen Zwillingsbruder hatte, das wusste zwar nicht jeder, aber einer der Hohepriester, der wusste es genau, denn das schwarzes Schwein hatte ihm diesen Tipp geben.

 

Die Bruderschaft der Schlange

 

Mindestens einer der Priester im hohen Rat war ein hochrangiges Mitglied dieser Sekte, oder wie immer man diesen Verein auch bezeichnen will. Er war so alt wie der Schädelkult der Brüder des Lichts. Die Brüder der Schlange waren die Seths, die den Mann der Begehrten umbrachten, sie waren die Kains, die den Bruder aus Habgier erschlugen, sie waren die, welche Töchter schwängerten und sie waren die, die ihre Frauen verkauften. Sie waren die „Hyksos“ der Römerjahre, und sie waren alle ziemlich grau im Gesicht.

Das Böse schlechthin, gibt es das überhaupt? Jesus hat es letztendlich wohl bezweifelt. Denn er erkannte in Allem den Schöpfer. Für ihn war Gott so hell wie die Sonne, und so stark wie die Nacht. Und dennoch hatte er offensichtlich eine Kleinigkeit übersehen. Denn, das Märchen vom Mann Jesus, der freiwillig in den Tod ging, das möchte ich an dieser Stelle eindeutig in Frage stellen.
Warum soll Jesus seinen Tod als Gottes Wille verstanden haben? In seinen Augen lehnt Gott jedes Menschenopfer ab. Nur ein mieses schwarzes Schwein würde sich über den leblosen Körper eines geschlagenen Menschen freuen. Ra, der Herr der Sonne, jedenfalls niemals. Davon war er überzeugt.
Wenn wir also Karfreitag seines Opfers gedenken, dann sollten wir wissen, an wen dieses Opfer adressiert worden ist. Die Schwarzen Schweine opferten immer schon nur die Besten. Bei Isaak konnten die Frauen ja gerade noch das Übelste verhindern. Bei Jesus hingegen hatten sie der Schwarzen Macht anscheinend keine ausreichende Kraft mehr entgegenzusetzen.

Und so ging mit dem Tode von Jesus die gesamte Dynastie der Benjaminiten in Jerusalem zu Grunde. Jetzt gab es nur noch in Griechenland, in Rumänien, bei den Franken und vielleicht auch noch auf den britischen Inseln und natürlich in Südfrankreich welche von ihnen. In all diese Länder hatte es die Benjaminiten in den letzten 1000 Jahren verschlagen, denn der Glaubenskrieg zwischen den Brüdern des Lichts und den Brüdern der Schlange war schon ein sehr alter Krieg.

Magdalena flüchtete mit ihren Kindern, Maria und einigen anderen mit einem kleinen Schiff nach Südfrankreich. Maria zog sich als Einsiedlerin in ein kleines Haus in die Berge zurück. Magdalena und die anderen jedoch vereinigten sich mit den dort ansässigen Benjaminiten und begründeten später das Geschlecht der berühmten Magierkönige, aus denen die Dynastie der Merowinger hervorgehen sollten

Thomas, der als Spiegelbild bei der Festnahme gedient hatte und sehr unter dieser Tatsache litt, packte seine Habseligkeiten zusammen und zog mit der Lehre seines Bruders in Richtung Osten. Dort verbreitete er sein Evangelium, welches erst vor wenigen Jahren als Originalschrift in alten Tonkrügen wieder gefunden worden ist. Alleine sein Zeugnis beweist, das an der angeblichen Zimmermanns-Geschichte eine ganze Menge faul ist.

Petrus hingegen ist der feige Mann, den der Hohepriester so gut kannte. „Auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen!“ Das ist lachhaft und erstunken und gelogen. Im Gegenteil, Petrus war die Schlange an Jesus Brust. Nicht, dass er ihn mit Absicht verriet. Nein, er war einfach nur zu ungebildet und sehr leicht zu beeinflussen. Und so ging Petrus nach Rom, weil der Priester ihn dort hin schickte und ließ ihn gegen den predigenden Thomas antreten. Petrus beschwerte sich bitter über Thomas, weil dieser die Menschen anzog und tatsächlich erfolgreicher als er selber war. Kein Wunder eigentlich, dass Petrus heute nur noch für das Wetter zuständig ist. Gehaltvolleres hat er uns jedenfalls nicht hinterlassen.

In Jerusalem waren die Benjaminiten und ihre Sympathisanten jedenfalls nicht mehr sicher, Viele verließen das Land und ihre Kultstätten gingen verloren. Allerdings gab es da womöglich einen ganz besonderen Schatz, der nicht aus der Stadt getragen werden konnte, oder den man lieber weiterhin unentdeckt und gut vergraben in der Stadt lassen wollte. Die Rede ist vom sogenannten heiligen Gral.

Die Existenz dieses Grals hing immer wie ein Schleier über der Geschichte und immer wieder hatte man davon gehört. Doch, was der Gral eigentlich ist, darüber konnte man sich nicht einigen. Ein geheimer Schatz sollte es sein, nur worin der Wert dieses Geheimnisses bestand, das konnte keiner so genau sagen.
König Artus zum Beispiel, oder die französischen Adligen, die sich auf den Weg in den Orient begaben … die Kreuzzüge um eine Stadt in der Wüste Israels. Wozu das Ganze? Was gab es da zu holen, was war zu verteidigen?

Und es stellt sich natürlich die Frage: „Mein Gott, warum hast Du ihn verlassen?“ Diese Frage beschäftigt mich, seit ich von dieser verzweifelten Äußerung gehört habe. Was meinte Jesus damit, als er diesen Schmerz erstickten Schrei ausstieß, falls man den überlieferten Quellen wenigstens in diesem Punkt glauben darf.
Warum glaubte er verlassen worden zu sein? Und, wurde er tatsächlich von Gott verlassen? Und wenn ja, warum? Was hat Jesus falsch gemacht? Denn, dass irgend etwas schief gelaufen sein muss, das liegt eigentlich auf der Hand.
Er wollte dem Spuk der schwarzen Schweine ein Ende setzen und dem Land und seinen Menschen den leuchtenden Frieden bringen. Er wollte ihnen ihr Königreich zurück geben und sie unter einer neuen, Menschen würdigeren Philosophie vereinigen. Er wollte die 10 Gebote Gottes zum Maßstab des gesellschaftlichen Handelns machen und eine Gemeinschaft führen, die auf Nächstenliebe und der Achtung vor der Schöpfung aufgebaut ist. Das sind doch eigentlich alles sehr ehrenwerte Ziele. Wieso versagte ihm Gott am Ende die Unterstützung?
Warum hat ER ganz zum Schluss, als Jesus das Ziel mit den Händen fast greifen konnte, seine schützende Hand weggezogen? Welche Ursache erforderte diese Wirkung? Wem war am Ende mit all dem gedient?

Oder hatte Jesus von vorne herein gar keine echte Chance gehabt? Und Holla, da fällt uns doch siedend heiß ein:
Und ihr sollt ewig ohne ein eigenes Land sein … ihr sollt im Schweiße Eures Angesichts … für Euch gibt es kein Paradies mehr, weder im Himmel noch auf Erden.
Und wir hören die strenge Stimme RAs: … und das Urteil lautet: lebenslänglich, was nichts anderes bedeutet als ewig und drei ganze Tage.

Allerdings, eine kleine Chance gibt es vielleicht doch, denn, der Allmächtige hat das Recht Gnade walten zu lassen. Zudem gibt es ein Gesetz, welches diese Gnade erklärt. Denn es gilt: „Jede Sünde, und sei sie noch so gewaltig, ist zu büßen und zu sühnen und damit auch wieder aus der Welt zu schaffen.“ Das ist SEIN Gesetz. Und auf diesen Paragraphen könnten wir eine Verteidigung aufbauen und ein neues Gnadengesuch einreichen.
Dazu müssten wir allerdings die Wiederaufnahme des Verfahrens erreichen. Packen wir das Schwarze Schwein also endlich bei den Hörnern und fordern die Wiederaufnahme des Verfahrens, mit der Begründung, das neue, bisher noch nicht öffentlich verhandelte Beweise vorliegen, die, mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg, das alte, gnadenlose Urteil „lebenslänglich“ in eine zeitlich begrenzte Haftstrafe verwandeln könnte.

 

Der verlorene Mantel

 

Was braucht der Mensch zum leben?

Einen Teppich um damit zu fliegen,
einen Mantel um darin zu siegen,
einen Kopf der mit einem spricht,
und, möglichst auch etwas Kerzenlicht.

Vielleicht war vor Adam und Eva schon verloren das Glück,
denn auch schon Göttin Isa fehlte ein wichtiges Stück.
Sie hatte den Teppich und auch den Mantel.
Nur, so frage ich: Wo war der Kopf ihrer Tante?

Dann ging der Mantel mit dem Mann,
und auch der Teppich war weg, irgendwann.
Das einzige was den Frauen noch blieb,
das ist das Licht, das wirklich liebt.

