Über mich

Mein Name ist Monica Kraemer, ich bin Diplomdesignerin, genauer Objekt-Desingerin, ich werde in Kürze 50 Jahre alt und denke, dies ist ein guter Zeitpunkt für den folgenden Film:

 

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Der Kleine Prinz

Ach Herrje, das Urheberrecht! Komisch, es hatte auch schon mal funktioniert. Nun ja … ich werde den Film noch mal überarbeiten. Ich hoffe, er gefällt Ihnen dann, denn ich persönlich finde ihn wunderbar. Er ist im April 2007 entstanden, zu einem Zeitpunkt, als es mir sehr, sehr schlecht ging. Ich hatte die Hölle hinter mir und war in einem sehr problematischen Zustand. Ich wusste damals noch nicht, dass ich viele Jahre benötigen würde, um mich von den Erlebnissen des vergangenen halben Jahres zu erholen. Eine sehr, sehr schwierige Zeit. Es ist wahrlich eine große und gefährliche Herausforderung, wenn man wirklich zaubern will, also, wenn man im Leben etwas richtig Großes und Wunderbares bewerkstelligen möchte..Damals dachte ich, ich sei auf ganzer Linie total gescheitert und der Keller, in dem ich gefangen war, war sehr kalt und sehr einsam. In der Dunkelheit blitzten immer wieder Erinnerungsfetzen auf, alles rauschte im Grunde nur an mir vorbei. Ich hatte totale Probleme mich auf irgend etwas zu konzentrieren, geschweige denn, dass ich mir etwas merken konnte. Trotzdem versuchte ich mit meiner Filmerei irgendwie weiter zu machen und „Der Kleine Prinz“ ist ein Ergebnis dieser Arbeit. Viele Zufälle kamen dabei zusammen, die sich wunderbar ergänzten. Das ist für mich kreative Zauberei, wahre Magie, ja Kunst. Es gibt noch einen weiteren Film aus genau dieser Zeit, auch diesen möchte ich Ihnen gerne zeigen, doch es ist noch unklar, ob die Urheberrechtsbestimmungen von You Tube dies zulassen. Er heißt:

 

Interferenz, die 3. Physikstunde.

Na, zumindest diesen Film habe ich jetzt wohl sattelfest. Das Urheberrecht ist bei meinen Arbeiten oft ein Problem und ich bin gezwungen daran herum zu schnibbeln. Leider geht dadurch möglicherweise auch einige INFOS verloren und Sie werden vielleicht nicht so richtig sehen können wie bei ihm die Magie des Zufall zusammenkommt, denn die „Schnipsel“ sind nicht speziell und gezielt von mir ausgesucht worden. Sie waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich muss sagen, ich bin recht zufrieden mit dem Ergebnis meiner Zauberkunst. Nur, dass ich dafür in einen so tiefen Keller fallen musste, dass war mir ganz sicher nicht klar, als ich mich für mein Schicksal entschieden habe. Davon bin ich auf Grund meiner außerordentlichen, persönlichen Erfahrung absolut überzeugt. Wir alle entscheiden uns ganz bewusst für unser Leben. Nur, ob wir wirklich wissen, auf was für eine Geschichte wir uns da einlassen, das bezweifle ich. Ich schätze, wenn ich wirklich alles gewusst hätte, ich hätte mich dann doch nicht getraut. Ihnen wird es vielleicht auch so gehen, je nach dem, was Sie sich in Ihrem Leben vorgenommen haben. Ich jedenfalls habe mich dazu entschieden und ich hoffe, ich habe mir versichern lassen, dass der Film meines Lebens auch ein Happy End hat.

 

 

Biografie Teil 1

Zaubern will gelernt sein

Ein biografischer Erfahrungsbericht von Monica Kraemer,  2013

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Vorwort

Zauberhafte Sonnenuntergänge,
magische Momente,
spirituelle Erfahrungen …

Die Kräfte der Magie
sind etwas anderes,
denn, sie können auch gnadenlos sein.

Zaubern ist kein Kinderspiel.
Ich habe es erfahren.
Und ich kann nur warnen.

Zaubern heißt am Schicksalsrad drehen.
Nehmen Sie es lieber wie es ist.
Wenn Sie aber trotz der Warnung zaubern wollen,
dann lesen Sie vorher dieses Buch.

 

 

Das Erste Mal

 

Ich rede nicht von Taschenspielertricks, aus dem Hut gezauberte Hasen oder zersägte Schönheiten. Das sind alles mehr oder weniger großartige Schein-Zaubereien zur Unterhaltung. Ich rede von wirklichem Zauber. Von Magie. Von der Einflussnahme auf das Schicksal.
Ich gehöre zu denen, die glauben, dass das Leben weitestgehend vorherbestimmt verläuft. Bevor wir wiedereinmal geboren werden, entscheiden wir uns für das jeweilige Schicksal. Wir bestimmen unsere Eltern, wir bestimmen unseren Lebensort. Wir sagen Ja zu unserer Lebensaufgabe und wir sind voller Hoffnung, dieses angebotene Leben erfolgreich zu meistern. Wir wissen, dass es irgendwann auch mal sehr schwierig werden kann, aber wir sind Optimisten und voll guten Willens. Dass das Leben eine Herausforderung sein wird, ist uns klar, aber da wir in dem Moment der Entscheidung all die vielen Erfahrungen aus unseren letzten Leben präsent haben, glauben wir es schaffen zu können unser Lebensziel zu erreichen. Ich glaube, jeder Anwärter auf ein neues Leben ist glücklich eine weitere Chance zu bekommen und er nimmt sich fest vor, diesmal alles richtig zu machen. Die Fehler der Vergangenheit sollen überwunden werden und wenn das Leben vorbei sein wird, dann hofft jeder auf seiner karmischen Leiter ein paar Sprossen weiter gekommen zu sein. So ging es mir jedenfalls.

Ich erinnere mich nämlich an einen Moment vor meiner Geburt. Ich schwebte über dem nächtlichen Düsseldorf, ich hatte den Eindruck ein relativ kleines Kind zu sein und doch alles zu wissen. Ich war sehr aufgeregt, denn ich sollte mir den Ort meiner zukünftigen Kindheit aussuchen. Ich kannte meine Lebensaufgabe und durfte bestimmen, wie meine Ausgangsbedingungen sein sollten. Klar, alles erfasste ich mehr intuitiv, aber als ich auf die, den Grafenberger Wald durchschneidende Ludenbergerstraße schaute, da wusste ich sofort, da, ja genau in diesem einen, schönen, großen, alten Haus, da sollte meine Kindheit stattfinden. Dort erkannte ich, würde ich die besten Voraussetzungen für meinen großen Plan vorfinden und ich war überglücklich, als der alte Mann, der bei mir war, sagte: „Gut, wie Du willst, dort wirst Du Deine Kindheit verleben.“
An mehr erinnere ich mich leider nicht. Nur, dass der alte Mann sehr nett gewesen und ich total begeistert war von der Aussicht, endlich ein neues Leben beginnen zu dürfen. Ich würde ein Baby, ein Kleinkind, ein Kind und eine Jugendliche sein und dann ja, dann würde mir ein fantastisches Leben bevorstehen, in dem ich einmal ein großer Star werden würde. Ich würde auf die Erde gehen und dort etwas Großartiges leisten. Ja, ich würde die Welt in eine neue Richtung lenken, ich würde mein Bestes geben und danach würde ich mehrere Stufen der karmischen Leiter auf einmal bezwungen haben. Was ich genau auf der Welt tun wollte und sollte, das wusste ich genau, aber es war auch klar, dass ich dieses Ziel vergessen würde, sobald ich geboren sein würde. Aber das Schicksal, welches ich mir ausgesucht hatte, das würde sich Bahn brechen. Ja, es war vorherbestimmt und so war ich sicher, ich würde siegen. Ich würde meinem zukünftigen Namen alle Ehre machen: Monica, die Einzigartige!

Das Nächste, an das ich mich erinnere ist eine ganz besondere Situation. Ich befand mich in diesem großen Haus auf der Ludenbergerstraße. Ich war etwa zwei Jahre alt und mal wieder mit meinen Eltern bei meinem Großvater zu Gast. Ich hatte mir bei der Ankunft das Haus genau angesehen. Wir waren die Treppen zur Haustür hoch gestiegen, dann betraten wir die Wohnung und ich lief durch die Zimmer hinaus in den Garten, um das Haus herum und als ich dann an dem Gartentörchen stand, da erkannte ich die Haustür und ich war überrascht. Ich war einmal im Kreis gelaufen und ich begriff die Lage der großen Wohnung meines Großvaters, ja ich konnte alles von Oben sehen und ich war von nun an in der Lage mich dort zu orientieren. Ich versuchte meiner Zwillingsschwester Kathrin meine großartige Erkenntnis zu vermitteln, doch sie verstand mich nicht. Sie war nicht blöd, aber in ihrer Entwicklung war sie doch etwas  zurück geblieben. Sie hatte auf Grund der komplizierten Geburt mit Kaiserschnitt und so einen Sauerstoffmangel erlitten und die Folge war ein Hydrozephalus, auch Wasserkopf genannt. Die Ärzte hatte ihr nur geringe Überlebenschancen eingeräumt, ja, ein Arzt war sogar so herzlos und sagte meiner Mutter, dass es vielleicht besser wäre, sie gäbe ihrer erkrankten Tochter erst gar nichts zu essen. Das war eine ziemlich traumatische Angelegenheit für meine Mutter gewesen und natürlich wollte sie davon nichts wissen. Kathrin musste im Krankenhaus bleiben und mein Vater brachte zweimal täglich die abgepumpte Muttermilch ins Krankenhaus bis Kathrin so stabilisiert war, dass auch sie endlich nach Hause durfte.
Ich hingegen entwickelte mich prächtig und die Milch musste man mir im Gegensatz zu meiner Zwillingsschwester nicht aufnötigen, ich trank alles mit großer Gier. Ich wollte schließlich schnell groß werden. Es gibt viele Kinderfotos von mir, denn mein Vater fotografierte mit Leidenschaft und auf allen Bilder habe ich dicke, rote Bäckchen. Ich war etwas pummelig aber wirklich nett anzuschauen. Meine Schwester war dagegen sehr zart und in Allem zurückhaltend. Auf den Bildern scheint sie sich oft hinter mir zu verstecken. Ihr Kopf war wie nicht anders zu erwarten größer als meiner und sie hatte auffällig große, tiefliegende Augen. Wir waren eineiige Zwillinge, doch man konnte uns schon damals eigentlich sehr gut von einander unterscheiden.

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Ich wohnte nicht auf der Ludenbergerstraße, aber weil meine Eltern praktisch jedes Jahr umzogen, wurde das Haus meines Großvaters zu meinem Zuhause. Hier gab es Beständigkeit, denn, wenn wir meinen Großvater besuchten, dann war es immer gleich. Er stand in der großen Tür und strahlte uns an. Wir stürmten ihm entgegen und umarmten seinen großen, dicken Bauch. Wir saßen mit ihm in der Küche und durften auf einem Stuhl neben dem Herd stehen und im Kochtopf rühren. Später lernten wir Kartoffelschälen und Kuchen backen. Gegessen wurde im großen Esszimmer und natürlich wurde zuvor gebetet. Unsere Familie war katholisch und mein Großvater war sogar im Kirchenvorstand. Eine seiner Aufgaben war es, während der Messe mit dem Körbchen herumzugehen und die Kollekte einzusammeln.
Wir gingen oft zusammen im Grafenberger Wald spazieren und wenn es das Wetter zuließ, dann spielten Kathrin und ich stundenlang im Garten. Wir bauten aus Stühlen, Kissen und Decken gemütliche Höhlen, es gab eine Tischtennisplatte und eine ganz wunderbare Hollywoodschaukel. Zu den großen Festen des Jahres kam die ganze Familie dort zusammen und vor dem Weihnachtsbaum wurden Gedichte aufgesagt und gemeinsam Lieder gesungen. Es hätte also alles wirklich ganz wunderbar sein können, wenn unsere Eltern sich nur besser verstanden hätten. Aber, sie hatten sich wohl zuviel vorgenommen.

Mein Vater hatte Koch gelernt und nach einigen Jahren als Angestellter hatten er und meine Mutter sich entschlossen, sich als Pächter eines kleinen Hotels  in dem kleinen, niederrheinischen Örtchen Alpen, selbstständig zu machen. Wir gingen in diesem Ort in den Kindergarten und wir wurden dort auch eingeschult.
Doch eines Tages saßen meine Schwester und ich vor dem Hotel und wir waren ziemlich verunsichert, denn drinnen flogen die Teller und Tassen. Unsere Eltern stritten mal wieder miteinander. Wir schauten uns an und verstanden nicht, was denn nur das Problem war. Heute weiß ich, die anstrengende Arbeit war wohl zuviel für die Beziehung und unsere Mutter hatte sich in einen anderen Mann verguckt. Sie war gerade 30 Jahre alt und wollte sich nicht totarbeiten. Außerdem war unser Vater, ganz typisch für Köche, ziemlich cholerisch und lautstark. Ich liebte ihn jedoch über alles. Er war mein absoluter Held. Kathrin und ich liebten es bei ihm in der Küche herum zu hängen, wir schauten ihm bei der Arbeit zu und staunten über das halbe Schwein im großen Kühlschrank. Wir liebten Brote mit Butter und Zucker, wir spielten aber auch auf dem riesigen Speicher und wenn unser Vater Zeit hatte, dann ließ er uns Drachen steigen oder er band unseren Schlitten ans Auto und zog mit uns Kreise auf dem Fußballplatz hinter dem Haus. Wir hatten ein Kindermädchen und überhaupt, unsere Welt war völlig in Ordnung.
Doch nur wenige Tage nach den fliegenden Tellern erklärte unsere Mutter uns, dass wir in eine andere Wohnung ziehen würden. Wir mussten dazu die Schule wechseln, aber das war nicht das Schlimmste. Unser Vater sollte nicht mitkommen! Es war ein Schock für uns, aber wir hatten keine Zeit uns damit irgendwie anzufreunden, denn es dauerte wirklich nicht lange und wir zogen aus. Ein neuer Ort, eine neue Wohnung, eine neue Schule, ein neuer Spielplatz, ein Leben ohne Gute-Nacht-Geschichte von unserem Vater.
Der musste nun sehen, wie er mit dem Hotel ohne unsere Mutter klar kam. Er arbeitete praktisch rund um die Uhr, doch an seinem freien Tag, dem Dienstag, da kam er mit einer großen Schüssel Eis vorbei und wir zeigten ihm, dass wir das Schaukeln gelernt hatten.
So schlimm war es also erst mal gar nicht und natürlich hofften Kathrin und ich, dass unser Eltern sich wieder vertragen würden. Doch es sollte Schlimmer kommen, denn eines Tages fuhren wir überraschend gemeinsam mit unseren Eltern nach Ratingen. Uns wurde ein sehr großes Haus gezeigt und als wir in der obersten Etage angekommen waren, da eröffnete man uns, dass wir, meine Schwester und ich, in Zukunft in diesem riesigen Schlafsaal schlafen würden. Man zeigte uns unsere Schränke, Klamotten wurden eingeräumt, es gab in dem großen Saal viele Betten, die jeweils in einer kleinen Abtrennung standen, die mit einem Vorhang zugezogen werden konnte. Unsere Betten waren fortan durch einen Vorhang und Gang getrennt. Unsere Eltern verabschiedeten sich an der großen Tür dieses Saales von uns relativ abrupt und als sich die Tür hinter ihnen schloss, da begriffen wir so langsam, was gerade mit uns passierte. Jetzt hatten wir nur noch uns.