Doch auch dieses flackert schon bedenklich,
denn wir fühlen: Ein kalter Wind streift das Gesicht.
Ich sage: So geht das wirklich nicht mehr weiter!
Ab heute wird wieder gestiegen auf der Leiter!

Und einmal kräftig angeklopft:
Hallo! Jetzt wird geredet und nicht gekocht!
Wir Frauen haben die Nase gestrichen voll,
wir fragen uns wirklich, was das Alles soll!

Mann, rücke endlich raus die geklauten Sachen,
Du bist einfach zu doof etwas d‘ raus zu machen!
Und in diesem Moment wird mir einiges klar:
Kopf und Mantel hat das Schwein vielleicht ja schon,
aber der Teppich, wo war der eigentlich geblieben?
Mutter Isa hatte ihn kurz vor ihrem Tode in einer Vision unter dem Hintern einer Frau gesehen, die mit ihren Fingern auf ein leuchtendes Ding tippte. Das Bild des Teppichs war ein Schöpfungsmythos auf rotem Grund.

Nun, und der Kopf, so glaube ich,
der liegt in Schottland begraben,
und wer den Mantel trägt, nun ja,
das weiß jede Frau in diesen Tagen.

Diese beiden Dinge muss die Frau sich wieder holen, ja und wenn ich tatsächlich den fliegenden Teppich habe, dann könnte es durchaus gelingen, das Schwarze Schwein aus seiner Höhle zu jagen. Dann, setzen wir diesen fetten Kerl einfach mal ein bisschen auf Diät, und nach einer zeitlich befristeten Ewigkeit wird er vielleicht wieder zu einem ansehnlichen, kleinen Hausschwein geworden sein.
Gesetzt also den Fall, den fliegenden Teppich hätte ich, wo ist dann der Kopf der Tante und der verlorene Mantel?

Nun, reden wir zunächst über die sprechenden Köpfe:

Es gibt eine ganze Anzahl von ihnen. Sie gehören der Bruderschaft des Lichts. Es sind ihre Jahrtausende alten Reliquien, die sie unter Einsatz ihres Lebens in erster Linie vor Missbrauch schützen sollten. Denn manche dieser Köpfe reden leider mit jedem. Und wie es einem Kopf ergehen kann, wenn er nicht brav plappert, was der Besitzer von ihm erwartet, dann fliegt er in hohem Bogen aus dem Fenster und womöglich einem noch dümmeren Mann direkt vor die Füße.

Natürlich sind das nicht irgendwelche Köpfe, denn, das wäre aufgefallen, spätestens nach der Französischen Revolution. Da lagen davon so viele auf den Straßen, das man ihr Geschrei sicherlich gehört hätte. Nein, im Ernst, beim Schädelkult geht es nicht um ein grausames Enthaupten zum Zwecke der Verstümmelung einer Leiche.
Der Schädelkult huldigt über die Verehrung des Schädels den Geist, der in ihm wohnt. Denn, bei sachgemäßer Anwendung der Regeln und Ausführung der entsprechenden Rituale, die naturgemäß ein großes Geheimnis sind, kann der Geist eines Verstorbenen wieder zu den Menschen sprechen. Und zwar, wenn man den historischen Quellen folgt, so klar und deutlich, das jeder, der Zeuge eines solchen tete a tete war, von großer Ergriffenheit erfüllt wurde. Natürlich, diese Darstellungen werden von einigen bezweifelt, allerdings fällt auf, das diese Zweifel immer nur von Menschen geäußert werden, die es nicht selbst miterlebt haben. Das brauchen sie aber auch nicht, denn sie bestreiten schlicht die physikalische Möglichkeit, dass Tote sprechen können.

Gut, dazu sage ich, wer nicht zuhören will, der soll halt in seiner Höhle der Dummheit sitzen bleiben, bis ihm langweilig wird. Aber ich finde, es wurde nun wirklich lange genug geschwiegen. Lasst die magischen Köpfe doch einfach mal zu Wort kommen! Dann können wir immer noch entscheiden, ob wir sie ernst nehmen wollen oder nicht. Ansonsten haben wir zum Glück ja auch noch unseren eigenen Kopf. Wenn man mit dem richtig umgeht, dann kommt da auch eine Menge heraus.

Die Sache mit dem Mantel ist da schon erheblich komplizierter:

Eindeutige Beweise fehlen hier auch heute noch. Aber es gibt interessante Indizien, die darauf schließen lassen, das die letzte Besitzerin eine Frau namens Maria war. Zumindest hätten einige sie gerne darin gesehen. In vielen Gemälden der großen Meister, unter ihnen auch Michelangelo und Leonardo da Vinci, wurde die Mutter Jesu als Sinnbild der Mutter Gottes, in einen blau-roten Wendemantel gekleidet, abgebildet. Mutter Gottes oder Große Mutter, das macht nicht nur in diesem Zusammenhang keinen so großen Unterschied.
Es ist also anzunehmen, das der Mantel zumindest bis vor 2000 Jahren immer noch im Besitz der Benjaminiten war. Da Maria dieses wertvolle Stück sicherlich auf ihrer Flucht nach Frankreich dabei hatte, ist er vielleicht in den Besitz der Merowinger, also der Magierkönige übergegangen. Nur danach verliert sich die Spur in den herrschaftlichen Anwesen der nachfolgenden Königshäuser. In wessen Schrank oder Truhe er jetzt verborgen ist, das ist noch nicht hinreichend geklärt. Aber das lässt sich sicherlich in Erfahrung bringen.

Zumal ich hier, wie auch bei der Sache mit den Köpfen, daran erinnern möchte, das wir alle auch mal an unseren eigenen Kleiderhaken schauen sollten. Wenn dort kein Mantel hängt, dann sollte man schleunigst Einen erwerben, denn der Winter steht vor der Tür.

 

Das hohe Gericht

 

Ich hatte meine Beweise alle mit gebracht. Sie lagen in einer großen Kiste und warteten darauf, das ich sie bei meinem Plädoyer hervor zaubern würde, um für die Sache der Frauen ein Wort einzulegen. Ich hatte mich dazu entschieden, nicht einfach nur um Gnade zu bitten. Ich wollte auch einige Fakten auf den Tisch legen, die bei der Verhängung des einst maligen Schuldspruchs vielleicht so noch nicht zu Tage getreten waren, und die von daher, bei der Urteilsfindung eventuell nicht genügend berücksichtigt worden waren.

Ich hatte ein paar wichtige Zeitzeugen eingeladen und dem Gericht auch schon einige neue historische Erkenntnisse und Fakten zur Kenntnisnahme vorgelegt. Ich war also durchaus gut vorbereitet. Und dennoch, ich war ziemlich nervös.
Was, wenn ich mich irgendwo vertan hatte, ein klitzekleiner Fehler in der Argumentationskette, oder irgendein anderer Schnitzer … herrje, ich hatte Lampenfieber.

Eine große Flügeltür öffnete sich plötzlich, und vor mir zeigte sich der große Saal des hohen Gerichtes. Ich trat ein und zog die schwere Kiste hinter mir her. Wie gut, dass ich Rollen dran gemacht hatte. Ich suchte meinen Platz und fand jedoch nur einen Stuhl in der Mitte des Raumes. Hm … dachte ich, da sitzt doch normalerweise der Angeklagte? Oder etwa nicht?
Ob nur Zeuge oder angeklagt, alle müssen in der Mitte Platz nehmen, sagte eine Stimme direkt neben mir. Das war einer der Gerichtsdiener. Ein Zwerg von Wuchs, aber dennoch sehr bestimmend. Ich trat also in die Mitte und stellte die Kiste so, das sie mir als Tisch dienen konnte.
Bitte, stellen sie die Kiste etwas zur Seite, das gebührt der Ehre, die Sie dem Gericht gegenüber zeigen sollten.
Also gut, ich schob die Kiste neben mich, und wollte schon gerade wieder etwas beleidigt eine Schnute ziehen und meine spezielle, betont lässige Haltung einnehmen, da öffnete sich eine Seitentür und RA trat in den Saal.
So, um was geht es heute?
Die Erbschuld-Sache, hörte ich einen Beisitzer sagen, der hinter dem Richter hergehend, den Raum betrat.
Ach diese alte Geschichte. Hm … ich dachte, das wäre längst entschieden.
Diese Frau ist in Berufung gegangen.
Eine Frau? Dürfen die das denn überhaupt?