Kathrin und ich wussten nicht, was wir über all dies denken sollten. Unser größtes Bedauern war erst mal, dass wir nicht das Zwillingszimmer bekommen hatten. Es gab nämlich eine Doppelkammer, da standen zwei Betten drin, doch dieses Zimmerchen war besetzt. Auf einer Seite des Saals waren 8 Waschbecken an der Wand. Auch dort gab es Vorhänge. Die Fenster waren jedoch so hoch, dass man nicht hinaus schauen konnte. Von nun an war Schwester Theobalda für uns zuständig, eine freundliche, ältere Frau in einem langen, schwarzen Kleid. Wir waren in einem Nonneninternat gelandet. Es war ein Mädcheninternat für 10 bis 16 Jährige. Wir waren allerdings gerade erst 7 Jahre alt und wir würden in eine externe Grundschule gehen müssen. Man hatte bei uns eine Ausnahme gemacht, ich kenne nicht die Argumente, die unsere Eltern vorgebracht hatten. Aber man hatte uns aufgenommen und man war auch bereit noch einige weitere Grundschüler aufzunehmen, damit wir Spielkameraden in unserem Alter haben würden. Heute in der Rückschau kann ich sagen, wir haben dort nicht gelitten, im Gegenteil, das Zusammenleben mit so vielen Kindern hat uns gefallen. Schwester Theobalda liebten und achteten wir, die Grundschullehrerin war auch sehr nett und bis auf einige Kleinigkeiten fanden wir uns mit unserem Schicksal schnell ab.
Wir wurden zunächst jedes Wochenende abgeholt, doch bald schon blieben wir wie alle anderen 2 Wochen am Stück. Dann wurden wir entweder von unserer Mutter oder von unserer geliebten Tante Moni abgeholt. Sie war meine Patentante und sie kümmerte sich rührend um uns. Wenn sie uns holte, dann erwartete uns ein sehr schönes Wochenende. Wir saßen erst mal gefühlte zwei Stunden in der Wanne und durften darin mit jeder Menge Küchenutensilien mit dem Schaum spielen. Anschließend wurden wir sorgsam eingecremt, die Nägel wurden geschnitten, es wurde gebetet und dann schliefen wir in einem romantischen Himmelbett. Ich habe wirklich nur die schönsten Erinnerungen an diese Wochenenden, die immer auch mit einem sonntäglichen Besuch bei unserem Großvater gekrönt wurden.

Wenn wir von unserer Mutter abgeholt wurden, dann waren es schwierigere Wochenenden, denn unsere Mutter war zum Scheidungsgrund gezogen. Der Mann lebte im Ort unseres Vaters und betrieb dort eine große Reinigung. Wenn unsere Mutter jedoch geglaubt hatte, sie würde bei diesem Mann nicht so viel arbeiten müssen, dann hatte sie sich getäuscht, denn nun musste sie Tausend Hosen an einem Tag Bügeln. Die Großwäscherei war natürlich auch ein spannender Ort zum Spielen, aber wir wussten nicht so Recht, was wir von dem Mann zu erwarten hatten. Besonders sympathisch war er uns nicht. Aber es gab in dem Haus noch eine kleine Wohnung, in der lebte eine türkische Familie. Ich kann mich allerdings nicht an ihre Kinder erinnern. Aber die Frau war sehr nett zu uns und bot uns regelmäßig in Ei gebratenes Brot zum Essen an. Das schmeckte uns prima und so gingen wir immer wieder hin.
Was mit unserem Vater war, dass wussten wir nicht. Wir sahen ihn nur zu den Feiertagen bei unserem Großvater. Eines Tages hörte ich jedoch mehr, als mir gut tat. Wir wurden wie schon so oft nach einem Wochenende bei unserer Mutter von ihr und dem Scheidungsgrund zurück ins Internat gefahren. Meine Mutter und ihr Freund unterhielten sich miteinander und wie Kinder so sind, ich hörte zu, während ich aus dem Fester schaute. Plötzlich aber wurde ich schlagartig total unglücklich, denn ich hörte wie meine Mutter sagte: „Ach, der Rüttger hatte mal wieder einen total dicken Hals gehabt.“ Rüttger war der Vorname meines geliebten Vaters. Das mit dem dicken Hals traf mich tief in mein Herz und mir kamen die Tränen. Ich weinte und dies fiel auf und ich wurde gefragt, was ich denn hätte. Ich wollte jedoch nicht sagen, was mich so getroffen hatte und so ließ ich meine Mutter in dem Glauben, ich sei traurig, weil wir zurück ins Internat mussten. Doch dort angekommen, fiel ich in Schwester Theobaldas Arme. Ich fand mein Leben zu dieser Zeit irgendwie sehr kompliziert.

Schön waren aber die Sommerferien, denn unsere Tante hatte Geld gespart und fuhr mit uns für drei Wochen nach Norderney. Dort verbrachten wir die Tage am Strand und wir lernten Schwimmen. Unsere Tante freundete sich mit den DLRG-Strandwächtern an und so hatte auch sie ihre Freude. Wir hatten zu unserem Geburtstag Eimerchen und anderes Standspielzeug geschenkt bekommen, es gab viel Quark und Joghurt mit frischen Früchten und die kleine Wohnung, die unsere Tante angemietet hatte, war gemütlich. Es war das erste Mal, dass wir einen richtigen Urlaub erlebten und wir waren zufrieden, ja glücklich. Einziger Wehrmutstropfen, am Ende sollten wir unser Spielzeug an arme Kinder, die auf der Insel lebten, verschenken. Aber wir waren so gut gelaunt, dass wir dies relativ freiwillig machten. Doch danach ging es bald schon wieder ins Internat und das schwierige Leben ging weiter.

Unsere Mutter trennte sich von dem Scheidungsgrund und zog nach Kalkar. Doch da sie den ganzen Tag in einer Reinigung arbeiten musste, kamen wir nur alle vier Wochen zum Wochenende. Das andere, freie Wochenende verbrachten wir meistens bei unserer Tante und bei unserem Großvater. Unseren Vater sahen wir nun allerdings immerhin auch noch in den Ferien. Doch bei ihm hatte sich Entscheidendes verändert. Er hatte eine neue Frau. Liane. Sie sah aus wie ein Engel, denn sie hatte lange, blonde Haare. Aber ansonsten war sie weniger ein Engel. Kathrin und ich hatten den Eindruck, dass sie uns nicht besonders mochte.
Und dann kam es auch noch zu jenem denkwürdigen Abend, an den ich mich viele Jahre später erinnern sollte, und der mich neben vielen anderen Dingen sehr irritierte. Wir verbrachten die Ferien bei unserem Vater im Hotel, obwohl, Zimmer wurden da schon nicht mehr vermietet. Eines der früheren Gästezimmer war Kathrin und mein Schlafzimmer und wir lagen schon im Bett. Ich bekam jedoch Durst und stand noch mal auf um in der kleinen Küche, die es auf dieser Etage jetzt gab, etwas zu trinken. Es gab nun auch ein richtiges Wohnzimmer und Liane, die neue Frau meines Vaters saß mit ihrer Mutter vor dem Fernseher. Die beiden Frauen unterhielten sich und wie Kinder so sind, ich lauschte ein Bisschen. Man hatte mich nicht bemerkt und sprach über was auch immer. Doch ich verstand etwas, das mich absolut erschütterte. Ich hörte Liane sagen: „Mutter, Rüttger hat einen ganz verrückten Fernseher. Damit kann man in die Wohnzimmer anderer Leute schauen.“ Mich haute das völlig um, denn ich fand dies einfach erschreckend und zutiefst beängstigend. Ich rannte zurück ins Schlafzimmer und warf mich auf das Bett und weinte bitterlich. Meine Schwester war natürlich total überrascht und weil ich nicht aufhören konnte zu weinen, ging sie Hilfe holen. Mein Vater trat ans Bett und fragte mich, was denn los sei, doch wiedereinmal konnte ich nicht sagen, was mich so unglücklich machte. Ich weiß nicht wie, aber ich beruhigte mich und kam um eine Erklärung herum.

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Wir gewöhnten uns an unser Leben im Internat und die wechselnden Wochenenden, das Leben schien sich zu beruhigen. Wir gingen zur Kommunion, wir kamen in die dritte und in die vierte Klasse, doch dann entschied sich meine Mutter Kalkar zu verlassen und zu uns nach Ratingen zu ziehen. Sie nahm eine Stelle als Nachtschwester an und eröffnete uns, dass wir nun wieder bei ihr leben sollten. Das war natürlich keine schlechte Nachricht, aber wir hatten uns so an das Internat gewöhnt, dass uns der Abschied dort schwer fiel. Ich sah eigentlich nur einen Vorteil und der war, dass wir dann keine Internatskinder mehr waren. Denn ich hatte schon gemerkt, dass uns die anderen Kinder in der Grundschule etwas schief ansahen. Gut, wir waren mittlerweile 7 Kinder, die im Internat lebten und extern in die Grundschule gingen, wir hielten zusammen und konnten uns wehren. Aber trotzdem, ich hoffte, wenn ich wieder ein normales Zuhause haben würde, dann gäbe es kein Getuschel mehr. Doch da sollte ich mich täuschen, einmal Internatskind, immer Internatskind.

Das Leben änderte sich für uns aber doch sehr. Wir hatten wieder ein gemeinsames Zimmer, unsere Mutter war nun wieder täglich für uns da, wir gewannen neue Freunde auf der Straße und für unseren Schulweg benötigten wir jetzt einen Bus. Unsere Mutter verließ gegen halb Acht abends die Wohnung und kam kurz nach Sechs aus dem Krankenhaus zurück. Sie schlief während wir in der Schule waren und wenn wir um 12 Uhr zurück kamen, dann kochte sie etwas für uns. Nachmittags durften wir hinaus mit den anderen Kindern spielen und eigentlich hätte alles sehr schön sein können. Doch ich bekam Probleme. Ich konnte meine Mutter irgendwie nicht mehr richtig leiden. Sie war zwar sehr lieb zu uns, aber ich wollte lieber zu meinem Vater. Ich vermisste ihn sehr und eines Tages ging ich mit ein paar Groschen in der Hand zu einer Telefonzelle und ich rief ihn an. Es war mein erstes Telefonat in einer Telefonzelle und ich fühlte mich schon ziemlich erwachsen. Ein wichtiges Zeichen meines Erwachsenseins waren für mich meine langen Haare, denn die waren endlich wieder lang, nachdem man sie mir zur Kommunion abgeschnitten hatte.

Ich telefonierte also mit meinem Vater und erklärte ihm, dass ich nicht mehr bei der Mutter, sondern bei ihm leben wollte und als schlagkräftiges Argument, nachdem er meinte, dies ginge nicht, ich sei noch zu klein, da führte ich an, dass meine Haare nun wieder sehr lang seinen. Doch er ließ sich davon nicht überzeugen und er erklärte mir, dass er nun eine neue Familie und neue Kinder hätte und für mich bei ihm kein Platz mehr sei. Für mich brach nach diesen Worten eine Welt zusammen. Ich liebte ihn doch so sehr und ich wünschte mir seine Nähe. Er war mein Held und nun das. Ich war zutiefst enttäuscht und ich ging ziemlich unglücklich zurück zu meiner Mutter. Der konnte ich von diesem Telefonat natürlich nichts erzählen.

Ja, und dann kam das nächste Erlebnis, welches mir ebenfalls viele Jahre später wieder einfallen sollte. Es war noch irritierender als die Sache mit dem  Fernseher. Ich saß in meinem Zimmer auf meinem Bett, als der neue Freund meiner Mutter zur Tür herein kam. Er sah zwar sich selbst nicht ganz ähnlich, meine ich heute, aber ich zweifelte nicht daran, dass es sich um Peter handelte. Peter war ein sehr netter Mann, er lebte eigentlich in Berlin und arbeitete dort als studierter Germanist im Senat. Sein Handycap war seine Querschnittslähmung, die er jedoch wunderbar meisterte. Er trug eine Art Exoskelett und benötigte keinen Rollstuhl. Er konnte sogar Treppen steigen und mit dem Auto fahren. Er war sehr sympathisch und wohl auch sehr gebildet. Meine Schwester und ich waren mit ihm an der Seite unserer Mutter sehr einverstanden. Nun, Peter kam zu mir ins Zimmer und setzte sich zu mir aufs Bett. Wir erzählten ein Bisschen und dann fragte er mich: „Willst Du ein Spiel spielen? Du bist so ein kluges Kind, ich denke, Du kannst es gewinnen.“
„Was für ein Spiel,“ fragte ich und Peter erklärte mir, es sei ein ganz besonderes Spiel. Es hieße „Spiel des Lebens“. Er hätte es eigentlich mit meiner Mutter oder auch Tante spielen wollen, doch beide Frauen würden zuviel Alkohol trinken. Ich aber würde doch bestimmt die Finger davon lassen. Das Spiel würde erst in einigen Jahren beginnen, ich müsste also versprechen so vernünftig zu bleiben, wie ich es jetzt war. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt und natürlich versprach ich es. Alkohol würde ich bestimmt nie anrühren. Und so wurden wir uns einig, ich sollte eine Rolle in dem großen, geheimen Spiel des Lebens spielen. Viel mehr erklärte er mir über dieses Spiel nicht. Ich würde schon merken, wenn das Spiel beginnen würde. Und ich würde es bestimmt gewinnen.
Leider hielt die Freundschaft zwischen Peter und unserer Mutter nicht lange, er verliebte sich stattdessen in unsere Tante Moni. Wir waren über diesen Verrat an unserer Mutter doch etwas irritiert und als nach ein paar Monaten auch diese Beziehung scheiterte, da verschwand er ganz aus unserem Leben. Wir bedauerten dies in den kommenden Jahren sehr, denn nun trat Egon in unser Leben.

Unsere Mutter hatte ihn über eine Annonce kennen gelernt und er machte auch zuerst einen ganz lustigen Eindruck. Es dauerte auch nicht lange und sie heirateten. Wir verließen Ratingen und zogen zusammen nach Meerbusch, auf die andere Rheinseite. Meerbusch besteht aus mehreren kleineren Ortschaften und wir lebten in dem Ort Osterath in einem Mehrfamilienhaus, direkt an einer sehr gefährlichen Kreuzung. Ich lebe heute wieder in diesem Ort und ich muss sagen, er wurde mir zu einer Heimat, auch wenn die Zeit mit Egon alles andere als heimelig war. Er entpuppte sich nämlich als ein echt schwieriger Fall. Aber ich erinnerte mich, wenn es all zu arg wurde immer an einen Gedanken und ein Versprechen, welches ich mir als 9 Jährige gegeben hatte. Ich wollte stark sein. Damals ahnte ich wohl, dass mir noch so einiges an Schwierigkeiten in meinem Leben bevorstand und ich sagte mir: „Du bist stark, Du wirst alles aushalten.“

Wenn ich heute auf die Zeit mit Egon zurück schaue, dann empfinde ich immer noch den Stress, den wir mit diesem Mann hatten. Ich denke aber auch, er hat es wahrscheinlich sogar relativ gut mit uns gemeint. Doch wir konnten ihn schon nach kurzer Zeit nicht mehr leiden und unsere Mutter hatte sich sehr oft mit ihm wegen uns in den Haaren. Der Mann hatte einfach keine Ahnung von Kindern und selbst eine problematische Kindheit gehabt. Er war eifersüchtig auf uns, wenn unsere Mutter uns etwas verwöhnte. Er hasste es, wenn sie uns Brote schmierte, er ärgerte sich über die Menge an Marmelade, die wir uns aufs Brot taten, er verbot uns das Fernsehen und wenn wir bei unserer Mutter im Wohnzimmer saßen, dann störten wir ihn. Er konnte den Anblick kuschelnder Kinder nicht gut aushalten. Andererseits wollte er uns gerne das Segeln beibringen, er steckte uns in einen Hockey-Verein, er ging mit uns Schlittschuhlaufen, ja, Sport war ihm wichtig. Er hörte Jazzmusik, interessierte sich für moderne Kunst und las kluge Bücher. Aber emotional war er ein Versager. Er wusste stattdessen immer alles besser und er hatte klare Vorstellungen davon, wie Mädchen sein sollten.
Wir gefielen ihm aber nicht. Meine Schwester schon mal gar nicht. Sie hatte sich trotz der schlechten Prognose der Ärzte zwar sehr gut entwickelt, sie besuchte wie ich die Realschule und brachte praktisch genauso gute Noten mit nach Hause wie ich. Aber sie war etwas verhaltensauffällig, seit sie von mir getrennt alleine in einer Klasse saß. Dort fiel sie mit ihrem etwas größeren Kopf auf und man begann sie zu hänseln. Man nannte sie Nussschale und schimpfte sie Wasserkopf. Das war neu für sie, denn solange ich an ihrer Seite gewesen war, waren solche Dinge nie vorgekommen. Kathrin war zwar immer schon etwas anders gewesen, aber sie war immer nett behandelt worden. Ich hätte auch nichts anderes zugelassen. Doch jetzt konnte ich ihr nicht mehr helfen, denn ich saß in der Parallelklasse. Warum meine Mutter auf die Idee gekommen war uns zu trennen, ist mir heute noch nicht klar. Es war aber wiedereinmal eine dieser Schockgeschichten. Als wir zum Schulbeginn auf der Realschule gerade nebeneinander an einem Tisch Platz genommen hatten, da kam der Rektor der Schule in den Klassenraum und erklärte uns, dass einer von uns in die Nachbarklasse gehen müsse, unsere Mutter hätte es so entschieden. Da ich Kathrin dies nicht zumuten wollte, denn ich dachte, ihr würde eine andere Klasse sicher Angst machen, ging ich also mit dem Rektor mit. Das war allerdings ein Fehler. Nicht für mich, aber für meine Schwester. Denn im Gegensatz zu mir, hatte sie in ihrer Klasse kein Glück. Es war eine absolute Rabaukenklasse, wo die Lehrer der Reihe nach Nervenzusammenbrüche erlebten. Ich jedoch kam in eine absolut lernwillige Klasse, dort ging es so gesittet zu, dass man mit uns auch Rollenspiele und Gruppenarbeit machen konnte. Die Lehrer kamen gerne zu uns und ich wurde Klassensprecherin. Meine Noten waren ziemlich gut und ich gehörte wirklich zu den Kindern, die sich schon nach vier Wochen Sommerferien wieder auf die Schule freuten. Bei meiner Schwester sah das hingegen ganz anders aus. Egon ging häufiger in die Schule um mit der Lehrerin zu reden, doch was man auch versuchte, die Klasse war einfach kaum zu bändigen. Die Klassensprecherin dieser Klasse, sie hieß Brigitte und wohnte uns direkt gegenüber, sie war mir sehr sympathisch, ja ich befreundete mich bald schon fest mit ihr. Sie sollte zu meiner besten Freundin und großen Jugendliebe werden. Diese Freundschaft erleichterte mein Leben, aber das meiner Schwester nur bedingt.

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Mir ging es also relativ gut, wenn man mal von Egon absah. Ich hatte sehr nette Klassenkameraden, nette Lehrer, gute Noten. Ich hatte meine Freundin Brigitte und ich kam in die Pupertät. Eine aufregende Zeit, mein Babyspeck ging endlich weg und wenn ich in den Spiegel schaute, dann stellte ich fest, ich würde recht hübsch werden. Ich bekam auch die ersten Liebesbriefchen und mein erster richtiger Kuss war echt aufregend. Ich bekam ihn von einem Ägypter. Er war schon 18, obwohl er behauptet hatte, erst 16 zu sein. Er war mit seinem Eltern zu meinen Eltern gekommen, es war Silvester und die Erwachsenen feierten im Wohnzimmer, während wir mit den Kindern der Gäste im Kinderzimmer feierten. Wir hatten die Schreibtische zusammengestellt und an diesem langen Tisch saßen wir alle und spielten Brettspiele. Mein Sandkastenfreund Markus war auch da. Er hatte mir schon als 8- Jährige versprochen mich einmal zu heiraten. Dann wollte er mir zwei große Hunde, Afghanen, schenken und niemals von meiner Seite weichen. Doch an diesem Abend sollte ich ihn schwer enttäuschen, denn der Ägypter hatte meine volle Aufmerksamkeit. Und da ich das einzige halbwegs jungendliche Mädchen im Zimmer war, kümmerte er sich auch besonders um mich. Er saß neben mir und machte mir Komplimente. Er streichelte mich im Nacken und mein Sandkastenfreund schaute immer ärgerlicher werdend zu uns. Auch meine Schwester wurde knatschig und als dieser Ägypter sich irgendwann zu mir beugte und seine Lippen auf die meinen tat, da reagierten die Beiden voller Empörung. Mich aber interessierte es nicht. Ich fühlte mich sehr erwachsen und ich ließ mich küssen. Das war wirklich etwas ganz Neues für mich und nachdem dieser Kuss sehr schön gewesen war, wäre ich auch bereit gewesen mit diesem Jungen in mein Bett zu gehen. Aber daran war natürlich nicht zu denken. Doch immerhin, ich hatte meinen ersten Kuss bekommen. Jetzt wusste ich endlich wie sich so etwas anfühlte.

Ich kam in die 7.Klasse und gleich zu Beginn wurde ich das erste Mal gefragt: „Willst Du mit mir gehen?“, dass heißt ein Schulkamerad fragte mich im Namen seines Freundes. Gleichzeitig ging dieser zu meiner Freundin Brigitte und fragte für seinen Freund. Das war eine sehr lustige Sache und so sagten Brigitte und ich Ja. Jetzt hatten wir also beide einen Freund, meiner hieß Rafael. Er war Halbitaliener und er sah sehr gut aus. Wir verbrachten viel Zeit zu Viert und irgendwann tauschten wir auch mal unsere Partner für einen Kuss. Ich machte erste zärtliche Erfahrungen, wenn man von den Zärtlichkeiten absah, die ich mit Brigitte austauschte. Es war eine schöne und sehr aufregende Zeit. Aber die Freundschaft hielt nicht lange, denn die Mutter von Rafael war mit mir nicht einverstanden. Warum weiß ich nicht, vielleicht kam ich ihr nicht aus dem richtigen Hause. Dabei war an meiner Bildungsbürgertum-Herkunft eigentlich nichts auszusetzen. Mein Großvater war Ingenieur und Direktor bei einer großen Hochbaufirma. Er baute Hängebrücken in aller Welt. Egon war auch Ingenieur. Aber es nützte nichts und Rafael tat, was seine Mutter wollte, er machte mit mir Schluss. Auch Brigittes Freundschaft zerbrach daraufhin. Uns störte es nicht wirklich, denn wir liebten uns dafür um so mehr. Man kann durchaus von einer zarten, lesbischen Beziehung sprechen. Wir liebten es uns zu küssen und das taten wir auch auf der Straße. Es blieb daher nicht aus und eine Nachbarin entdeckte uns knutschend im Park. Das kam meiner Mutter zu Ohren und auch Egon erfuhr davon. Der machte sich große Sorgen und suchte unsere Hausärztin auf. Was diese Frau ihm riet, weiß ich nicht, aber beruhigt hatte sie ihn offensichtlich nicht. Denn er verbot mir von nun an den Umgang mit meiner Freundin. Er verfolgte mich auf der Straße um mich dabei zu erwischen wie ich trotz des Verbotes den Kontakt aufrecht erhielt.
Vielleicht war die Sorge, ich könnte wirklich lesbisch werden, ein Grund, wieso meine Mutter meinen Schulwechsel auf das Gymnasium anstrebte. Sicher, es waren bestimmt auch meine guten Noten, aber die Chance, dass ich mich dann auch, was meine Freundschaften anging, umorientierte, könnte ein Argument dafür gewesen sein. Ich fand die Idee auch nicht schlecht, denn so benötigte ich in der 10. Klasse keine Qualifizierung, sondern ich würde bei Versetzung direkt in die 11. Klasse kommen. Meine Noten ließen zwar nicht befürchten, dass ich die Qualifikation nicht schaffen würde, aber sicher ist sicher, dachte ich.

Ich wechselte also in die 8.Klasse auf das Gymnasium, aber schnell stellte sich heraus, dies war eine Fehlentscheidung gewesen. Ich kam zwar in den meisten Fächern erst mal ganz gut mit, aber den Anschluss an die Sprachen fand ich nicht. Englisch und Französisch wurden für mich zu einem Problem und mein Zeugnis sah zum Ende der 8. Klasse schon nicht mehr ganz so gut aus.
In der 9.Klasse wurde es noch schlimmer, denn nun kam ich auch in Mathe nicht mehr richtig mit. Überhaupt die Schule wurde für mich zu einem Problem. Ich war zwar auch auf dem Gymnasium engagiert und ich arbeitete auch gut mit, ich wurde auch wieder zur Klassensprecherin gewählt, ja, ich wurde sogar Teil der Schülervertretung. Aber dennoch, es ging immer weiter bergab und die 10. Klasse schaffte ich dann nicht mehr. Ich hätte zwar eine Nachprüfung machen können, doch ich wollte mir nicht die Sommerferien verderben. Ich wiederholte also die 10. Klasse. Aber ich konnte mich einfach nicht mehr auf das Lernen konzentrieren. Ich schwänzte immer öfter, ja, ich muss gestehen, ich schaffte es in einem Halbjahr 159 unentschuldigte Fehlstunden anzusammeln. Überhaupt wurde ich ziemlich kritisch allem gegenüber. Es fing mit der Kirche an und hörte bei der Umweltverschmutzung nicht auf.
Mit 16 Jahren lernte ich aber erst mal meinen ersten, richtigen Freund kennen. Er hieß Christopher und er war schon in der 13. Klasse. Er war blond, sehr groß, sehr sportlich und aus gutem Hause. Sein Vater war ein hohes Tier in einer Bank. Christopher machte mich bekannt mit der Welt des modernen Theaters, mit südamerikanischer Musik, mit Literatur und einem sehr intellektuellen Lebensstil. Mir gefiel das und ich bemühte mich auch in der Schule wieder mehr. Aber mit ihm wollte ich nicht ins Bett, gut, etwas Petting war in Ordnung, aber mit ihm schlafen wollte ich nicht. Er hatte nämlich schon eine mehrjährige Beziehung hinter sich und er hatte auch seine ersten sexuellen Erfahrungen dort gemacht. Ich aber wollte nicht mit jemandem ins Bett gehen, der nicht mehr „unschuldig“ war. Ich wollte jemanden dafür, für den dies auch das Erste Mal war. Und dies war keine Angelegenheit, die bei mir verhandelbar gewesen wäre. Das hatte mit meinem Besuch bei meiner Großmutter zu tun.

Ich besuchte sie in Berlin und natürlich erzählte ich ihr auch von meinem Christopher und ich fragte sie, was mich erwarten würde, wenn ich mit ihm so richtig Sex haben würde. Meine Oma war eine sehr offenherzige Frau, mit der man wirklich über alles sehr gut reden konnte. Ich liebte sie immer schon sehr und ihr Wort hatte bei mir großes Gewicht. Nun, meine Großmutter freute sich über meine Offenheit, doch sie riet mir zur Zurückhaltung. Denn, so sagte sie, das Erste Mal war eine ganz besondere, ja heilige Angelegenheit. Sie erklärte mir, dass wenn der Junge und das Mädchen beide noch unschuldig waren, dann könne man einen sehr großen Zauber erleben. Ich solle mir also wirklich sehr gut überlegen, mit wem ich dieses Erlebnis teilen wollte. Sie erzählte mir von zwei magischen, unsichtbaren Ringen, die sich beim ersten Eindringen miteinander verbinden würden. Dieser Ring sei jedoch nur beim Ersten Mal vorhanden. Würde ich also mit jemandem ins Bett gehen, der nicht mehr unschuldig sei, nun, dann würde mein Ring kein Gegenstück finden. Es sei also nicht egal, ob man unschuldig war oder nicht. Das Besondere an den sich vereinigenden Ringen sei aber nun, in dem Moment, wo dies geschieht, solle man die Augen zu machen und tief in sich hinein schauen. Dort würde man dann einen Blick in die Zukunft werfen können. Außerdem würde die Vereinigung der Ringe dazu führen, dass man mit dem Partner eine lebenslange Verbindung eingehen würde. Gemeinsam könnten man dann ein neues Universum erschaffen. Dieses Universum könne ein Kind sein, aber wenn man dies verhüte, dann würde ein anderes, großes Universum entstehen. Auf jeden Fall sei dieser Moment so heilig, dass die richtige Wahl des Partners sehr entscheidend sei. Denn, würde man sich mit dem Falschen einlassen, dann würde man möglicherweise ungewollt mit diesem eine lebenslange, emotionale Verbindung eingehen.
Nach diesem Gespräch war für mich völlig klar, dass Christopher mich nicht entjungfern würde. Unser Freundschaft lockerte sich wieder und ich hatte den Eindruck, die Beziehung sei sogar vorbei, doch ein paar Jahre später erklärte Christopher mir, dass er sehr wohl geglaubt hatte, dass wir noch zusammen gewesen wären. So unterschiedlich können die Erinnerungen sein.