Ich sah ein kleines Zwinkern im rechten Auge des RA, und entspannte mich etwas. Dann saß er direkt vor mir und starrte mich an.
Und, was hast Du vorzubringen?
Gesunden Menschenverstand.
Das werden wir ja sehen. Wieso willst Du die Wiederaufnahme des Verfahrens?
Ich wünsche sie mir.
Warum?
Nun ja, einfach nur bockig zu sein, hilft nicht weiter.
Aha. Nun, ich höre.
Ich bin der Meinung, das Schwein ist zu dick. Es gehört auf Diät gesetzt. Und zwar schnell. Es droht ein schwerwiegender Infakt, wenn wir nicht sofort die Ernährung radikal umstellen. Viel Gemüse, Getreide und etwas Obst, ja, aber das Fleisch und wenn möglich auch der Fisch, die müssen dem Nimmersatt vorenthalten werden. Zu häufiger Fleischgenuß macht aggressiv.
Ach, ich dachte es ging um die Erbschuld.
Es geht um ihre Folgen.
Ach so.
Es ist vollkommen richtig, und ich möchte es an dieser Stelle auch noch einmal ganz klar sagen, die Frauen haben ihr Wissen an die Männer verraten. Ja, sie haben mal wieder zu viel gequatscht. Sie haben eine Regel missachtet. Ja, sie haben den Kopf verloren und ihre Macht mit dem Mann geteilt. Ja, und das war auch tatsächlich ein großer Fehler … Aber, hohes Gericht, was hat der Mann mit dem anvertrauten Wissen getan? Wo bleibt seine Verantwortung? Tragen denn die Frauen auch für die Taten der Männer die Schuld? Sind denn die Männer unsere Kinder, für die wir ein Leben lang haften?
Im Grunde, Ja.
Weil wir sie geboren haben?
Und weil ihr sie erzieht.
Aber jede Frau hat auch einen Vater. Wie steht es denn mit seiner Verantwortung?
Das ist ja der springende Punkt. Er war für den Posten des Erziehers nicht vorgesehen. Er war noch nicht reif genug. Was glaubst Du denn, wozu die Regel gut war? Die Frauen sollten das Wissen für sich behalten, es war zu ihrem eigenen Besten. Sie lebten in paradiesischen Verhältnissen. Aber wer die Klappe nicht halten kann? Dummheit schützt nun mal vor Strafe nicht.
Und, wie lang ist das jetzt her?
Ach, der Fehler ist schon alt. Aber er wird immer wieder gemacht. Irgendwann quatscht immer eine. Das liegt wohl in ihrer Natur.
Vielleicht tun sie es aus Liebe? Oder aus dem Bedürfnis heraus, alles miteinander zu teilen?
Es war dafür aber noch zu früh. Basta.
Und, wie reif ist der Mann?
Er besitzt 2 – 3 Punkte.
Ach, gibt es für die Reife auch Punkte?
Es gibt für alles einen Punkt, wie sollte man sonst den Überblick über den Entwicklungsstand erhalten.
Und wie weit entwickelt ist der Mann von Heute?
Da müsste ich mal nachrechnen … ich würde sagen, er ist in den sogenannten Besten Jahren. Sieht gut aus. Hat was im Kopf. Ist sportlich …
Sag mal RA, willst Du mich veräppeln? Wann warst Du denn das letzte mal auf der Erde?

RA schaute mich eindringlich an.
Was hast Du an den Männern denn auszusetzen?
Sie sind verantwortungslos. Sie benehmen sich wie dumme Buben, die mit geladenen Pistolen herum hantieren. Sie scheren sich einen Dreck um die langfristigen Folgen. Und wenn einer bei ihrem dummen Spiel umfällt, dann verleihen sie sich auch noch selbst einen Gummipunkt dafür. Doch, das Schlimmste ist eigentlich, dass sie nicht wissen was sie tun. Sie bemerken es noch nicht einmal. Hocken am Tresen und labern einem einen Knopf an die Backe, bilden sich wer weiß was ein, und zu Hause drangsalieren sie ihre Frauen so lange, bis sie alleine im Zimmer sind. Irgend jemand muss denen doch mal klar machen, dass sie keine kleinen Kinder mehr sind. Das sie erwachsen, und für ihr Tun verantwortlich sind.
Hm … wie alt ist der Mann denn jetzt?
In den Besten Jahren, das sagtest Du ja eben selbst.
T’ja, wie die Zeit vergeht. Gut. Du klagst also ihre Verantwortung ein.
Ihre Mitverantwortung. Ich will kein neues Matriachat, und ich will auch kein noch so verantwortungsbewusstes Patriachat, ich will schlicht vollständige Mitverantwortung. Ich will Gleichberechtigung. Und dann sollte jeder einfach nur das tun, was er am Besten kann. Ich bin nicht nur davon überzeugt, dass das Leben dann besser läuft, ich bin sogar ziemlich sicher: Dann leben wir alle im Paradies.
Auch die Schwarzen Schweine?
Die werden dort zuerst auf strenge Diät gesetzt.
Hm … und wer organisiert das Ganze?
Du und Isa.
Wie, was hat Isa denn damit zu tun? Meine Frau braucht nicht arbeiten zu gehen.
Jeder soll tun, was er am Besten kann. Und auch Isa gehört nicht nur in die Küche.
Sie ist aber ein Nachtmensch.
Das macht ja nichts, ein sehendes Auge ist auch in der Dunkelheit gut. Du verabschiedest Dich jeden Tag für mindestens ein paar Stunden. Vielleicht weißt Du gar nicht immer so genau, das während Deiner Abwesenheit alles so passiert? Die üblen Sachen finden meistens mitten in der Nacht statt.
Es ist nicht so, als wüsste ich das nicht.
Aber mit eigenen Augen und Ohren die Scheiße zu sehen und zu hören, das ist ein erheblicher Unterschied. Ich habe Isas Mantel jedenfalls schon mal mitgebracht. Ich finde, den sollte sie ab heute wieder tragen. Er müsste nur unbedingt vorher in die Reinigung und einige Stellen sollten dringend ausgebessert oder auch ganz ersetzt werden.
Wo hast Du ihn denn gefunden?
Er hängt im Zimmer einer jeden Frau.
Nun, es müsste dann aber schon dieser ganz bestimmte Mantel sein.
Du stellst Dich aber an.
Ich bin halt ein Mann.
Nun, wenn das so ist, in meiner Kiste liegt einer, der könnte schon passen. Ich meine, der sieht Deinem wirklich sehr ähnlich.
Dann zeige ihn mal.
Das würde ich sehr ungern tun, der Mantel ist unter Umständen arg infiziert.
Das macht mir nichts aus.
Aber mir vielleicht.
Dann gib dem Gerichtsdiener das schmutzige Ding, er soll es in der Aservatenkammer aufbewahren. Um die Reinigung dieses Beweisstückes können wir uns dann ja später noch kümmern.
Ich öffnete die Kiste und überreichte dem Zwerg die goldene Truhe.
Gut. Und was hast Du noch vorzubringen?
Es gibt da ein paar Köpfe.
Soso.
Sprechende Köpfe.
Schon interessanter.
Sprechende, tote Köpfe.
Und was ist mit denen?
Ich würde sie gerne zu Wort kommen lassen.
Das würde ich mir an Deiner Stelle noch mal gut überlegen. Selten hat das Gequatsche der Toten wirklich was gebracht. Außer einen Haufen Probleme.
Das sehe ich auch so, nur, im Moment werden durch sie offensichtlich die Falschen beraten.
Die Köpfe, die Du im Sinn hast, sind sehr kluge Köpfe. Glaubst Du wirklich, die merken nicht, wer mit ihnen spricht?
Es sind die Köpfe von Männern.
Nun, das ist ein Punkt.

Jetzt hatte mein zweites Beweisstück seinen Auftritt. Es sind in der Regel die Köpfe von Männern. Aber natürlich gibt es auch hier, wie so oft, die berühmte Ausnahme. Ich kramte in meiner Kiste und zog einen alten Kopf hervor.
Wenn ich vorstellen darf: Edda, der kluge Kopf der alten Tante!
Schön, das ich auch endlich mal zu Wort kommen kann! Guten Tag! Ja, ich heiße Edda und ich warte jetzt hier in der schäbbigen Kiste schon eine halbe Ewigkeit …
Nun schimpfe nicht gleich wieder los. Hallo Tante Edda, wie geht es Dir?
Das wagst ausgerechnet Du mich zu fragen? RA, ich bin Deine gute, alte Tante und verdiene ich nicht gerade deshalb ein bisschen mehr Respekt?
Meine liebe Tante, in die Kiste hast Du Dich selbst gebracht.
Das schlägt einem Faß doch den Boden aus! Du warst es doch! Du hast mich doch mit Deinen Dummköpfen in den Ruin getrieben!
Ich? Also bitte, ich habe nichts dergleichen getan.
Da, es ist wie immer, für nichts wollen sie verantwortlich sein! Waschen ihre Hände in Unschuld und zucken mit den Schultern. RA, ehrlich, die Verletzung der Aufsichtspflicht, die musst Du Dir schon vorwerfen lassen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Wer hat denn hier nicht aufgepasst? Ich konnte bei der Menge an Sorgen und Verpflichtungen meine Augen nicht immer überall haben. Und ein junger Mann wie Du, der ist nicht unbedingt überfordert, wenn man von ihm erwartet, dass er auf ein paar dumme Jungs aufpassen soll.
Das ist aber nun mal nicht mein Job.
Dann lass das Deine Frau machen. Wenn Du Dich dazu nicht imstande siehst, gut, aber zumindest nachts sollte jemand mal nach den Kindern schauen.
Da solltest Du dann aber doch besser mit Isa drüber sprechen.
Das habe ich schon. Sie ist durchaus einverstanden. Allerdings benötigt sie dazu ihren Mantel wieder.
Habe ich ihn vielleicht verloren?
Nein, das war nicht Deine Schuld. Das behauptet niemand. Aber in die Reinigung kannst Du ihn bringen. Jetzt, wo er wieder da ist.
Das werden wir ja sehen. Ich werde dieses Kleidungsstück von meinen Leuten eingehend untersuchen lassen. Danach werden wir weiter sehen. Und, Tante, was hast Du jetzt vor?
Ich gehe in die Küche und mache was zu Essen, das ist nämlich das, was ich am Besten kann.
Ach, das ist ja eine gute Idee, nur, wenn ich Dich bitten darf, gib dem Schwein kein Fleisch mehr, es ist wohl in all der Zeit doch etwas zu fett geworden.