Also, ich kam das zweite Mal in die 10. Klasse und ich fühlte mich ziemlich allein und verlassen. Ich hatte nämlich in den Sommerferien eine sehr schockierende Erfahrung gemacht. Ja, in mir war endgültig eine Welt zusammen gebrochen. Sie werden dies sicherlich verstehen, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass am 4. August 1981 mein Vater versuchte mich zu vergewaltigen. Ich war damals gerade 17 Jahre alt geworden und ich jobbte in den Ferien um anschließend mit einer Freundin eine kleine Deutschlandreise machen zu können. Wir wollten nach Tübingen, an den Bodensee, nach Freiburg und wohin auch immer uns der Zug oder der Daumen bringen würde. Meine Mutter hatte mir diese Reise zwar nicht erlauben wollen, doch diesmal kam mir Egon zu Hilfe. Er fand die Idee gut und er überredete meine Mutter mir diese Erfahrung zu gestatten. Wie schon gesagt, Egon meinte es wahrscheinlich tief in seinem Herzen immer sehr gut, nur seine Art war einfach unerträglich.

Ich suchte mir also für einen Teil der Sommerferien einen Job und mein Vater vermittelte mich an seinen besten Freund, der eine große Firma hatte, die viele Frauen anstellte, um Kindergärten und Büros zu putzen. Ich bekam den Job und ich sollte im Düsseldorfer Filmmuseum putzen. Dort stellte ich mich aber als Niete heraus und dann legte ich mich auch noch mit dem Direktor des Filmmuseums an und so wurde ich nach der ersten Woche in einen Kindergarten versetzt. Dort lief es besser, denn die ebenfalls dort arbeitenden Türkinnen erklärten mir alles und ließen mich die angenehmsten Tätigkeiten ausführen. Aber Putzen war wirklich nicht mein Ding und so war ich froh einen anderen Job zu finden. Dort musste ich sogenannte Heimtextilien umverpacken. Auch dort war ich ziemlich rebellisch und ich setzte durch, dass man mir einen Barhocker zum Sitzen besorgte, da das ganztägige Stehen für mich unerträglich war. Ich machte also meine ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt und davon wollte ich meinem Vater berichten. Ich rief ihn an und er lud mich zu sich ein. Das erfreute mich natürlich sehr, denn in meinem Herzen war er immer noch der größte aller Helden. Besonders freute mich, dass seine Frau und mein Halbschwestern in Urlaub waren, ich würde meinen Vater also diesmal ganz für mich alleine haben.
Und es wurde auch wirklich ein sehr schöner Feierabend, wir gingen Pizza essen und er lud mich ein, bei ihm zu übernachten, er wollte mich dann am nächsten Tag früh morgens zu meiner Arbeitsstelle fahren. Ich freute mich riesig darüber und natürlich sagte ich Ja.

Allerdings war auch eine Warnlampe bei mir im Kopf angegangen, doch zunächst ignorierte ich sie. Die Warnlampe hatte geleuchtet, weil mein Vater mir doch eine etwas merkwürdige Lektüre angeboten hatte. Sie werden es leicht verstehen, wenn ich Ihnen den Titel nenne: „Die geile Nichte der Frau Wirtin“. Natürlich wäre ich bei jedem Anderen, der mir mit so einem Schund gekommen wäre, auf der Stelle gegangen, doch die Lektüre kam nicht von Irgendwem. Sie kam von meinem geliebten Papi. Natürlich fragte ich mich, was er damit bezweckte und ich lief hoch rot an, als er mich fragte, nachdem ich zwei, drei Seiten dieses Heftes gelesen hatte: „Und, kneifst Du schon die Beine zusammen?“ Was war nur in meinen Vater gefahren, fragte ich mich. Wollte er mich in Scham versinken sehen? Am Liebsten wäre ich gegangen, denn meine Warnlampen glühten. Aber auf der anderen Seite, ich hatte meinen Vater so lange nicht gesehen, endlich konnten wir mal Zeit alleine verbringen, ohne die ständig nervende Liane. Ich blieb daher und versuchte die Anzüglichkeiten zu überhören.
Ich will Sie nicht mit den ganzen Einzelheiten belasten, ich kann nur sagen, mein Vater verfolgte den ganzen Abend nur ein Ziel und irgendwann schien ihm der Zeitpunkt gekommen und er stürzte sich auf mich. Mein Vater war ein Über-100-Kilo-Mann und körperlich nicht abzuwehren. Das Einzige was mich rettete, das war mein Mundwerk, denn ich zählte die ganze Zeit immer wieder all die Paragraphen auf, gegen die er gerade verstoßen würde.Inzucht, Vergewaltigung, Verführung Minderjähriger, sexueller Missbrauch. Ich schaffte es dank dieser abkühlenden Worte wohl, ihn von seinem Trip herunter zu bekommen und ich konnte meine heilige Unschuld vor ihm retten. Das war mir das aller Wichtigste gewesen. Ich glaubte daher, dass dieses Erlebnis am Ende nur halb so schlimm gewesen war, doch natürlich hatte dieser ungeheuerliche Vorfall seine fatalen, psychischen Folgen bei mir. Aber erst mal glaubte ich mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Allerdings war in mir natürlich trotzdem alles völlig durcheinander geraten. Mein Vater! Mein geliebter Vater! Mein Held! Was sollte ich jetzt über ihn denken, wie sollte ich das Geschehen einordnen? Was würden für Konsequenzen folgen? Mit wem konnte ich darüber reden? Ich erzählte direkt am folgenden Tag einer guten Freundin von meinem Erlebnis, doch wir wurden durch ihren Freund gestört und so fuhr ich ohne ihren Rat nach Hause. Meiner Mutter erzählte ich erst mal nichts, ich ahnte wohl, dass dies unkontrollierbare Folgen haben würde. Ich erzählte es meiner Freundin Brigitte, aber auch sie wusste nicht, was ich darüber denken sollte. Sie sagte nur, sie könne sich so etwas bei ihrem Vater überhaupt nicht vorstellen. Ich erzählte es weiteren Freunden, aber niemand konnte mir weiter helfen. Ich trampte mit meiner Freundin Annette durch Deutschland und ich versuchte das Erlebnis zu verarbeiten.

Als die Schule dann wieder anfing, glaubte ich damit durch zu sein und so wurde ich unvorsichtig. Ich saß mit meiner Schwester und meiner Mutter am Mittagstisch und das Gespräch kam auf die Aussteuerversicherung, die unser Vater für uns abgeschlossen hatte. Meine Mutter bremste unsere Vorfreude darauf, denn sie befürchtete, dass unser Vater uns das Geld nicht auszahlen würde, denn er war nicht nur mit dem Hotel pleite gegangen, auch sein Speditions-Subunternehmen war gescheitert. Er brauchte Geld und würde wohl die Aussteuerversicherung für sich behalten müssen. Da sagte ich: „Das glaube ich nicht, denn ich weiß etwas, das möchte er bestimmt nicht, dass ich es erzähle.“ Oh, das war ein großer Fehler, denn nun war meine Mutter sehr neugierig. Und wenn man eines über meine Mutter sagen kann, dann dieses, wenn sie etwas wissen will, dann bekommt sie es auch heraus. Ich versuchte sie abzulenken, doch ich konnte nicht lügen und so erzählte ich ihr und meiner Schwester unter dem Siegel der Verschwiegenheit von dem 4. August. Beide fielen aus allen Wolken und meine Mutter war derartig schockiert, dass sie sich über meine Bitte um Verschwiegenheit sofort hinwegsetzte und Egon auf der Arbeit anrief. Und dann ging es richtig zur Sache, denn auf so etwas hatte dieser nur gewartet. Ihm war mein Vater immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Egon verlangte von mir, dass ich meinen Vater bei der Polizei anzeigte. Ja, dieser Vorfall musste Folgen haben. Für mich war diese Forderung aber ein großes Problem. Ich wollte meinem Vater keine Probleme machen. Hätte ich doch nur nichts gesagt!
Meine Mutter rief meinen Großvater an und sorgte dafür, dass auch er es erfuhr, was mir ganz besonders unangenehm war. Mein Großvater nahm seinen Sohn zur Seite und konfrontierte ihn mit den Vorwürfen. Und was tat mein Vater? Nun, er wälzte die Schuld auf mich ab. Er behauptete, ich sei nackt zu ihm ins Bett gestiegen und er sei leider etwas zu betrunken gewesen. Aber letztendlich sei nichts wirklich Schlimmes geschehen. Ich wolle ihn einfach nur erpressen, ich würde herum phantasieren, ich würde Lügen erzählen. Das war für mich sehr, sehr schlimm. Plötzlich stand mein Wort gegen Seines. Mein Großvater jedoch erklärte meinem Vater, dass die Sache nicht in meiner Verantwortung läge, er als der Erwachsene, er als Vater hätte mich dann eben nackt wie ich gewesen war, vor die Tür setzen müssen. Dieser Rat war für mich der endgültige Schock! Was stellte sich denn mein Großvater nur vor? Glaubte er meinem Vater etwa? Kannte er mich so schlecht, dass er mir zutraute, dass ich meinen Vater verführt hätte?
Lieber Leser, ich kann ihnen sagen, nachdem ich von der Reaktion meines Großvaters gehört hatte, fühlte ich mich tatsächlich nackt in den eisigen Schnee geworfen. Jetzt war nicht nur mein Verhältnis zu meinem Vater zerstört, jetzt verlor ich auch noch das Vertrauen zu meinem Großvater. Überhaupt ich verlor grundsätzlich mein Vertrauen. Ich hatte meiner Mutter diese Geschichte unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt und sie hatte sich darüber hinweggesetzt und eine Kaskade an Konsequenzen hervorgerufen. Mir ging es einfach nur noch beschissen. Meinen Vater zeigte ich aber nicht bei der Polizei an, denn einem Gerichtsverfahren, in dem ich mich gegen seine Ausflüchte und Lügen hätte wehren müssen, dem fühlte ich mich nicht gewachsen.

Die langfristigen Folgen waren eine Spaltung der ganzen Familie. Der eine Teil glaubte mir, der andere glaubte meinem Vater, zumindest verurteilte man ihn nicht, ja, eigentlich versuchte man die ganze, unangenehme Geschichte unter den Teppich zu kehren. Das kommende Weihnachten sollte das erste Weihnachten sein, dass meine Schwester und ich nicht bei meinem Großvater verbrachten. Es war uns Beiden einfach nicht möglich mit unserem Vater zusammen unter dem Tannenbaum zu sitzen und Lieder zu singen.
Auf meine schulischen Leistungen hatte diese Geschichte natürlich auch keine förderlichen Wirkungen. Ich wiederholte die Klasse zwar und eigentlich hätten meine Noten jetzt wirklich besser werden müssen, doch ich hatte dafür einfach nicht mehr genug Energie. Ich schwänzte weiterhin häufig den Unterricht, aber besser fühlte ich mich dadurch auch nicht.

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Ich war also ziemlich durch den Wind. Konnte es wirklich sein, dass mein Leben so unendlich schwer werden würde? Ging das mit den Schocks eigentlich immer so weiter? Was hatte ich nur für eine scheiß Jugend! Diese Klagen muss der liebe Gott gehört haben, denn er sorgte erst mal für eine richtig tolle Ablenkung, ja für eine großartige Hoffnung.
Ich lernte einen wirklich sehr gut aussehenden, jungen Mann kennen. Ich nenne ihn C, denn seinen Namen will ich nicht nennen, den Grund erkläre ich später. Er ging auf meine Schule und besuchte die 13. Klasse. Er war mir bis zu diesem denkwürdigen Moment auf dem Schulhof nie aufgefallen, was allerdings wirklich sehr verwunderlich war, denn der Typ war einfach nur super cool. Ich sah ihn alleine in der Raucherecke vor dem Eingang der Schule stehen und rauchen. Ich saß etwas weiter weg und hatte gerade beschlossen, der anstehenden Schulstunde mal wieder fern zu bleiben. Ich schaute zu diesem jungen Mann herüber und überlegte, was der denn wohl jetzt so alleine dort in der Raucherecke tat. Ob er auch schwänzte? Alle anderen waren schließlich schon längst hinein gegangen. Ich beschloss diesen Typen anzusprechen und drehte mir erst mal eine Zigarette. Damit ging ich zu ihm und ich fragte nach Feuer, obwohl ich natürlich ein eigenes Feuerzeug in der Tasche hatte. Der wunderbare Typ reagierte sehr freundlich und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er im Kunst-Leistungskurs war und gerade eine Ausstellung in der Schule organisieren wollte. Das war natürlich ein gutes Thema, denn ich malte auch. Ich versuchte mich in dieser Zeit schon länger mit der Ölmalerei und ich hatte ein paar kleinere Bilder fertiggestellt, die Zuhause ganz gut angekommen waren. C. ermutigte mich, diese Bilder in der Ausstellung zu zeigen und wir verabredeten uns. Er wollte mich besuchen kommen, um sich die Bilder anzusehen. Na, das war doch mal wirklich ein toller Anfang!