 

Der fliegende Teppich

 

Nachdem nun Kopf und Mantel wieder da waren, wo sie hingehören, machte das Gericht eine kleine Pause, Ich ging auf den Gang um eine Zigarette zu rauchen. Bisher, so hatte ich den Eindruck, war doch alles ganz gut gelaufen. Gut, die Prüfung des Mantels stand noch aus, aber ich war zuversichtlich und sah der Untersuchung gelassen entgegen. Tante Edda war mir zwar immer noch etwas fremd, aber ich fand, sie hat ihren Auftritt gut hinter sich gebracht. Ist ja auch nicht einfach für eine so alte Dame. Vor allen Dingen, weil doch mehr Besucher im Saal anwesend waren, als ich zunächst angenommen hatte.
Und tatsächlich, das Interesse an dem Verfahren schien sogar noch zu wachsen, denn jetzt kamen immer mehr Menschen die Treppe hoch.
Wo geht es denn bitte zu dem Erbschuld-Prozeß?
Vorne rechts, im großen Saal.
Danke. Mein Name ist Einstein Ich bin hier als Zeuge geladen.
Oh, Herr Einstein! Welche Überraschung! Ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt. Gut sehen Sie aus.
Danke. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber es geht mir gut. Gesundheit ist doch immer noch das aller Wichtigste.
Sie sagen es! Was machen denn ihre Beine? Ich sehe, sie benötigen gar keinen Rollstuhl mehr.
So ist es. Schön, nicht wahr? Die Krücken habe ich auch weggeworfen, sogar die Treppe hier hinauf habe ich gut geschafft.
Das freut mich sehr für Sie. Aber bitte, ich glaube es geht weiter. Kommen Sie mit mir, ich kenne den Weg.
Wenn ich fragen darf, junge Frau, wie heißen Sie denn?
Ich heiße Monica Kraemer, ich bin ihre Anwältin.

Ich bot Herrn Einstein den Stuhl an und setzte mich neben ihn auf die große Kiste.
Ja, aber, bin ich denn hier angeklagt? Wieso brauche ich einen Anwalt?
Ob Zeuge oder angeklagt, jeder sitzt in der Mitte.
Worum geht es denn bei diesem Prozess genau? Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt, wieso man ausgerechnet mich dazu vorgeladen hat. Ich bin doch nur ein einfacher Physiker. Solche philosophischen Dinge haben mich nie wirklich interessiert.
Das glaube ich ihnen gerne. Doch ob Physik oder Philosophie, ist das am Ende nicht das Gleiche?
Nun ja, aber die Physik beschäftigt sich dann doch eher mit den Tatsachen, weniger mit den Fragen der Auslegung.
Weltbild ist Weltbild. Letztlich geht es doch immer um die eine Frage: Wer füttert das Schwarze Schwein?

Man erhob sich, denn nun trat RA wieder in den Saal. Nervöses Husten auf der Besucher-Tribüne brachte mir den Ernst der Lage wieder zu Bewusstsein. Ich zog mein Kleid glatt und wartete darauf, das RA sich setzte.
So, dann wollen wir weiter machen, bitte, so setzen Sie sich doch, ich bin gleich soweit.
Er bückte sich unter seinen Richtertisch und kramte eine alte, und offenbar sehr verstaubte Akte hervor, und hustete.
Mann Gottes, hätte die nicht einer vorher mal abstauben können? Mensch, von wann ist die denn? … och, noch gar nicht so alt, 1904! Aha, ein interessantes Jahr. Ein gutes Jahr. Beinahe.

Er wandte sich uns zu und schaute auf meinen Zeugen.
Ah, Herr Einstein. Schönen guten Tag. Wie ich sehe, geht es Ihnen wieder gut. Das freut mich. Und ohne Krücken, wie ich sehe. Ihre Genesung macht also Fortschritte …
Ja, und vielen Dank auch für den Kur-Gutschein. Es hat mir dort sehr gefallen und ich habe doch auch eine Menge noch dazu lernen können.
Sehr schön. Nun, aber nun zur Sache. Herr Einstein, warum ich Sie gebeten habe zu kommen, ist, nun, wie soll ich mich ausdrücken … eine etwas heikle Geschichte. Es geht dabei um einen alten Teppich. Sie wissen sicherlich, welchen ich meine. Den mit dem Schöpfungsmythos auf rotem Grund.
Ach der … ja, also, davon weiß ich nichts. Ich habe ihn nie mit eigenen Augen gesehen.
Sind Sie sich da ganz sicher? Sie wissen, als Zeuge müssen Sie die Wahrheit sagen vor Gericht. Ich kann Sie ansonsten wegen Meineid verurteilen.
Wirklich Herr Richter, ich selbst habe ihn nie persönlich gesehen.
Aber sie haben von ihm gehört.
Durchaus. Ja, das kam schon vor.
Interessante Sache, nicht wahr?
Sicherlich …
Warum sind Sie denn eigentlich nie zu einer der Veranstaltungen gegangen, bei denen der Teppich zu sehen war.
Och … das hatte sich leider nie so ergeben.
Aber möglich gewesen wäre das schon?
Ja, also, na, nun ja … ich war immer viel auf Reisen, wissen Sie, da hört und sieht man so eine ganze Menge.
Nur keine fliegenden Teppiche.
Nein, die ausgerechnet nicht.
Schade. Wirklich sehr schade. Damit hätten Sie eine ganze Menge Punkte gut machen können. Jetzt, so sehe ich hier, haben Sie noch einiges an Minuspunkten auszugleichen. Wenn Sie den Teppich wenigstens gesehen hätten, das wäre schon ausreichend gewesen. Aber so … tut mir wirklich Leid, doch, Sie müssen die Klasse wiederholen.
Ja, aber, ich … bin ich denn hier nicht als Zeuge geladen?
Natürlich, aber ich sagte ja, Meineid ist Meineid.
Einstein war erschüttert! Er soll meineidig geworden sein? Er, ein Wissenschaftler von so gutem Ruf?
Ja, aber Herr Richter, ich habe doch nicht gelogen!
Aber Sie haben nicht alles gesagt.
Ja, aber, wenn ich den Teppich doch nie gesehen habe! Wirklich, Herr Richter, glauben Sie mir!
Aber Sie hätten es durchaus gekonnt.
Das ging doch nicht, das schwarze Schwein hätte mich doch sofort aufgefressen!
Was für ein schwarzes Schwein?

Einstein beugte sich nach vorn und flüsterte:
Herr Richter, das Schwarze Über-Schwein.
Interessant. Sie hatten also Angst vor einem Schwein?
Ja, was glauben Sie, wie froh ich bin, das ich nicht mehr auf der Erde bin. Dieses Schwein ist wirklich fürchterlich. Es stinkt bestialisch und macht einen schrecklichen Lärm. Es spuckt Feuer und heißen Dampf. Es sieht unglaublich hässlich aus und wenn man ihm zu nah kommt, dann ist es ruck-zuck aus.
Und dieses schreckliche Ungeheuer lebt auf der Erde?
Ja, Herr Richter, und es wächst. Jeden Tag wird es fetter und fetter. Am Anfang, als es noch klein war, da fraß es vielleicht ein paar Nüsse und Blumen, es schnappte sich auch schon mal was Festes, aber im Grunde war es ein Schwein wie alle anderen. Doch dann, eines Tages, da verwandelte es sich. Es schrie vor Wut und auch vor Schmerzen. Nun, und dann stieß es einen Fluch aus: Ihr sollt nie wieder glücklich sein, ihr sollt werden wie ich, ein armes Schwein.
Ach herrje, das hat das Schwein gesagt.
Geflucht hat es. Dreimal geflucht.
Na, wenn das so ist. Und was habt ihr dann mit dem Schwein gemacht?
Wir haben es natürlich gefüttert.
Wieso das denn?
Es sagte, wenn wir ihm nicht opfern würden, dann würde er Pech und Schwefel über uns bringen. Es wollte uns töten. Es war echt gefährlich. Aber dann kam einer drauf, ich weiß nicht ob Lot oder Abraham, dieses Tier so fett zu füttern, dass es sich nicht mehr bewegen kann. Dann wollten sie es einsperren und sicher verwahren.
Ach so. Und dann ist es entlaufen?
Nicht so direkt, wir haben es aus seinem Stall befreit. Es war einfach zu groß geworden.
So so, und jetzt macht es die Gegend unsicher, oder was?
Nein, wir haben das Schwein unter unserer Kontrolle.
Ach, tatsächlich?
Ja, meistens ist es sogar so zahm, dass wir es streicheln können.
Ihr streichelt diesen Fettwanst?
Ja, das mag er sehr. Dann ist er auch eigentlich ganz lieb. Nur alle paar Jahre, da braucht er einfach mal wieder so ein richtiges Festmahl, so mit allem Drum und Dran. Sonst wird er unleidlich und fängt an um sich zu beißen.
Und was hat das jetzt mit dem Teppich zu tun?
Den Teppich, ja nun, das Schwein will den uns auch alle Anderen für sich alleine haben.
Alle? Bei aller Gier, von den Dingern gibt es doch nun wirklich genug.
Er will aber als einziger auf so einem Teppich liegen.
Das verstehe ich nicht. Das kann dem Schwein doch egal sein.
Ist es ihm aber nicht.
Ja, aber, warum denn in Gottes Namen?
Sein Teppich fliegt nicht.
Wie? Alle Teppiche können fliegen.
Seiner aber nicht. Und weil Seiner nicht hoch geht, will er auch nicht, das Andere das Vergnügen haben. So nach dem Motto: Wenn ich nicht fliegen kann, dann soll es auch kein anderer tun.
Das ist aber ganz schön egoistisch. Vielleicht ist das Schwein einfach zu fett zum Fliegen?
Gut möglich. Ich habe das mal versucht auszurechnen, aber ich verliere bei den vielen Nullen vor dem Komma einfach den Überblick. Deshalb habe ich mich aus der Sache auch dann heraus gehalten, und nun, ich gestehe, das war vielleicht auch der Grund, wieso ich nie einen solchen Teppichsalon betreten habe.
Einstein schien jetzt tatsächlich ganz ehrlich zu sein. Und RA sah das offensichtlich genau so.
Also gut. Ich belasse es bei einer Verwarnung.
Ich brauche nicht zurück?
Bei weiterer guter Führung ist eine Versetzung in den Ruhestand durchaus möglich.
Vielen Dank, Herr Richter, vielen Dank.
Aber, eine Sache habe ich noch. Diese junge Dame hier, die hat meines Wissens einen Teppich dabei. Wenn Du so freundlich sein würdest, Deinen Teppich vor uns aus zu rollen, dann würde ich Herrn Einstein gerne die Gelegenheit geben, das Versäumte nach zu holen. Bitte, öffne Deine Kiste, ich bin jetzt auch selbst wirklich sehr neugierig, was für einen Teppich Du Dir ausgesucht hast.

 

Die Gotin

 

Ich nahm den Teppich aus meiner Kiste und rollte ihn mit Schwung auf dem Boden zu meinen Füßen aus … und stockte … ja, wer war das denn? Auf dem Teppich stand plötzlich eine schöne junge Frau. Sie trug ein schlichtes weißes Kleid, das ihr bis über die Knöchel reichte und ihr langes blondes Haar hing ihr bis weit über den Rücken. Es ging ein leuchtendes Strahlen von ihr aus. Sie wandte ihr Gesicht RA zu und ich konnte zunächst nur ihr Profil erkennen. Sie schien mir sehr schön zu sein.

Welch eine Überraschung! Eva, Sara, Maria, oder wie Du Dich auch diesmal nennen magst.
Nenne mich Magdalena. Die war kein Nordlicht, meine Liebe. Aber meinen Geistes.
Und ein echtes Flittchen!

Ich war schockiert. Was war denn in RA gefahren? Fast hatte ich den Eindruck … das konnte ich ja nun gar nicht glauben … war das möglich? RA schien vor diesem jungen Weib so etwas wie Angst zu haben.
Ähm, bitte, ich verstehe nicht. Warum bist Du so böse auf SIE?
Hier steht nicht Isa, Sara, Eva, oder eine der vielen Marias, hier steht auch nicht Magdalena. Hier steht eine Gotin, die Gotin.
Ja und, fragte ich irritiert.
Die Gotin drehte sich zu mir um und schaute mir direkt in die Augen.
Er hat mir meinen Platz gestohlen und jetzt hat er Angst, das ich ihn von ihm zurückfordern könnte. Deswegen ist er so unhöflich. Von wegen gestohlen! Du hast die Dinge zu locker genommen. Der Platztausch war absolut notwendig geworden.
Aber jetzt ist Deine Zeit auf dem Thron ebenfalls abgelaufen. Ich werde das Gericht in Zukunft wieder leiten.
Kommt nicht in Frage! Ihr Frauen hattet eure Chance. Das hättet ihr Euch früher überlegen sollen, aber das Rad der Zeit lässt sich nun mal nicht zurückdrehen.
Die Zuhörer waren sprachlos. Was ging denn hier ab? Einstein zog seine Stirn in Falten und kratzte sich am Bein.
Ähm, wenn ich vielleicht etwas fragen dürfte. Wer ist diese Frau … diese Gotin? Ich verstehe gar nichts …
Guten Tag Einstein. Du kennst mich nicht? Wirklich?
Ja, also … nein, ich habe noch nie etwas von Gotinnen gehört … oder, einen Moment mal, war das nicht so ein mittelalterlicher Barbarenstamm der von den Germanen abstammte?
Im Gesicht der Gotin zuckte es.
Ich finde, das reicht jetzt. Halbbildung ist doch immer noch schmerzlicher als Unbildung. Aber, das war ja vorherzusehen. Männer an die Macht! Ich hätte es besser wissen müssen. Aber … gut jetzt, ich bin nicht gekommen um zu streiten und auch nicht um RA an Ort und Stelle seinen Richterstuhl unter dem Hintern wegzuziehen. Ich will eigentlich noch nicht einmal in eigener Sache hier stehen. Ich bin zunächst wegen des Teppichs mitgekommen. Er gehörte meiner Mutter und ich will sicher gehen, das er zumindest diesmal in die richtigen Hände gelangt.
Der Teppich ist jetzt ein wichtiges Beweisstück und kann weder verschenkt noch verliehen werden. Er wird mit den anderen Dingen in der Aservatenkammer landen.
Der Teppich ist mein, und darum kann ich ihn vergeben, an wen ich will.
Von wegen! Der Teppich gehört dem Gericht, und darum wird auch das Gericht bestimmen, wer den Teppich in Zukunft fliegen wird. Hättest halt besser auf ihn achten müssen.
Warum seid ihr euch nur so spinnefeind?

Ich verstand bald gar nichts mehr. Wer war diese Gotin?
Ich bin Elisa, die letzte Priesterin der Goten. Was soviel heißt wie: “Die Frau für Alles“, für die wenigen Menschen, die zu der Zeit meiner Inkarnation noch wussten, das sie Goten waren.
Goten? Ost- und Westgoten? Erbauten die vielleicht die gotischen Kathedralen?
Na, was denkst Du denn, wer diese Werke geschaffen hat?
Baumeister und Handwerker im Mittelalter.
So ist es. Es waren Goten, die jedoch leider nicht mehr wussten, dass sie Goten waren.
Aber, ich habe, so glaube ich, in einem Geschichtsbuch gelesen, das die Goten Barbaren gewesen sind und schon weit vor der ersten Jahrtausendwende ausgestorben sind.
Wie bitte kann ein Volk aussterben? Du musst schon alle gleichzeitig umbringen, wenn Du ein ganzes Volk ausrotten willst. Zugegeben, die Römer haben sich alle Mühe gegeben, doch, was sollten sie mit einem Land ohne Menschen, die sie drangsalieren und unterdrücken können. Sie brauchten sehr viel Personal und im Grunde genommen wären sie elend verhungert, wenn sie die Völker, welche sie überfielen, allzu sehr ausgedünnt hätten. Die Römer mussten sich schon etwas perfideres als den offenen Kampf einfallen lassen. Und der Widerstand lebte nicht nur in Gallien. Im Grunde war fast ganz Europa gotisch. Die Germanen waren an sich unter den Goten nur eine kleinere Gruppe. Doch da sie sich immer schon mehr für den Kampf als für die Küche interessiert hatten, übernahmen sie die Aufgabe der militärischen Verteidigung. Bis Rom hat ihr Kampfgeist sie damals geführt, um unsere Vernichtung zu verhindern. Wir waren zunächst auch siegreich. Doch Rom war immer schon ein schlechter Verlierer. Natürlich haben sich dort schon bald die Arschlöcher wieder zusammengerottet und unserem Volk…
Die Gotin musste schlucken. Sie schien sehr berührt und sich erst wieder fangen zu müssen.
… die Arschlöcher holten zum Gegenschlag aus, und mit diesem Schlag vernichteten sie und ihre Nachfolger dann Schritt für Schritt die Erinnerung eines ganzen Volkes. Eines Volkes, das einmal ganz Europa bevölkerte, das freundschaftliche Kontakte zur ganzen, übrigen Welt unterhielt und eine Kultur pflegte, die überall nur hohes Ansehen genoss. Wenn Du ein Volk vernichten willst, dann lösche durch Verfälschung seine Erinnerung, seine Geschichte. Und simsalabim … plötzlich ist ein ganzes Reich unsichtbar. Es erkennt sich selbst nicht und ein paar Generationen später erinnern sich auch die ehemaligen Freunde nicht mehr.
Ihr wolltet die Folgen, die ihr selbst zu verantworten habt nicht tragen. Ich kann immer wieder nur wiederholen, Elisa, selber Schuld. Erbschuld. Und das Urteil lautete auf ewig und unendlich.
Lebenslang bedeutet eben nicht unendlich, lieber RA. Mathematik gehört offensichtlich immer noch nicht zu Deinen Stärken. Die Zeit ist abgelaufen. Das Ei wird umgedreht, und dann wird Oben sein, was zuvor Unten war. Und die, die Oben waren, werden tief fallen. So ist nun mal der Zeiten lauf, die Sonne geht unter und der Mond geht auf.