Und so kam es, dass er ein paar Tage später bei mir im Zimmer saß und ich ihm die Bilder zeigte. Ich teilte mir mit meiner Schwester das relativ große Zimmer, doch wir waren zum Glück allein und unterhielten uns sehr gut. Ihm gefielen besonders meine bunten Bäume. Sie erinnerten an Birken, doch ihr Stamm war gemustert wie bunte Zuckerstangen. Zwei andere Bilder zeigten ganz gut gelungene Akte. Wir diskutierten über die Körperhaltung, die ich gewählt hatte und ich muss sagen, ich war von diesem sympathischen Typen total begeistert. Auch meine Mutter, die ihn sich natürlich genau angesehen hatte, war zufrieden. Diesen jungen Mann durfte ich gerne näher kennen lernen, denn er schien aus wirklich gutem Hause zu sein. Außerdem war er einfach sehr gutaussehend. Er hatte wunderschöne, blaue Augen, die sehr gewinnend zu strahlen wussten und blondes, längeres Haar.
Es war also abgemacht, ich sollte meine Bilder mit ausstellen. Ich fragte mich, wie es sein konnte, dass ich ihn bisher nicht bemerkt hatte, denn nun begegneten wir uns immer wieder, auf der Treppe, in der Raucherecke, überall. Und C. begann etwas mit mir zu flirten. Ich verliebte mich natürlich in ihn, er wurde zu meinem Lichtblick und auch er schien sich für mich zu interessieren. Es kam zur Ausstellung und da sah ich, was für ein talentierter Maler er war. Seine Bilder waren beeindruckend, dagegen kam ich mir wie eine ziemliche Anfängerin vor. Aber er gab mir trotzdem das Gefühl eine Künstlerin zu sein und lud mich zu sich nach Hause ein.

Ich fuhr mit dem Zug nach Neuss, denn dorthin war er gerade mit seiner Familie in ein typisches Traumhaus gezogen. Sein Vater war Direktor in einem großen Konzern und die Mutter kam aus einer sehr wohlhabenden Familie. Doch C. schien sich für solche Dinge überhaupt nicht zu interessieren. Er trug lange Haare und ausgewaschene Jeans, besonders in Erinnerung ist mir sein wirklich schöner roter Pullover. Er teilte sich mit seinem jüngeren Bruder die Zimmer unter dem ausgebauten Dach. Sein Zimmer war sehr schön eingerichtet, im vorderen Teil gab es eine einfache Matratze, die auf dem Boden lag, und Regale mit Büchern. Im hinteren Teil hatte er eine gemütliche Klönecke mit sehr vielen Schallplatten. Außerdem stand dort eine kleine Staffelei, auf der er gerade ein sehr interessantes Bild malte. Es war eine Aufgabe für den Kunstunterricht. Das Thema war die Traumfrau oder der Traummann. C. malte jedoch nicht einfach nur eine schöne Frau. Er hatte das Bild in Streifen abgeklebt und wollte eine Art Collage malen. Ich bewunderte in diesem Zimmer einfach alles. Wir setzten uns in seine Klönecke und plauderten miteinander. Wir kamen vom Höxchen aufs Söckchen und ich weiß auch nicht wie wir darauf kamen, aber er meinte zu mir: „Also entweder bist Du total durchtrieben oder noch Jungfrau …“ Ich lachte daraufhin und meinte: „Natürlich bin ich noch Jungfrau. Ich nehme das Thema sehr ernst und gehe nicht mit jedem ins Bett.“
Da lächelte er mich an und sagte: „Ich bin auch noch unschuldig:“ Das überraschte mich jetzt schon, denn C. war schon 21 Jahre alt. Auch er hatte mindestens eine Ehrenrunde hinter sich. Aber ich wusste, dass er auch schon eine mehrjährige Beziehung hinter sich hatte. C. erklärte mir, dass er keinen richtigen Sex mit seiner Exfreundin gehabt hätte, weil er nun mal lieber seine erste Erfahrung mit einer Jungfrau machen wollte. Das war für mich nun aber wirklich eine große Überraschung. Da fand ich doch tatsächlich einen netten, gutaussehenden jungen Mann, der auch noch unschuldig war. Wir schauten uns an und es war klar, was jeder dachte. Wir würden dieses Erlebnis irgendwann miteinander teilen, es lang einfach auf der Hand, denn soviel Glück war einfach nicht immer zu erwarten.
Doch zunächst musste ich erst mal etwas klären. Ich erzählte, dass ich für meinen Wunsch mit einem ebenfalls Unschuldigen das Erste Mal zu erleben schon hatte kämpfen müssen. Ich berichtete ihm von dem Vorfall mit meinem Vater. Er hörte mir aufmerksam zu und nach dem ich geendet hatte meinte er zu mir: „Also, das ist wirklich ungeheuerlich, am liebsten würde ich Dich jetzt in den Arm nehmen.“ Nun, das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so ließ ich mich umarmen und nicht nur das. Wir küssten uns und es war klar, wir würden es mit einer Beziehung versuchen.

Ich war überglücklich! So einen tollen Freund hatte ich noch nie gehabt und ich erntete auch in meinem Freundeskreis durchaus Anerkennung für diesen Fang. Meine Freundin Brigitte, die nun schon länger mit einem Michael zusammen war, klopfte mir auf die Schulter und wünschte mir viel Glück. In der Raucherecke der Schule wurde unsere Beziehung auch registriert, aber nicht jeder war begeistert. C.s Exfreundin und auch all die anderen Abiturienten schauten etwas dumm aus der Wäsche, denn ich hatte mit C. den Liebling aller weggeschnappt. Ich fühlte mich in diesen Kreisen daher nicht gerade willkommen, aber C. war nett zu mir und ich hatte den Eindruck, er war wirklich verliebt in mich. Ich wollte es jedenfalls so sehen.
Ich besuchte meinen neuen Freund so oft es ging und meine zuvor sehr bedrückte Stimmung war verflogen. C. war ein sehr intelligenter Zeitgenosse und seine Kumpels waren wie er an der Malerei interessiert. Mir schien es, ich war in einen Kreis von zukünftigen, großartigen Künstlern gelandet.
Irgendwann machte C. ein Spiel mit mir. Es war ein Psycho-Spiel. Man bekam dazu einige Begriffe genannt und musste erzählen, welche Bilder man dazu im Kopf hatte. Es begann mit dem Blick auf eine Wiese und einen Wald. Dann sollte man durch den Wald gehen. Dort traf man auf ein Haus, einen Bären, eine Brücke und eine Mauer. Immer sollte man sagen, was diese Begriffe für Bilder in einem auslösten. Zum Schluss verließ man den Wald und kam an einen See. Ich sollte den See beschreiben. Der war für mich eisblau, abweisend und beängstigend. Hineingehen oder gar Schwimmen wollte ich natürlich auf keinen Fall.
C. rückte nun mit der Auflösung heraus und wenn die ersten Bilder ganz schöne Erkenntnisse lieferten, so war die Auflösung des Seebildes überraschend für mich. Denn der See stand für die Sexualität. Da hatte ich offensichtlich ein größeres Problem. Sex war zwischen uns natürlich ein wichtiges Thema, denn es war klar, wir würden zusammen das Erste Mal erleben. Verhütung musste dazu auf jeden Fall sein und so ging ich zum Frauenarzt und besorgte mir die Pille. Doch die sollte erst in drei Monaten wirklich sicher sein. Also würden wir solange warten müssen. Aber das machte uns nichts, denn zärtlich konnte man auch so miteinander sein.

Ich verliebte mich wirklich kolossal. Dieser Mann wurde zu meiner absoluten, großen Liebe. Ich bewunderte einfach alles an ihm und ich hoffte sehr, dass aus uns etwas wirklich Dauerhaftes werden würde. Meine Eltern hatte auch nichts dagegen und so durfte ich in den Weihnachtsferien bei ihm übernachten. Natürlich nicht in seinem Bett. C.s Mutter bestand darauf, dass ich in dem Zimmer ihrer Tochter übernachtete. Die war zu Ausbildungszwecken in Paris.
Und so schlich ich regelmäßig früh morgens hinunter und legte mich in dieses Bett. Dazu musste ich eine Wendeltreppe hinunter steigen und ich schaffte es nie, diese wirklich geräuschlos zu überwinden. C.s Vater hörte es jedenfalls immer. Doch der Mann hatte wohl Verständnis für uns und sagte nichts dazu. Aber die Mutter war nicht ohne, diesbezüglich. Sie mochte mich nicht besonders und irgendwann kam es auch zum Eklat.
Ich war dummerweise in C.s Armen eingeschlafen und als die Mutter ihren Sohn morgens wecken wollte, da fand sie mich unter seiner Decke liegen. Oh, das war zuviel für sie und sie machte ein riesiges Theater. Sie beschimpfte mich eine Nutte zu sein, eine hinterhältige Frau, die ihrem Sohn unbedingt ein Kind andrehen wollte. Mir war das sehr unangenehm und C. sprang aus dem Bett und legte sich empört mit seiner Mutter an. Es dauerte drei Tage bis diese Frau sich bei mir entschuldigte. Aber, dass C. sich wegen mir mit ihr angelegt hatte, das hatte mich sehr gefreut. Ihre Vorwürfe waren einfach total ungerecht, denn ich wollte bestimmt kein Kind, zumindest jetzt noch nicht. Aber ich konnte mir durchaus vorstellen mit C. ewig zusammen zu bleiben. Er war der Mann meiner Träume.

Und so kam es dann im Frühjahr zum großen Moment. Wir verbrachten die Tage praktisch nur im Bett um zu üben. Wir hatten schließlich Beide keine Ahnung. Und dann war es endlich soweit, C. legte sich auf mich und ich konnte ihn zwischen meinen Beinen spüren. Ich war sehr aufgeregt, denn mir war klar, dies war nun der große, heilige Moment. Ich wusste jedoch nicht was ich machen sollte. C. beruhigte mich mit den Worten: „Keine Sorge, das Pferd kennt den Weg.“ Und dann drang er in mich ein. Weh tat es nicht, nur ein kleines Bisschen vielleicht. Ich schwor in meinem Innern, dass ich diesen Mann mein Leben lang lieben würde, ich schloss die Augen und schaute in mich hinein. Was ich da nun sah? Nun, ich sah jede Menge Seifenblasen. Was sollte das denn nur für eine Botschaft sein? Seifenblasen?
Nun, eine Antwort kam schon ein paar Wochen später. C beendete die Beziehung mit mir. Ich war gerade von zu Hause ausgezogen und hatte ein kleines Durchgangszimmer in einer FrauenWG bezogen, beim Umzug hatte er mir noch geholfen, aber dann kam er an einem sonnigen Frühlingstag vorbei und erklärte mir, dass ich für ihn und sein Leben noch zu jung sei, dass er nun, bald mit dem Abitur in der Tasche, ein aufregendes Künstlerleben leben wollte und außerdem wollte er jetzt erst mal auch mit anderen Frauen schlafen. Eine Beziehung mit mir würde darum nicht mehr funktionieren. Ich solle mich lieber erst mal um meine Schule kümmern. Was sagt man dazu? Wie stimmt man so jemanden um? Liebe? Nun, die gab es offensichtlich nicht mehr. Ich war zutiefst verletzt. Ich war todunglücklich. Ich war verzweifelt. Ich heulte die ganze Nacht. Zum Glück war der Freund meiner Mitbewohnerin da und der Mann tröstete mich. Er saß an meinem Bett und streichelte meine Hand. Ach, ich sage ihnen, es war wirklich sehr schlimm für mich. Doch als ich am nächsten Tag aufstand und in den Spiegel schaute, da sah mir die schönste Monica in die Augen. Ich sah einfach absolut hinreißend aus. Das hob meine Stimmung und verwundert stellte ich fest, dass ich keinen Schmerz mehr empfand. Der Liebeskummer war weg.
Heute sage ich, die Verdrängung hat offensichtlich sehr gut funktioniert. Doch sie sollte nicht ewig halten. Aber davon erzähle ich in einem anderen Kapitel. Jetzt war es erst mal so: Ich war endlich ausgezogen, eine neue Schule wartete auf mich, ich war bildschön und ich konnte damit tun und lassen was ich wollte.

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Das Spiel des Lebens

 

So, das war jetzt erst mal eine kurze, biographische Zusammenfassung, aber wenn Sie glauben, damit das Entscheidende zu kennen, dann muss ich Sie enttäuschen, es gibt noch einige andere, wichtige Schlüsselmomente in dieser Zeit. Allerdings kann ich Ihnen nicht 100%ig versichern, dass sie real sind. Ich persönlich glaube zwar sehr wohl daran, dass sie tatsächlich stattgefunden haben, aber wenn Sie ein Psychologe oder Psychiater sind, dann werden Sie wahrscheinlich die Stirn kraus ziehen und an eine schizophrene Störung denken. Und damit werden Sie dann auch nicht alleine stehen. Ich bin bisher noch niemandem begegnet, der meine Erlebnisse ernst genommen hat. Ich selbst habe auch daran gezweifelt, aber tief in mir drin gibt es eine Stimme, die versichert mir: „Monica, dass was Du erlebt hast, ist absolut real!“
Erinnern Sie sich an mein Gespräch mit dem Freund meiner Mutter und seinem Angebot, ein „Spiel des Lebens“ mit mir zu spielen? Nun, schon dieses Gespräch halten Fachleute für eine Wahnvorstellung. Sie bezweifeln meine Erinnerung und glauben, dass ich mir dieses Erlebnis eingebildet habe. Mein Unterbewusstsein hätte mir dieses Gespräch vorgespielt um mich psychisch zu stärken. Denn die traumatischen Geschehnisse dieser Zeit hätten mich krank gemacht. Erst die Scheidung, dann das Internat und anschließend die Zurückweisung meines Vaters. Das alles wären schwierige Herausforderungen für ein kleines Kind und so hätte mein Unterbewusstsein zu einem Trick gegriffen und mir das Gefühl vermittelt etwas Besonderes zu sein. Klug und tapfer, intelligent und auserwählt. Das „Spiel des Lebens“ sei eine kreative Erfindung meines Geistes und dieses vermeintliche Erlebnis hätte dafür gesorgt, dass ich anschließend mit größerem Selbstbewusstsein durch das Leben gegangen sei. Mein selbst gegebenes Versprechen, den Schwierigkeiten meines Lebens mit Stärke zu begegnen, sei sicherlich darauf zurück zu führen. Nun, wäre es das einzige, sonderbare Erlebnis geblieben, ich würde diesem Erklärungsansatz sicher auch folgen. Doch es sollte nicht das Einzige bleiben.