Ich schaute zu RA und dann zu der Gotin. Irgendwie konnte ich immer noch nicht recht glauben, was ich soeben gehört hatte. Und den Zuschauern um mich herum schien es ganz ähnlich zu gehen. Einstein kratzte sich immer noch an seinem Bein und auch auf der Tribüne sah ich einige, denen immer unwohler wurde in ihrer Haut.
Vielleicht sollten wir eine kleine Pause einlegen und unsere internen Auseinandersetzung hinter verschlossenen Türen weiterführen?
RA schaute nun doch etwas freundlicher und schien die strittige Angelegenheit vertagen zu wollen. Zumindest gewann Elisa wohl diesen Eindruck. Sie straffte ihre Schultern und entgegnete bestimmt:
Nein RA. Ich stelle hiermit den Antrag, die Befangenheit des Gerichtes festzustellen und die weitere Leitung dieser Verhandlung einem unabhängigem Gremium zu übertragen.
Und Du willst in diesem Gremium das Wort führen? Kommt nicht in Frage!
Fürchtest Du des Volkes Stimme?
Du willst einen Volksentscheid?
Warum nicht? So haben wir das in solchen Fällen immer gehandhabt. Das ist doch nichts Falsches.
Volksentscheide sind aber nicht gerade in Mode.
Schlimm genug, aber kein gutes Argument gegen diese Methode der Willensbildung.
Wenn ich kurz intervenieren dürfte, Volksentscheide öffnen doch letztendlich nur der Todesstrafe Tür und Tor. Mit so etwas sollte man vorsichtig sein.
Seit wann führen Volksentscheide zur Todesstrafe?

Elisa schien über den Einwand von Einstein sehr überrascht zu sein.
Volksentscheide sollen zur Todesstrafe führen? Wer behauptet denn so etwas?
So ist nun mal die Erfahrung der modernen Welt. Das Volk lässt sich leicht aufhetzen und sogar gegeneinander aufbringen. Und zur Beruhigung der allgemeinen Unruhe wird dann ein Sündenbock benötigt, der dann der aufgebrachten Bevölkerung zum Fraß vorgesetzt wird. Alles immer wieder vorgekommen. Ich habe es selbst erlebt. Und wer wird der Bock mal wieder sein? Ich höre sie schon wieder marschieren und es schallt durch die Straßen: Der Jud, der Jud, immer wieder ist es der Jud!
Nun, mein lieber Einstein, in diesem speziellen Fall seid ihr das doch irgendwie auch ein kleines Bisschen selber schuld. Wer hat das mit der Erbschuld denn auf sich genommen? Wenn mich nicht alles täuscht, dann habt ihr selbst es doch in eurem heiligen Buch für die Nachwelt dokumentiert. Der Mythos von Adam und Eva und ihrem Rausschmiss aus dem Paradies ist doch schließlich keine abstruse und an den Haaren herbeigezogene Gute-NachtGeschichte, sondern Eure ureigene interne Angelegenheit. Seid ihr nicht das Volk, dass auf diese auserwählte Ahnentafel zurückblickt. Nun, und so ist nun mal der Weltenlauf, die Nachkommen löffeln die Suppe ihrer Mütter und Väter aus.
Einstein starrte Elisa entgeistert an. Wie bitte? … so schien sein Gesicht zu sagen, jetzt sollte schon wieder einmal der Jude an allem schuld sein? Er lief rot an, doch bevor das Blut sein Gesicht gänzlich ins Blaue um zu schlagen drohte, platzte es aus ihm heraus:
Jetzt reicht es aber! Nicht schon wieder wir! Niemals lasse ich das zu! Niemals! Weißt Du dummes Gör denn überhaupt, was in Deinem Gotenlande heute für Ungeheuer leben? Am deutschen Wesen sollte die Welt einst genesen. 6 Millionen Menschen hat dieses heuchlerische Gutmenschentum in die Gaskammern gebracht! Und das alles nur, weil mal wieder ein Sündenbock überfällig war. Das muss doch irgendwann auch mal ein Ende haben.
Nun Einstein, die Unendlichkeit hat Dich in Deinen eigenen Berechnungen doch auch nicht gestört.
Das ist etwas ganz anderes! Diese Unendlichkeit ließ sich nicht auflösen. Sie liegt in der Physik begründet. Die Erbschuld hingegen ist dagegen ein philosophisches Problem.

Ich hörte eine helle Kinderstimme direkt neben mir. Ein kleines Mädchen stand an meiner Seite, zupfte an meinem Kleid und schaute mich mit großen braunen Augen an.
Was ist denn jetzt mit dem Spielzeug?
Spielzeug?
Du wolltest uns doch Dein Bombini zeigen.
RA war auf unser kleines Privatgespräch aufmerksam geworden.
Ich sehe, hier werden vor lauter Langeweile schon Einzelgespräche geführt. Ich würde sagen, wir alle gehen jetzt erst einmal in die wohlverdiente Pause und vertagen die Verhandlung auf heute Nachmittag. Und Du Elisa, Du kommst gleich zu mir ins Richterzimmer. Keine Widerrede, noch führe ich die Verhandlung.

 

Die Erbschuld-Akte

 

Auf den Gängen und in der Vorhalle drängten sich die Zuschauer und Prozess-Beteiligten um in die Pause zu gehen. Ich überlegte gerade, ob ich auch nach draußen gehen und eine Zigarette rauchen sollte, als ein kleiner Zwerg auf mich zu trat.
Satu! Welche Überraschung!
Hallo Monica, auch ich freue mich Dich zu sehen. Ich soll Dich fragen, ob Du Lust hast in die Küche zu kommen. Es gibt Brokkolisuppe und frisch gebackenes Brot.
Ich komme natürlich gerne.

Ich wurde von Satu durch eine Hintertür in das Herz des großen Hauses geführt. Überall waren große, schwere Türen und die Gänge waren mit schweren Läufern belegt, so dass weder unsere Schritte noch sonst irgendein Laut zu hören war.
Wo sind wir hier?
Im Zentrum der Macht. Hinter diesen Türen befindet sich die Schaltzentrale. Von hier aus werden alle Vorgänge kontrolliert. Hier herrscht absolute Ruhe, aber das hast Du sicherlich schon bemerkt. Dadurch sind Fehler eigentlich so gut wie ausgeschlossen.
Krach macht Fehler?
Worte machen Fehler.
Die Lüge?
Genau. Das Problem ist wie immer und überall die Lüge. So, da sind wir. Geh schon mal durch diese Tür, mir fällt ein, ich muss noch mal kurz … Und schon war er verschwunden. Also, er hätte mich ruhig bis in die Küche begleiten können, dachte ich. Komisch … der war doch sonst nicht so. Ich schaute auf die Tür, durch die mich der Zwerg nicht hatte begleiten wollen. Hier stimmte doch etwas nicht. Hier war was faul. Und zwar oberfaul. Ich trat einen Schritt zurück. Schwere, holzverzierte Eichentür. Zweiflügelig. Nicht gerade eine typische Küchentür. Der Gang endete im Nichts, und an den Weg, den wir genommen hatten, konnte ich mich plötzlich auch nicht mehr erinnern. Ich hielt nach einem Schlüsselloch Ausschau und entdeckte etwas Leuchtendes unter der Klinke. Ich bückte mich vor und schaute durch dieses Licht in einen großen Tag hell erleuchteten Raum. Und in der Mitte, da stand … RA.
Nun tritt schon ein.