Ich war ungefähr 13 oder 14 Jahre alt und ich verbrachte wie so oft mein Wochenende mit meiner Schwester bei unserem Großvater. Wie immer waren wir gemeinsam durch den Wald spazieren gegangen und hatten auch etwas eingekauft. Wir hatten ebenfalls wie schon so oft zusammen gekocht und am Sonntagmorgen zusammen die Kirche besucht. Nach dem Mittagessen saßen wir dann gemeinsam am Tisch und unterhielten uns. Plötzlich holte unser Großvater ein kleines Stöckchen hervor und sagte: „Kinder, heute möchte ich mal etwas ganz Besonderes mit Euch machen. Ich möchte Euch hypnotisieren.“
Sicher, wir fragten uns, was das sei, Hypnose, aber wir vertrauten unserem Großvater sehr und sagten natürlich nicht nein. Er tippte daraufhin mit dem Stöckchen auf unsere Köpfe und das war meines Wissens auch schon alles. Mein Großvater sagte zu uns: „Ich will ein Spiel spielen, doch Kathrin kann daran nicht teilnehmen, sie ist wegen ihrer Krankheit dafür nicht stark genug.“
Ich bemerkte erst mal nichts Besonderes, ich fühlte mich ganz normal. Doch es war keine normale Situation, denn plötzlich wurde meine Schwester immer blasser, ja, sie löste sich vor meinen Augen in Luft auf. Auf ihrem Platz saß dafür jetzt ein Junge von vielleicht 15 bis 16 Jahren. Er hatte dunkles Haar und sah nicht unsympathisch aus. Mein Großvater stellte uns nicht namentlich einander vor, aber er sagte: „Ihr Beide werdet eines Tages ein Paar sein. Es wird noch viele Jahre dauern, aber dann werdet ihr gemeinsam eine ganz große Tat vollbringen. Doch damit diese Tat auch wirklich gut gelingt, sollte wenigstens einer von Euch Physik studieren.“
„Physik? Das kommt ja gar nicht in Frage,“ sagte der junge Mann, „das habe ich nun schon so oft gemacht, ich habe darauf in diesem Leben keine Lust mehr.“
Ich fand seine Reaktion ziemlich ungehörig, denn, wenn mein Großvater dies verlangte, dann konnte man doch nicht einfach so Nein sagen. Ich überlegte darum nicht lange und sagte: „Gut, wenn Du Dich weigerst, dann werde ich es tun.“
An viel mehr erinnere ich mich nicht und nachdem meine Schwester wieder sichtbar wurde und die Hypnose beendet war, vergaßen wir das Erlebnis auch schnell wieder.

Diese Hypnosesitzung sollte jedoch nicht die Einzige bleiben. Unser Großvater holte öfter sein Stöckchen hervor und dann erzählte er uns von einem großen Spiel, dem „Spiel des Lebens“. Er erklärte uns unter Hypnose, dass ich einmal eine Art Wunderwaffe erfinden würde, ja, dass ich damit weltberühmt werden würde. Als ich ihn dann fragte, was passieren würde, wenn es mir nicht gelingen würde diese Wunderwaffe zu realisieren, da meinte er nur, es würde schon reichen, wenn ich es einfach behaupten würde. Unser Großvater war von meinem Erfolg absolut überzeugt und wir fragten uns, wie es nur möglich war, dass er wissen konnte, was in der Zukunft einmal geschehen würde. Aber Zweifel hatten wir nicht. Im Gegenteil, wir diskutierten viel darüber, wir überlegten, wie das Ziel einer Wunderwaffe zu erreichen wäre und irgendwann meinte ich, es wäre doch eine gute Idee, wenn man ein Brettspiel daraus machen würde.
Diese Idee fiel auf fruchtbaren Boden und beim nächsten Mal holte mein Großvater ein Brettspiel hervor. Es hieß „Das Spiel des Lebens“. Dummerweise verblassten die Erinnerungen an diese Hypnosesitzungen immer schon wenige Minuten nachdem die Hypnose aufgelöst worden war. Nur einzelne Fetzen konnte ich mir davon merken. Aber auch diese Fetzen verschwanden dann in meinem Unterbewusstsein, so dass diese Sitzungen erst mal keinen bewussten Einfluss auf die Geschichte nahmen. Und so sollte es auch sein. Das Wissen um die Zukunft würde sonst schädlich sein, erklärte uns unser Großvater. Aber die Hypnose sollte Einfluss auf unser Unterbewusstsein nehmen und unsere Schritte in die richtige Richtung lenken.

Als ich viel, viel später meiner Mutter von diesen Sitzungen erzählte, da lachte sie, und sagte: „Was, so etwas Verrücktes hat Euer Großvater mit Euch gemacht? Das ist ja kaum zu glauben.“ Aber schlimm fand sie es erst mal nicht. Im Gegensatz zu mir, als mir diese Sitzungen erinnerlich wurden, war ich total geschockt. Ich wurde ungeheuer wütend, denn ich fand, so etwas war doch wirklich absolut unverantwortlich. Wie konnte man mit seinen Enkeln nur solche Experimente machen?!
Ich erinnerte mich nämlich an noch eine andere Hypnose. Ich war da vielleicht gerade 17 Jahre alt. Ich war bei meinem Großvater zu Besuch und er forderte mich auf, ein Buch unter Hypnose zu lesen. Da ich Hypnose irgendwie toll fand, ließ ich mich also hypnotisieren und mein Großvater drückte mir ein Buch in die Hand. Damit ging ich in die kleine Bibliothek und legte mich auf die dort befindliche Liege und las das Buch in gefühlten 2 Stunden durch. Es war interessant und als ich es ausgelesen hatte, öffnete ich die Tür und mein Großvater kam und fragte mich, ob ich fertig sei und ob mir das Buch gefallen hätte. Ich bejahte dies und da sagte er: „Das Buch wirst Du in der Zukunft einmal schreiben.“ Dann löste er die Hypnose auf und schlagartig konnte ich mich nicht mehr an den Inhalt des Buches erinnern. Nur der Schluss blieb irgendwie hängen. Das Buch hatte mit einem Gespräch zwischen einem altägyptischen Schreiber und seinem Schüler geendet. Der alte Mann sagte zu dem jungen Mann: „So, jetzt kennst Du die Wahrheit, der neue Pharao wird diese Wahrheit unterdrücken, er wird alles von den Wänden kratzen, er wird die Niederschriften vernichten. Du aber kennst die Wahrheit jetzt, bewahre sie gut und schreibe sie für die Zukunft auf.“
Ich fragte mich damals schon, wieso sollte ich einmal über die altägyptische Geschichte schreiben, ich dachte ich sollte die Welt mit einer Wunderwaffe beglücken. Aber wie immer, all diese Gedanken verschwanden in den Tiefen meines Unterbewusstseins.

Es gab aber nicht nur diese Hypnosen, die mich später, nachdem die Erinnerung daran zurück kehrte, irritierten, denn kurz nach dem Vorfall mit meinem Vater passierte noch etwas sehr Ungewöhnliches. Ich stand an der gefährlichen Kreuzung vor dem Mehrfamilienhaus, in dem ich mit meiner Mutter und Egon lebte. Es waren ausnahmsweise mal keine Autos zu sehen. Dafür erschien aber plötzlich ein grelles Licht mitten auf der Kreuzung und ein junger Mann kam aus dem Licht auf mich zugelaufen. Er war offensichtlich sehr in Eile und auch aufgeregt. Er stoppte vor mir und sagte: „Monica, ich will Dir helfen! Ich habe da ein paar ganz verrückte Leute aus der Zukunft kennen gelernt. Sie leben in einem großen Raumschiff und ich werde mit ihnen gehen. Sie haben technische Möglichkeiten, die sind einfach unglaublich. Mit ihnen werde ich in die Zukunft reisen und da werde ich Dir helfen. Du wirst nämlich noch gute Musik benötigen. Warte auf mich, in spätestens einem halben Jahr werde ich wieder da sein.“ Dann drehte er sich um, und rannte zurück zu dem Licht und verschwand mit ihm.

Ich war wie Sie sich denken können ziemlich überrascht, doch es sollte noch verrückter werden, denn nun kam meine Freundin Brigitte auf mich zu gelaufen und sagte: „Monica, Du wirst es kaum glauben, aber ich habe gerade ganz verrückte Leute kennen gelernt. Sie kommen aus der Zukunft und sie haben uns einen Film gezeigt. Der Film ist ein Film über Dein Leben. Ich sage Dir, Du wirst einmal weltberühmt werden. Du wirst eine ganz tolle Erfindung machen, damit werden wir den Weltraum erobern. Ich werde hingegen einen tollen Job haben und Du wirst es kaum glauben, aber ich werde einmal Annette heiraten. Und wir Beide, wir werden einmal Analsex haben.“
Nun, das Letztere war ja nun wirklich kaum vorstellbar. Brigitte fuhr fort: „Ich werde diese Begegnung allerdings schon bald vergessen, darum erzähle ich es Dir. Du hast so ein fantastisch gutes Gedächtnis, Du wirst Dich daran erinnern können.“
Ich war ziemlich überrascht und war mir sicher, so etwas Verrücktes konnte man nicht vergessen. Doch auch dieses Erlebnis verschwand schon bald in meinem Unterbewusstsein, denn als ich am nächsten Tag feststellte, dass sich Brigitte tatsächlich an nichts erinnern konnte, da hätte ich nicht gewusst, mit wem ich darüber noch hätte reden können.
Aber natürlich machte ich mir Gedanken über diese Leute aus der Zukunft. Hatten sie eventuell mit meinem Großvater Kontakt aufgenommen? Wusste er deshalb von der Wunderwaffe? Hatte er von diesen Leuten das Buch bekommen, welches ich einmal schreiben würde? Was war das für ein Film? Aber diese Gedanken verflogen wie die Erinnerung an diese Begebenheiten.

Das nächste Mal wo ich mich an alles erinnerte, das war, als ich mit C. bei meinem Großvater war. Ich wollte ihm meinen tollen, neuen Freund vorstellen und mein Großvater wollte ihm wohl etwas auf den Zahn fühlen, denn er wünschte mit ihm unter vier Augen zu reden. Das Gespräch verlief wohl ganz gut, denn anschließend zeigte er uns einen Spiegel. Mit diesem Spiegel konnte man in die Zukunft schauen. C. stellte sich davor und erschrak, denn nun schaute ihn ein Typ mit Halbglatze an. Aber man konnte sich auch in einem anderen Geschlecht darin sehen und C. gefiel sich als Frau durchaus. Mein Großvater schien diesem jungen Mann, den ich da geangelt hatte, also durchaus auch zu vertrauen. Anschließend wusste C. jedenfalls von der Wunderwaffe und er versicherte mir seine Hilfe. Auch von dem „Spiel des Lebens“ wusste er nun und offensichtlich hatte er seinem Vater davon erzählt, denn nun besaß sein Vater auch so ein Spiel.
Damit ging er mit uns in seinen Keller. Dort hatte der Vater sich einen besonderen Raum eingerichtet, den die Kinder normalerweise nicht betreten durften. Es stand ein Tisch mit vier Stühlen darin. Sein Vater, C. und ich setzten uns an den Tisch und der Vater holte das Spiel hervor. Er wollte es mit uns ebenfalls unter Hypnose spielen. Ziel des Spieles war es bestimmte Gegenstände zu erlangen, die mir helfen sollten, berühmt zu werden. Ich hatte in diesem Spiel ziemliches Pech, denn ich verlor mein feuerrotes Campingmobil an C. ,und mein Traumhaus an seinen Vater. Der Vater tröstete mich am Ende und meinte: „Mach Dir nichts daraus, Du wirst meinen Sohn sicher mal heiraten und dann fahrt ihr zusammen in dem tollen, roten Mobil und ihr werdet auch mal das Haus erben. So kommen alle Dinge wieder zu Dir zurück.“ Zumindest konnte ich mich später so daran erinnern.
Nach dem Spiel gingen wir wieder nach Oben und C. schaute sich im Spiegel an. Das tat er normalerweise nicht, er hatte es sich verboten, denn er wollte nicht eingebildet werden, ob seines guten Aussehens. Doch nun schaute er sich an und sagte: „Ich will die Haare ab haben, meinst Du, Du kannst sie mir abschneiden,“ fragte er mich. Nun, ich fand das zwar nicht so gut, aber wenn er es wollte, dann würde ich mein Bestes versuchen. Wir gingen ins Bad und ich begann mit der Arbeit. Ich wollte nichts verschnibbeln und war sehr vorsichtig. Das machte C. unruhig und er nahm mir die Schere ab und machte es selbst. Er schnitt ohne groß zu überlegen und ruck zuck, die Haare waren ab. Jetzt sah er noch besser aus, als er eh schon war. Diese kurzen Haare standen ihm wirklich sehr gut.

„Das Spiel des Lebens“ machte irgendwie die Runde, denn eines Tages erzählte mir C., dass er es mit seinen Künstlerkumpels gespielt hätte. Sie hätten um meine Zukunft gespielt, doch leider hätte er da feststellen müssen, dass ich in der Zukunft nicht mit meinem Abbild auf den Titelseiten landen würde. Die Frau sei eine ganz andere gewesen und darum hätte er den Spiegel des Spiels zerstört, er hätte sich einfach nicht anders zu helfen gewusst. Ich machte mir wegen des Titelbildes keine Sorgen, aber dass er den Spiegel des Spieles zerstört hatte, das war ein Problem, denn nun konnte man mit ihm nicht mehr in die Zukunft schauen. Das würde sicherlich einmal schlimme Folgen haben, dachte ich. Das Spiel war nämlich ein magisches Spiel und der kleine Spiegel war sehr wichtig. Aber wie ich hatte C. ein sehr gutes Gedächtnis und er wusste noch so einiges über das Spiel, auch noch nach Tagen. Er war sich meiner Bedeutung für die Zukunft sehr wohl bewusst. Damals jedenfalls noch.
Die Zukunft spielte für uns eine große Rolle. Er fragte mich, wie ich sie mir wünschen würde und ich sagte: „Ich möchte Schriftstellerin sein, ich möchte viel lesen und Bücher schreiben. Und wenn Du dann so wie jetzt neben mir an der Staffelei stehst, dann werde ich glücklich sein.“
„Oh, vielleicht möchte ich aber lieber selber Schriftsteller werden,“ war seine Antwort.
Nun, was er heute macht, das weiß ich nicht, ich jedenfalls schreibe seit einigen Jahren tatsächlich ein Buch nach dem Anderen. Nur einen vernünftigen Weg zur Veröffentlichung habe ich noch nicht gefunden, aber wenn Sie dieses hier jetzt lesen, dann werde ich wohl einen Weg gefunden haben. Nur eines kann ich schon mal sagen, bis es soweit war, dass ich mich zum Schreiben an den Tisch setzen konnte, habe ich noch sehr viele andere Dinge erleben müssen.