Puh … erleichtert drückte ich die Klinke herunter.
Du meine Güte, Du bist aber ganz schön paranoid. Hier tut Dir keiner was. Du bist im absoluten Zentrum der einzigen und wahren Macht.
Entschuldige. Doch Satu war so plötzlich verschwunden … er wollte mich eigentlich in die Küche führen.
Hier ist die Küche.
Hier? Das ist doch keine Küche. Das hier ist …
Ich schaute mich genauer um. Ja, was war das nur für ein sonderbarer Raum. Keine Technik, keine Möbel … nur Licht.
Hierin ist alles enthalten, was ich zum kochen benötige.
Du kochst selbst?
Es ist mir ein persönliches Vergnügen, warum soll ich mir diese Freude abnehmen lassen?
Hm … und wo ist die Suppe?
Willst Du sie gleich auslöffeln?

Oh, mir schwante etwas. Hier ging es nicht um Brokkoli … hier hatte ich mir ganz offensichtlich selbst etwas eingebrockt.
Was habe ich angestellt?
Was soll das mit der Gotin?
Ich bin genauso überrascht wie Du, RA. Sie steckte auf einmal in dem Teppich drin. Allerdings verstehe ich nicht so ganz Dein Problem. Sie macht doch einen sehr sympathischen Eindruck.
Und ich bin meinen Job los! Oder wie stellst Du Dir die Zukunft vor? Sie will meinen Stuhl!
Es ist auch Isas Stuhl.
Wir haben uns auf Gütertrennung geeinigt.
Gütertrennung? Was soll der Scheiß? Seit wann gibt es denn so etwas? Das ist doch nur in einem Scheidungsfall von Belang.
Eben.
Aber selbst, wenn ihr Beide die Trennung wollen würdet, Geschwister können sich doch gar nicht scheiden lassen.
Ich will mich auch nicht scheiden lassen, aber ein Trennungsjahr würde uns sicherlich gut tun.
Sag mal, spinnst Du? Du bist wohl etwas überarbeitet! Trennungsjahr! Ich glaube, Du solltest mal ein paar Tage Urlaub machen. Irgendwohin, wo die Sonne scheint, das Meer rauscht, Palmen wehen im Wind …
Schau mal auf meinen Schreibtisch. Da türmen sich die Akten. Ich habe wirklich keine Zeit, weder für ein Wochenende geschweige denn für einen ausgiebigen Urlaub. Ich habe einfach viel zu viel zu tun.
Es wird glaube ich wirklich Zeit, dass Du eine Vertretung bekommst. Du bist schlicht und ergreifend überfällig, ausgebrannt. Mach eine Kur. Das nennt man heutzutage Born out Syndrom … kommt von zu viel Stress, typische Zivilisationskrankheit. Mensch RA, mach doch einfach mal Pause. Gib Elisa den Stuhl oder setze Isis wieder ein. Nimm Magdalena, Maria oder sonst wen, aber ruhe Dich mal eine Weile aus. Wirklich. Vielleicht tut das uns allen mal ganz gut. Eine Frau als Richterin.
Frauen sind …
Nicht würdig?
Sie sind schwatzsüchtig.
Wie bitte?
Sie plappern sich noch um Kopf und Kragen.

Ich hielt schnell meinen Mund. Puh … Vorsicht … durfte ich mit einem Zauberer der Macht so reden?
RA stand an seinem Schreibtisch und wühlte in einem Berg von Akten.
Hier, hier ist die Akte. Mensch, die hatte ich die ganze Zeit gesucht. Die Erbschuldakte 2… ja, das ist sie.
Er pustete über den Einband und der Staub flog glitzernd auf und floss zu einer hauchdünnen Seifenblase zusammen. Schlieren schimmerten im Sonnenlicht und ich erkannte Figuren, Muster und Zeichen, bewegte Bilder … Informationen.
Lang, lang ist es her. Du meine Güte, da gab es mich im Grunde noch gar nicht.
Zu Isas Zeiten?
Hierin ist der Mord an meiner Mutter beschrieben.
Der Isis und Osiris Mythos.
Genau.
Hm … die andere Erbsünde.
Ja. Von der spricht natürlich heute keiner mehr. Aber die Sünde ist noch wirksam.
Gewalt schaff immer nur neue Gewalt?
So ist es. Einmal ins Leben gerufen, brennt sie sich diese Flamme ihren eigenen Weg.
Und wer ist für diese zweite Sünde verantwortlich, RA?
Der Sohn.
Also bist selbst Du nicht unfehlbar?

Ohwei! Hatte ich mich jetzt vielleicht zu weit vor gewagt?

RA stand vor seinem Schreibtisch und ließ, wie mir schien, die Schultern ein ganz klein wenig hängen.
Vielleicht hast Du recht. Urlaub wäre jetzt tatsächlich wunderbar. Ich könnte mit Isis ja mal in die Eifel fahren.
Och, warum so bescheiden RA, ich finde ihr solltet Euch mal wieder so richtig verwöhnen. Fahrt in die Karibik oder auf einen der anderen vielen, herrlich zauberhaften Planeten. Die Aldoberaner sollen ganz fantastische Urlaubsdomizile unterhalten.
Ich soll in ein anderes Sonnensystem verreisen?
Wie willst Du denn anders ernsthaft Urlaub machen? Du bist das Licht, RA und darum benötigst gerade Du eine Urlaubsvertretung. Da kommt Elisa doch gerade Recht. Findest Du nicht? Lass Sie doch Deinen Job machen, wenn sie unbedingt will. Ich finde sie sympathisch und so, wie sie vorhin da gestanden hat, also, ich glaube schon, dass sie auch Recht sprechen kann.
Sie hat keine Erfahrung auf diesem Gebiet. Sie ist einfach noch zu jung.
Du hast doch auch mal angefangen und da warst Du auch nicht älter als sie. .. RA, jetzt sei kein Frosch. Ohne Sonne kommen wir alle, egal auf welchem Planeten, nicht zurecht. Los, pack Deine Sachen und überrasche Isis mit dem Urlaub. Ich wette 100:1, dass sie ja sagt. Sie liebt Dich sehr. Ehrlich.
Du meinst, die Idee mit dem Trennungsjahr war nicht gut?
Sie war scheiße.

 

Sonnentanz

 

Ich schaute aus dem Fenster der Bibliothek hinaus in den wunderschönen Garten. Was für ein herrlicher Anblick … da sah ich Ra mit Elisa ins Gespräch vertieft, den sich sanft durch den Park schlängelnden Kiesweg, entlang schlendern. Na, die hatten aber plötzlich die Ruhe weg. Vorhin hätten sie sich am liebsten noch die Augen ausgekratzt, jetzt hingen sie aneinander wie Bruder und Schwester, Freier und Geliebte, Mann und Frau.
Elisa lachte plötzlich laut heraus und auch RA schien sich den Bauch zu halten, um nicht laut los prusten zu müssen. Was amüsierte die Beiden nur so? Hach, war ja echt erleichternd, das sie sich offensichtlich doch gut verstanden. Sie schienen sich geeinigt zu haben.

Ich ging zurück an den Schreibtisch. Die Sonne beschien einen Teil der Akten, die RA mir zur Durchsicht auf den Tisch gelegt hatte. Neben der Erbschuld-Akte 2 lag noch ein alter Ordner. Gleich sollte die Verhandlung weiter gehen. Ich legte einige Unterlagen zusammen und steckte auch den alten Ordner ein. Ich war noch nicht dazu gekommen ihn zu öffnen, ich hoffte vor Verhandlungsbeginn noch einen Blick hineinwerfen zu können.
Satu trat ein, um mich durch das Haus zurück in den öffentlich zugänglichen Bereich dieses Palastes zu führen. Das es sich hier um eine riesige Palast-Anlage handeln musste, das war unübersehbar. Allein hätte ich mich bei all diesen vielen Gängen, Treppen und Türen sicherlich ganz schön verirrt. Und ich wollte keinesfalls zu spät zur Urteilsverkündung kommen.

Vor dem Richtersaal drängelte sich das Publikum. Der Streit zwischen RA und Elisa hatte sich in Windeseile herumgesprochen und die Anteilnahme an diesem Verfahren war plötzlich sehr stark angestiegen. Ein paar Gesichter kamen mir bekannt vor, der Eine oder Andere grüßte von weitem, aber keiner sprach mich direkt an. Und ich war sehr damit beschäftigt, mich durch die Menschen zu schieben ohne sie anzurempeln, so dass ich nicht darauf achtete, das sich weiter hinten etwas zusammenbraute. Ich spürte zwar eine leichte Erregung unter den Umstehenden aufkommen, aber um mich herum schien plötzlich eine Wand zu sein. Ich hörte die Menschen nicht. War ich plötzlich etwa taub? Mir war etwas flau in der Magengrube. Die Brokkolisuppe, vielleicht? Er hatte seine Kochkünste zwar sehr gelobt, und ich hatte die Suppe auch durchaus schmackhaft gefunden, aber irgendwie wurde mir unwohl … hm. Und den alten Ordner hatte ich auch noch nicht durchgesehen. Ich liebte es gar nicht unvorbereitet zu sein.