Nachdem C. mich verlassen hatte ging ich ein gutes Jahr lang auf eine Kollegschule. Dort wollte ich mein Abitur machen und gleichzeitig eine Ausbildung als Erzieherin absolvieren. Diese Schule war eine ganz Besondere, denn sie gehörte zu einer Gesamtschule, die besonders gefördert wurde. Das sah man schon an dem Gebäude und den vielfältigen Freizeitmöglichkeite, es gab sogar ein eigenes Schwimmbad und Tennisplätze. Ich hatte das Gymnasium verlassen müssen, denn meine Fehlzeiten und Noten waren einfach ein großes Problem geworden. Auf der Kollegschule lief es denn auch gleich sehr viel besser. Mir gefiel der Unterricht, schnell war ich wieder Klassenbeste und Klassensprecherin und schwänzen tat ich auch nicht mehr. Meine Noten waren sehr erfreulich und in dem Fach Politik bekam ich mit einer anderen Klassenkameradin, mit der ich mittlerweile auch zusammen wohnte, die Aufforderung, dem Unterricht bitte fernzubleiben, wir bekämen auch so eine Eins. Es war dem Lehrer, nach eigener Aussage, einfach nicht möglich mit uns und den anderen einen ordentlichen Unterricht zu machen, denn die würden immer nur darauf warten, dass wir Zwei uns melden würden. Doch, obwohl es mir auf der Schule sehr gut ging, ich verlor die Lust. Das lag nicht an den Lehrern oder Klassenkameraden. Ich hatte einfach zu viele persönliche Probleme. Denn ich hatte jetzt nicht nur meine große Liebe verloren, ich zerstritt mich auch mit meiner geliebten Brigitte. Wir hatten eine Zeit lang viel Zeit miteinander verbracht und unsere gegenseitige Liebe war sehr groß, doch ich lernte  auch ihren Michael kennen und lieben. Diese Liebe war gegenseitig und so versuchten wir es zu Dritt. Wir teilten gemeinsam das Bett und ich kam damit durchaus ganz gut zurecht, doch Brigitte hielt es nicht aus und so war ich bald schon mit Michael allein. Aber das ertrug Brigitte auch nicht und so angelte sie ihn sich zurück. Jetzt war ich allein und ich litt sehr darunter. Es kam zu unangenehmen Situationen, in denen die Beiden mit dem Auto an mir vorbei fuhren und mich nicht beachteten. Das war wirklich sehr schlimm für mich. Die Schocks in meinem Leben wollten einfach kein Ende nehmen. Und irgendwann stellte ich mir die Frage: „Wer zwingt Dich eigentlich das alles auszuhalten?“ Und meine Antwort war: „Niemand!“
Und so meldete ich mich von der Schule ab, ich verkaufte mein Hab und Gut, und stellte mich nur mit einem Rucksack auf den Schultern an die Autobahn, und streckte den Daumen heraus. Ich hatte einfach keine Kraft mehr für all diese Enttäuschungen und ich dachte, wenn ich nicht mehr für Brigitte und Michael zu erreichen sein würde, dann hielt ich es besser aus, dass sich keiner von ihnen bei mir meldete. Ich wollte stattdessen die Welt bereisen. Ich wollte dem Schicksal ein Schnippchen schlagen und meinem Leben eine unvorhersehbare Wendung geben. Mein erstes Ziel waren zwei Studenten in München. Die hatte ich in den Sommerferien kennen gelernt und ich hoffte, bei den Beiden erst mal aufgenommen zu werden. Ich hatte insgesamt 600DM in meinem Brustbeutel und es würde sich zeigen wie weit ich damit kam.

Die Studenten waren zwar etwas überrascht als ich vor der Tür stand, aber nachdem sie hörten, dass ich alles aufgegeben hatte, boten sie mir eine Matratze zum Schlafen an. Ich sage es gleich, sexuell lief gar nichts, dafür waren die beiden viel zu anständig. Und so kochte ich für sie und vertrieb mir die Zeit in der Stadt. Es war Herbst und da ist München ganz besonders schön, denn die Stadt leuchtet goldgelb. Ich suchte mir ein nettes, alternatives Cafe und begann damit Tagebuch zu schreiben. Was sollte ich jetzt mit meiner neuen Freiheit tun? War der Schmerz jetzt nicht mehr so groß? Nun ja, ich machte die altbekannte Erfahrung, dass man sich überall hin mit nimmt. Ich dachte ständig an Michael und Brigitte und ich wünschte mir, dass sie mich jetzt sehen könnten. Aber sie suchten nicht nach mir, ich war ihnen egal. Und obwohl mir dies bewusst war, hatte ich trotzdem den Eindruck, dass mich jemand beobachtete. Ich kam mir vor wie in einem Film.
So ging das ganze 6 Wochen, dann war ich pleite. Ich musste etwas tun. Ich musste zu meiner Patentante, sie lebte mittlerweile mit ihrem Mann Henry in einem Vorort von München und sicherlich hatte sich schon bis zu ihnen herum gesprochen, dass ich die Schule geschmissen hatte und abgehauen war. Ob man sich schon Sorgen machte? Ich kaufte also von meinem letzten Geld eine Fahrkarte und fuhr zu ihnen.

Das Hallo war überschwänglich, endlich, ein Lebenszeichen! Man hatte sich in den letzten Wochen einfach unendliche Sorgen gemacht. Meine Tante rief sofort meine Mutter an und die hörte endlich auf zu weinen. Später einmal erzählte sie mir, dass sie in diesen 6 Wochen um 10 Jahre gealtert sei. Sie hätte immer an den Film „Vogelfrei“ denken müssen und sie sah mich irgendwo tot im Graben liegen.
Meine Tante bereitete mir das Gästezimmer und schickte mich unter die Dusche. Dann nahm sie meine Wäsche und Henry stand am Herd und kochte etwas zu essen. Natürlich sollte ich bleiben. Natürlich würde erst mal eine Krankenversicherung organisiert werden müssen. Und ja, meine Tante bot an, ich könne wirklich gerne bleiben und im Nachbarort zur Schule gehen.
Oh Schule, nein, das kam ja gar nicht in Frage! Keine Schule mehr! Wenn überhaupt, dann wollte ich auf eine Abendschule, doch da würde man mich erst in frühestens drei Jahren aufnehmen. Nein, außerdem, so erklärte ich, ich wollte an dieser Gesellschaft nicht mehr teilnehmen. Ich wollte stattdessen die Welt bereisen.
Henry und meine Tante kamen wohl zu dem Schluss, dass ich noch etwas Zeit brauchte. Sie wollten mich erst mal hegen und pflegen und dann würde ich sicherlich wieder vernünftig werden. Die Hauptsache war, dass ich nicht mehr irgendwo in der Weltgeschichte herum lief.
Und so verbrachte ich die nächsten sechs Wochen in der schönen Welt meiner geliebten Patentante. Henry war Pharma-Referent und ging tagsüber Krankenhäuser besuchen, abends hockte er über seinen Kunstwerken. Er füllte Kästen mit Gegenständen. Seine Arbeiten waren sehr anspruchsvoll und sie hingen in dem ganzen Haus an den Wänden.
Meine Tante war Patentanwaltsgehilfin und fuhr jeden morgen früh ins Büro in die Stadt. Abends wurde zusammen gegessen, was Henry gekocht hatte und dann wurden im Fernsehzimmer die Nachrichten geschaut.
Ich tat den ganzen Tag praktisch nichts. Ich lümmelte auf dem weichen Teppich im Wohnzimmer herum und studierte die Zeitung, an etwas anderes kann ich mich nicht erinnern. Ob ich mich nicht langweilte? Nein, ich langweilte mich überhaupt nicht. Ich brauchte einfach nur Ruhe. Meine Tante übte keinerlei Druck aus, aber natürlich hoffte man sehr, dass ich irgendwann genug gegammelt haben würde und ich vielleicht doch wieder zur Schule gehen würde. Ohne Abitur oder Ausbildung war mein Leben doch völlig verfuscht.
Das fehlende Abitur, ja, das war natürlich ein Problem. Denn ohne diesen Schulabschluss blieben mir sehr viele Türen verschlossen. Ich hatte alle Türen hinter mir zu geschlagen, doch nun stand ich an einem Ort ohne Türen. Es machte mir Probleme und ich wusste, dieses Abitur würde ich irgendwann nachmachen müssen, wenn ich wieder Türen vor mir sehen wollte. Doch dazu hatte ich jetzt drei Jahre Zeit, denn vorher, so hatte ich mich schon erkundigt, würde ich keinen Platz auf einer Abendschule bekommen. Was sollte ich also in den kommenden drei Jahren tun? Ohne Geld war es nicht so einfach durch die Welt zu reisen. Und alleine als hübsche, junge Frau, das war auch nicht ohne.

Nach 6 Wochen konsequenten ausruhen hatte ich allerdings erst mal auch genug von meiner Tante und ich ließ mir etwas Taschengeld geben und fuhr mit der S-Bahn auf die andere Seite der Stadt, nach Eichenau. Dort lebte noch eine Sabine, eine Freundin meiner Ex-Mitbewohnerin Sabine. Ich hatte sie auch in den Sommerferien kennen gelernt und sehr sympathisch gefunden. Ich beschloss sie zu besuchen.
Ich klingelte bei ihr, sie empfing mich freudig überrascht, und ich blieb. Sie hatte gerade ihr zweites Kind geboren und sie gehört für mich zu den liebsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Mit dem Vater ihrer Kinder verband sie eine große Liebe, doch der kam immer nur gelegentlich vorbei. Er war ein ehemaliges Heimkind und recht schwierig, aber nicht blöd. Er interessierte sich sehr für Musik und spielte mal hier und dort. Aber ein verlässlicher Partner war er in keiner Weise. Sabine liebte ihn aber trotzdem. Sie hätte zwar lieber Kunst studiert, doch daran war mit zwei kleinen Kindern erst mal nicht zu denken, zumal ihre Eltern, insbesondere ihr Vater, ihr finanziell nicht helfen wollte, solange sie mit dem Vater der Kinder noch Kontakt hielt.
Die Wohnung war sehr klein, aber auch sehr gemütlich. Es gab eine Küche mit einem Hexenofen und ein Schlafzimmer mit einem überdachten größeren Balkon. Außerdem existierte noch ein kleiner Verschlag, in dem lag eine Matratze. Dort schlief ich, wenn Sabines Freund da war. Ansonsten teilten wir uns das Schlafzimmer mit den Kindern. Sabine legte viel wert auf biologische Lebensmittel und so spazierten wir regelmäßig durch den Wald in den nächsten, größeren Ort nach Fürstenfeldbruck. Dort gab es einen Bioladen. Das Geld war allerdings immer sehr knapp. Doch es ging uns trotzdem gut.

Ich fuhr alle zwei Wochen zu meiner Tante und holte mir dort mein Taschengeld ab, damit konnte ich wenigstens etwas zum Lebensunterhalt beitragen. Sabine und ich, wir verstanden uns, Geld hin oder her, sehr gut. Wir nähten uns Klamotten, hackten Holz für den Ofen, gruben im Garten die Erde um, ich schrieb in mein Tagebuch und ansonsten diskutierten wir über Gott und die Welt. Sabine hatte einen Wusch. Sie wollte mit ihren Kindern gerne in ein buddhistisches, absolut autark organisiertes Dorf ziehen. Sie hatte davon gehört, es lag irgendwo in Norditalien und sie wäre gerne mal hin gefahren um es sich anzuschauen. Doch mit den keinen Kindern? Sie hatte weder einen Führerschein noch ein Auto.
Ich fand die Idee mit dem Dorf auch sehr interessant und so begann ich nach einem Job zu suchen. Wir brauchten Geld. Doch das war gar nicht so einfach. Ich studierte die Stellenanzeigen und bewarb mich auch einige Male. Doch man war in Bayern den „Preußen“ gegenüber etwas voreingenommen. Meine Cousine, die mit meinem Onkel Volker und meiner Tante Anne in München lebte, half mir letztendlich. Sie hatte einen Job bei Herti angeboten bekommen, doch wollte sie ihn nicht antreten. Ich ging also an ihrer Stelle und der unterschiedliche Vorname fiel nicht weiter auf. Ich arbeitete gute zwei Wochen in diesem Kaufhaus. Man steckte mich in der Vorweihnachtszeit in die Schallplattenabteilung und ich gab dort mein Bestes. Das ganztägige Stehen ließ zwar meine Schuhe platzen, aber ich hatte nette Kollegen und aus irgendeinem Grund liebten mich die Kunden. Es waren zumeist ältere Herrschaften, die eine Schallplatte für ihre Enkel suchten. Und obwohl ich von Musik nur wenig Ahnung hatte, meine Umsätze waren wirklich nicht schlecht und die Arbeit machte mir durchaus auch Spaß. Ich blieb abends auch immer noch bis die Kasse gezählt war, denn wie auch meine Kollegen interessierte es mich, was wir für einen Umsatz gemacht hatten. Der wurde dann mit dem Vorjahresergebnis verglichen, und wenn wir drüber lagen, dann gingen wir alle zufrieden nach Hause. Ich wohnte in dieser Zeit bei meiner Tante und die war froh, dass ich zumindest schon mal nicht mehr nur herum hing.
Aber nach Weihnachten war mit Herti Schluss. Das Geld reichte natürlich nicht weit und so suchte ich weiter nach Jobs, doch irgendwie war ich dabei nicht besonders erfolgreich. Die Wochen vergingen und der Frühling stand vor der Tür. Jetzt gab es wieder mehr Jobangebote und ich schaffe es eine Stelle als Kellnerin in einem feinen Terrassenrestaurant in Grünwald zu bekommen. Dazu benötigte ich jedoch ein Dirndel und wieder half mir meine Cousine aus. Das Kleid stand mir ausgezeichnet, wenn ich nur meine Haare nicht abgeschnitten hätte. Ich hatte mir die Haare in einem Anfall von IchWeißNichtWas von wieder einer anderen Sabine abschneiden lassen. Nur einen einzigen, langen Zopf hatte ich behalten. Meine Tante hatte die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als ich so vor ihrer Tür gestanden hatte. Sie schickte mich sofort zum Frisör , der sollte retten was zu retten war. Der Zopf blieb aber dran, denn ich fand das irgendwie schön. Klamottenmäßig konnte es mir nicht abgerissen genug sein und wenn meine Tante wenigstens die größten Löcher flicken wollte, dann wehrte ich mich mit Händen und Füßen. Ich befürchte, ich sah ziemlich schlimm aus, Fotos habe ich davon leider nicht.