Die Menschen drängten sich auf den Hinterbänken und auch die vorderen Reihen waren voll besetzt. Einige standen mit Kameras herum und der Eine oder Andere grüßte über die Sitzreihen hinweg. Keiner beachtete mich. Ich ging einen Nebengang entlang und meine Augen suchten meine große Kiste. Sie war nirgends zu sehen und ich wusste nicht so recht, wo ich mich platzieren sollte. Da zupfte mich jemand am Ärmel.
Wo ist Dein Bombini?
Es war wieder das kleine Mädchen.
Ich habe es in der großen Kiste.
Die haben ein paar Männer mitgenommen.
Wann?
Ist noch nicht lange her. Der Zwerg und ich haben die Typen nicht daran hindern können, obwohl wir gesagt haben, dass sie die Kiste stehen lassen sollen.
Du meinst, die Kiste wurde gestohlen? Aus dem Richtersaal heraus? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.
Manchmal sind die offensichtlichsten Taten die Unsichtbarsten.
Das war Satu. Wir hatten uns, nachdem wir den inoffiziellen Teil hinter uns hatten, in der Menge verloren.
Es tut mir leid, die Typen haben Deine Sachen …
Ach, Satu, las mal nur, in der Kiste war im Grunde nichts Wichtiges mehr verborgen.
Aber Dein Bombini!
Das können wir uns jederzeit neu bauen. Das ist ja das Schöne an der Technik. Sie ist unser eigenes Werk. Alles steht auf dem Tisch, wie die Zutaten für einen Kuchen. Wir müssen nur noch den Ofen anheizen.
Na, dann gib Gas.
Das war Mutter Isa. Sie schaute mich etwas ungeduldig an.
Wir warten nur noch auf Dich. Los, geh nach vorne und setze dich auf den Richterstuhl.

Wie bitte? Ich glaubte mich verhört zu haben.
RA hat Urlaub eingereicht. Er sagte, Du würdest die Verhandlung weiterführen.
Ich? Da hat er mir aber nichts von gesagt. Ich denke Elisa interessiert an dem Posten.
Also, davon weiß nun wieder ich nichts. Irgendjemand muss es jetzt jedenfalls die Sache in die Hand nehmen, sonst werden die vielen Menschen hier in dem Raum noch ungeduldig. Und RA hat eindeutige Anweisungen gegeben. Los! Mach nicht so ein erschrockenes Gesicht. . Geh und walte Deines Amtes.

Ich klammerte mich an den alten Ordner und ging auf den Richterstuhl zu. Häm … das war kein leichter Gang und ich glaubte oder hoffte gar darauf, das jeden Moment einer Halt! rufen würde. Aber ich hörte nichts. War ich jetzt schon wieder taub?

Ich setzte mich auf den schweren, vergoldeten Stuhl. Er war wunderbar gearbeitet und ein wirkliches Schmuckstück. Auf seiner Rückenlehne war eine große Sonne abgebildet, die vielfältigen Schnitzereien ließen sich als Symbole und Zeichen deuten, überall glänzten, in die Maserung des Holzes eingelassene Edelsteine, und die dicken Armlehnen endeten jeweils in einer hell glitzernden, Kristallkugel. So große Diamanten gab es doch gar nicht, dachte ich. Ich befühlte die Oberfläche der Kugeln. Etwas rau, wie geschliffenes Glas fühlten sie sich an. „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust …“ ging es mir durch den Kopf.
Ja, das war das Gefühl, welches sich immer deutlicher in mir ausbreitete. Komisch, dachte ich, ich höre gar nichts mehr. Es war absolut still, und ich wollte mir gerade schon ans Ohr fassen, um zu überprüfen, ob sie auch noch an meinem Kopfe waren, da hustete jemand unter den Zuschauern. Ich war also doch nicht taub.

Ich straffte mich und griff nach dem alten Ordner. Ich pustete den Staub von der ersten Seite. Im schräg, in den Saal hineinfallenden Sonnenlicht fügten sich die einzelnen Staubteilchen zu einer einzigen Kugel zusammen. Ihre Oberfläche war von so großer Feinheit, das ich schon befürchtete, diese zauberhafte Erscheinung würde jeden Moment vergehen. Aber die Kugel blieb in der flimmernden Luft des Raumes stehen. Jetzt erkannten auch die Zuschauer dieses wundersame Ding und ich erkannte schnell dahin fließende Farben und Formen auf der schwingenden Oberfläche. Eine richtig fette Seifenblase. In ihr sah ich ein kleines, goldglänzendes Etwas sich wie irre um dich selbst drehen. Was war denn das? Ich konzentrierte mich auf diesen winzigen rasenden Punkt im Innern der Blase und nach ein paar Sekunden, beruhigte sich der Mittelpunkt und ich erkannte eine winzige kleine, etwas zerdengelte Achterschleife. Sie schwebte wie das mathematische Unendlichkeits-Zeichen im begrenzten Raum. Jetzt streckte sich diese kleine Acht und begann sich zunächst langsam, dann immer schneller in der Horizontalen um die eigene Achse zu drehen. Dadurch wurden die Kreise der Acht weiter auseinander gezogen. Fliehkräfte, dachte ich. Ein kleiner Propeller, oder Rotorblätter von Hubschraubern, so assozierte ich. Dann bildete sich auf der oberen und auf der unteren Seite der Blase jeweils ein kleiner, in die Blase hineinwachsender Strudel. Die Hülle der Blase schien von einer unsichtbaren Kraft durchbohrt oder eingeschnürt zu werden. Die Blase verformte sich immer weiter, die Kegelspitzen dieser Wirbel drehten sich in rasender Geschwindigkeit um ihre eigene Achse, sie schienen einander regelrecht zu suchen und einander zu zustreben.
Im Saal hielten die Menschen den Atem an und auch ich wagte nicht einen Mucks von mir zu geben. Da hörte ich eine Stimme tief in mir drin.
Du musst singen, Monica.
Singen? Ich? … häm, das ist aber sehr …
Habe keine Angst. Summe erst einmal. Suche den Ton und dann schwinge einfach mit, lass dich von der Welle ziehen.

Ich schluckte. Häm … ich musste husten. Die Oberfläche, der vor mir schwebenden und mittlerweile fast vollständig durchbohrten Blase zitterte unruhig im Takt meiner geräusperten Schwingungen. Ich fasste mir ein Herz, stand auf, trat vorsichtig einen Schritt vor und hm … ich summte ein leises A.

Da kräuselte sich die Oberfläche der Blase und der rasende Propeller in der Mitte schien plötzlich zu wachsen, nein, jetzt sah ich es, die Kreise der Acht wurden in der Senkrechten auseinander gezogen, einer strebte nach oben, der andere nach unten.
Ich summte ein etwas höheres A, und diesmal auch schon etwas lauter. Dann versuchte ich es mit einem Ton, höher und tiefer. Jeder dieser Töne veränderten das Oberflächenmuster der Blase und auch das Verhalten des Propellers. Ich versuchte es mit einer einfachen Tonfolge.
Du musst singen, hörte ich die Stimme wieder.
Ja, aber was denn?
Egal … nur Mut! Lass die Puppen tanzen!
Ich schaute mich etwas hilflos um. Ich brauchte Hilfe … und plötzlich sah ich in ein Paar mich eindringlich fixierende Augen eines, die Menge um Haupteslänge überragenden Mannes. Ein Gefühl der Erregung durch fuhr mich. Das war der Richtige. Ich spürte es. Er hielt eine Flöte in seiner rechten Hand. Ohne den Blick von mir zu lassen, setzte er sie an seine Lippen und erst leise, dann aber immer klarer erklang ein heller, leuchtender Ton.
Ich sah auf die Blase während die Flöte weiterspielte. Irgendwo setzte eine Trommel ein. Ein Anderer schnippte mit den Fingern. Jemand summte.
Ich beobachtete wie gebannt die beiden Schleifen der Acht, die sich immer weiter voneinander entfernten, und dann verwandelte sich das Bild vor meinen Augen und ich erkannte:

Zwei Tänzer bewegten sich dort im Kreis,
Die Musik spielte auf zu … oh happy day on ice.
Oben dreht sich RA, unten tanzte Elisa.
Sie lachten und feuerten sich gegenseitig an.
Ihr Spiel der Kräfte zog in den Bann.

Immer weiter wurden sie auseinander getrieben,
bis eine Hand die Verbindung verlor.
Sofort griff Ra nach dem Zipfel der oberen Wirbelspitze,
Elisa erfasste den unteren Gipfel.
Jetzt hielten sie sich nur noch mit einer Hand,
und öffneten das Tor in das Zwillingsland.

Je weiter sich Elisa und RA voneinander entfernten,
desto größer wurde die Öffnung zwischen ihren Händen.
Ich sah durch das Tor auf eine hell leuchtende Perle.
Die Liebe gebar eine Göttin für unsere Erde.
RA und Elisa lachten befreit:
Fang auf das Ei, es ist soweit.
… wir machen den Urlaub lieber zu Zweit!

 

Und, lieber Leser,  dies ist nicht das Ende,

sondern erst der Anfang einer unglaublichen,

ja tatsächlich wahnsinnig verrückten

und dennoch absolut wahren Geschichte!

 

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