In dieser Zeit kam es zu einem denkwürdigen Kontakt, zumindest ich erinnere mich noch sehr gut daran. Aber wahrscheinlich wiedereinmal nur ich. Ich saß mit der Sabine in der kleinen Küche, wir tranken einen Kaffee wie ich meine, als es an der Tür unten klingelte. Sabine ging öffnen und zu meiner Überraschung kamen 3 oder 4 Besucher die Treppe hinauf, einer war mein Onkel Henry. Sie drängten in die Küche und einer, der mir völlig unbekannten Männer sprach: „Hallo Monica, wir sind Menschen aus der Zukunft und wir wollen Dir helfen. Und eine Hilfe wäre es, wenn Deine Freundin ein paar Stündchen mit uns käme.“ Mein Onkel bestätigte das Gesagte und ich dachte: „Das also sind diese verrückten Typen!“ Sabine war natürlich wie ich total überrascht, aber nach einigem Hin und Her erklärte sie sich bereit mit diesen Leuten zu gehen. Ich sollte solange auf die Kinder aufpassen, was ich dann auch tat. Ich kochte etwas und war gerade am Spülen, da kam sie ganz aufgeregt zurück. Wir setzten uns an den Tisch und dann erzählte sie Folgendes: „Monica, ich war tatsächlich auf einem Raumschiff. Es ist sehr groß und damit sind wir in die Zukunft gereist. Ich war in Hamburg bei einem großen Verlag und dort habe ich an einem Meeting teilgenommen. Es ging um das Titelbild der Ausgabe des „Spiegel“, in der über Deine Erfindung berichtet werden wird. Ja, Monica, Du wirst einmal weltberühmt. Aber ich wollte nicht, dass Du persönlich auf dem Titelbild abgebildet wirst, die Frau soll vielmehr eine moderne Göttin vor einem Sternenhimmel sein. Ich durfte bestimmen wie sie aussehen soll. Sie ist sehr schön geworden, mit langen, blonden Haaren und einem blauen Kopftuch auf dem Kopf. Ich werde dieses Erlebnis jedoch bald schon vergessen. Du mit Deinem tollen Gedächtnis, Du wirst es Dir aber sicherlich merken können.“ Nun, es war wie bei Brigitte, am nächsten Tag wusste Sabine nichts mehr von dem Raumschiff und seinen Bewohnern und auch ich vergaß für lange Zeit diese sonderbare  Geschichte.

Wir träumten weiter unseren Traum von einem VW-Bus und immerhin, Sabine machte schon mal den Führerschein. Die Kinder waren herzallerliebst und ich bewunderte meine Freundin für ihre immer liebevolle Art, ihr konsequentes Handeln und überhaupt. Auch heute noch muss ich sagen, sie war beeindruckend. Ich musste öfter an C. denken und ich war mir sicher, auch er hätte sich in sie verliebt. Sie ging wie er auch stur ihren Weg, wenn er auch ein ganz Anderer war, als der Weg meines Herzensbrechers. Ich dachte immer, sie hätten gut Geschwister sein können. Ob ich viel an C. dachte? Es hielt sich in Grenzen. Ich hatte ihn nach unserer Trennung eigentlich nur noch zwei mal gesehen. Einmal war es auf der ABI-Abschlussparty. Es war auch der Tag meines 18. Geburtstags, doch weder gratulierte er mir, noch schenkte er mir einen Blick. Ich nahm es hin, obwohl ich nicht verstand, womit ich dieses Verhalten verdient hatte.
Das andere Mal war ein paar Wochen später. Da rief er mich überraschend an und bat mich, ihm das Bild mit der Traumfrau für eine Ausstellung zu leihen Er hatte es mir geschenkt, allerdings mit den Worten: „Das bist nicht Du.“ Ich habe das Bild heute immer noch, es hängt in meinem Arbeitszimmer.
Jedenfalls kam er mich deswegen besuchen und es wurde ein Wochenende im Bett daraus. Doch nach dem Wochenende verließ er mich wieder um sein aufregendes Künstlerleben zu leben. Ob ich anschließend litt? Ich muss sagen, nein, ich liebte ihn zwar immer noch, aber ohne jeden Anspruch an ihn. Mir war klar, er war nicht der Typ, an den ich mein Herz hängen durfte. Ich verdrängte ihn daher sogleich wieder. Ich nahm mir allerdings tief in meinem Herzen vor, ihm zu beweisen, dass ich nicht zu jung für ein eigenes, aufregendes Leben war. Mich wurmten seine Trennungsgründe. Für wen hielt er mich nur? Klar, ich war romantisch und hatte von Hochzeit und all den Dingen geträumt. Aber ich hätte ihn doch nie eingeschränkt. Ich liebte ihn als den unabhängigen Künstler und ich hätte sicherlich alles getan, um ihm die Freiheit zu lassen, ein großer Künstler zu werden. Aber gut, er wollte mich nicht. Das war zum Glück nur ein paar Stunden lang schmerzhaft gewesen.

Der Job in dem Restaurant endete nach der Osterzeit und ich suchte nach einer neuen Orientierung. Ich liebäugelte mit einem Praktikum auf einem Biohof. Das fand meine Tante ganz vernünftig und so verschaffte sie mir erst mal einen Job bei dem ortsansässigen Gemüsebauern. Dort musste ich Blumenzwiebeln setzen und dem Bauern auf dem Feld beim Giftsprühen helfen. Die Arbeit war ganz schön anstrengend, aber ich hatte trotz des Giftes Spaß daran, denn diese Bauernfamilie war sehr freundlich zu mir. Ich war für sie ein ziemlicher Exot und ihr Sohn hatte wohl ein gewisses Interesse an mir. Aber nach ein paar Wochen war klar, ich war für diese harte Arbeit nicht geschaffen, ich bekam ständig Krämpfe in den Beinen. Ich ging deswegen zum Arzt und der erklärte mir, ich solle mir besser einen Schreibtischjob suchen, ich bekäme sonst bald ganz schwarze Beine. Nun, das wollte ich bestimmt nicht. Dennoch, ich schrieb an einige Biolandwirte und bekam auch eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Der Hof lag irgendwo südlich von Bremen
Ich packte also meinen Rucksack und trampte erst mal nach Osterath. Dort besuchte ich meine Mutter, die immer noch daran verzweifelte, dass ich dermaßen aus der Spur gefallen war. Sie hatte immer sehr große Hoffnungen in mich gesetzt. Sie hatte sich bisher nie Sorgen wegen mir machen müssen, selbstverständlich war sie davon ausgegangen, dass ich mal mein Abitur machen würde um dann zu studieren. Doch nun verweigerte ich mich all dem und wollte einen alternativen Weg einschlagen. Wie hatte das nur passieren können? Aber immerhin, auf so einem Biohof würde ich ein geregeltes Leben führen müssen und ich hing nicht weiter in der Luft.

Bevor ich mich jedoch auf den Weg in den Norden machte, besuchte ich Michael. Ich hatte ihn ein paar Wochen zuvor auch schon mal besucht, denn ich wusste jemanden, der seinen tollen, alten Volvo kaufen wollte. Michael war nämlich Automechaniker geworden und hatte diesen Wagen selbst wieder flott gemacht. Unser erstes Treffen war ein Besonderes gewesen, denn er erzählte mir, dass er und Brigitte sich endgültig getrennt hatten. Er schaute mich an und ich war sofort wieder in ihn verliebt. Ich verzieh ihm alles und landete mit ihm im Bett. Nun, und er war bereit mich zu diesem Biohof zu begleiten. Wir wollten zusammen dort hin trampen und anschließend an die Ostsee und nach Hamburg. Er hatte Zeit, denn sein Ausbildungsbetrieb hatte ihn nicht übernommen. Seither lebte er in dem Gartenhäuschen seiner Eltern und in deren Garage bastelte er an Autos. Er wusste nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte und so kam die Idee einer kleinen Reise ganz recht.

Der Biohof lag in einem winzigen Dorf weit ab von der Autobahn, aber wir schaffen es dort anzukommen. Nur, als wir bei dem Hof ankamen, da war keiner da. Wir gingen zurück ins Dorf und setzten uns in die einzige, kleine Kneipe, die es dort gab. Wir kamen mit einigen Gästen ins Gespräch, doch als wir sagten, zu wem wir wollten, da ernteten wir merkwürdige Blicke. Besonders beliebt schien dieser Biobauer hier nicht gerade zu sein. Nun, und als wir diesen Bauern dann etwas später kennen lernten, da begriffen wir schnell, diese Abneigung war gegenseitig. Als wir dem Mann nämlich erzählten, dass wir in der Kneipe ein Bier getrunken hatten, da wurde uns klar gemacht, dass er solche Dinge und Kontakte nicht gerne sähe, denn zwischen den Dorfbewohnern und ihm herrsche Krieg.
Der Biobauer war nämlich ein 1000%iger. Er war studierter Biologe und sein Hof war absolut vorbildlich geführt. Er lebte damit völlig autark und außerdem hielt er regelmäßig irgendwelche Vorlesungen an der Universität. Er erklärte uns, dass die meisten Biohöfe scheitern würden, weil sie glaubten, man bräuchte nur zu sähen und schon könne man ernten. Doch wirkliche biologische Landwirtschaft war nun mal eine Wissenschaft. Und er legte viel Wert darauf, dass seine Praktikanten keinen Kontakt zum Dorf pflegten und schon mal gar nicht dort in die Kneipe gingen. Puh, was war das denn nur für ein Typ? Klar, der Hof war beeindruckend und ein Praktikum dort war sicherlich sehr wertvoll, aber mir missfiel seine feindselige Haltung dem Dorf gegenüber. Ich war mir nicht sicher, ob ich damit auf Dauer klar kommen würde und so sagten wir man nächsten Tag Adieu.

Wir stellten uns wieder an die Straße und trampten an die Ostsee. Viel Geld hatten wir nicht und so schliefen wir in einem gemeinsamen Schlafsack am Strand. Wir gingen stundenlang am Strand entlang und kamen von einem Ostsee-Ort zum Nächsten. Überall blühten die Rapsfelder und das Meer tat uns beiden gut. Wir verstanden uns prima und ich war bereit die Beziehung zu erneuern und Michael hatte auch nichts dagegen. Wir waren füreinander der schon immer gewünschte Zwillingspartner, denn auch Michael war ein Zwillingskind, das mit seinem Zwilling nicht wirklich zufrieden war. Ihm ging es wie mir. Auch er wünschte sich zu seinem Zwilling zwar eine innige Beziehung, doch auch sein Bruder war einfach charakterlich zu unterschiedlich. Ich füllte bei ihm seine Lücke und er füllte Meine. Ich fand ihn sehr schön mit seinen langen, dunklen Locken, und seinen schönen, grünen Augen. Ich liebte es, ihn Querflöte spielen zu sehen und ich schätzte es, dass er mich den Weg bestimmen ließ. Michel war nicht der Typ, der sagte, wo es langgehen sollte. Er hatte keine klare Vorstellung von seinem Leben, er hatte keine Ziele. Dass ich die Führung übernahm, das störte ihn nicht. Er liebte selbstbewusste, starke Frauen und das war auch der Grund gewesen, wieso er Brigitte geliebt hatte. Aber diese Beziehung war wie er mir versicherte endgültig vorbei.
Wir verlebten also ein paar schöne Tage am Meer, doch das Geld ging zur Neige und wenn wir noch ein paar Tage in Hamburg bleiben wollten, dann mussten wir dort langsam hin. Wir standen also wieder auf der Straße und steckten den Daumen heraus. In Hamburg angekommen fuhren wir mit der U-Bahn nach Altonar. Dort verfrachteten wir unsere Rucksäcke in Schließfächern, wir fuhren mit der Rolltreppe an die Oberfläche und als wir uns umschauten, da schaute ich in zwei strahlende, blaue Augen. Es war C. Wir fielen uns ob der Überraschung in die Arme und konnten diesen Zufall gar nicht fassen. C. lud uns ein, ihn am Nachmittag besuchen zu kommen und natürlich nahmen wir die Einladung erfreut an.

Wir schauten uns also in der Stadt um und mir fielen die vielen Mülltonnen auf den Straßen auf, aber an viel mehr erinnere ich mich nicht, denn ich dachte nur an C.. Diese Begegnung war doch nicht einfach nur ein Zufall! Und wie sich C. gefreut hatte mich zu sehen, das erfreute mich sehr. Und als wir dann endlich am Nachmittag bei ihm klingelten, da war ich ziemlich aufgeregt. C. begrüßte uns wieder sehr freundlich und lud uns in sein Zimmer ein. Er wohnte mit seinem besten Freund zusammen, jeder hatte ein größeres Zimmer mit schönen, großen alten Fenstern. Außerdem gab es eine gemütliche Küche. An das Bad erinnere ich mich nicht, aber es wird eines gegeben haben. C.s Zimmer war wieder mal sehr schön eingerichtet, aber ich erinnere mich eigentlich nur an sein Bett. Es war eine große Matratze auf dem Boden und darauf nahm ich Platz. Michael setzte sich irgendwo in die Nähe des Fensters. C. kam zu mir auf das Bett und wir begannen zu erzählen. Er fragte mich wie es mir ginge, was ich täte. Ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern, nur, dass ich mich freute, dass er alles sehr genau wissen wollte. Michael, der in meinem Rücken saß, vergaß ich völlig und auch C. ignorierte ihn. Irgendwann verließ Michael das Zimmer und setzte sich zu dem Freund in die Küche. Uns war es recht, denn wir hatten nur noch Augen füreinander. Seine Augen übten eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Ich rückte näher heran und als C. gerade Anstalten machte mich zu küssen, da ging die Tür auf und Michael stand im Türrahmen und erklärte, er wolle jetzt gerne gehen.
Puh! Ausgerechnet jetzt! Ich schaute Michael, ich schaute C. an. Was sollte ich tun.? Gerne wollte ich natürlich bei C. bleiben, aber ich konnte doch Michael nicht einfach allein gehen lassen. Er hatte schließlich kein Geld mehr in der Tasche und außerdem traute ich ihm nicht so recht zu, alleine einen anderen Schlafplatz zu finden. Andererseits, ich war hin und weg von C., ich sehnte mich nach ihm und wünschte mir von ihm in die Arme genommen zu werden. Aber C. lud uns nicht ein, zusammen über Nacht zu bleiben und Michael wollte offensichtlich auch gar nicht bleiben. Meine Gedanken gingen hin und her und letztendlich entschied ich mich für Michael. Ich hätte es von mir einfach absolut arschig gefunden, wenn ich ihn allein in die Stadt hätte gehen lassen. Wir waren gemeinsam gekommen und so gingen wir auch gemeinsam wieder. C. zeigte ein gewisses Bedauern, aber es war meine Entscheidung und die akzeptierte er.
Michael und ich liefen schweigend zur S-Bahn-Station zurück um unsere Rucksäcke zu holen. Dort angekommen hockte sich Michael auf den Boden und fing an zu weinen. Er schluchzte heftig und ich nahm ihn in die Arme. Was hast Du denn? Was ist los?
Da brach es aus ihm heraus, er hatte diese Stunden bei C. als die Hölle erlebt. Dieser C. hatte ihn total ignoriert, er war ja so cool, so toll, so beeindruckend! Michael hatte sich bald schon absolut klein gefühlt und er war eifersüchtig geworden. Und der Freund von C. war auch nicht besonders  nett zu ihm gewesen. Michael erklärte mir, dass er nie wieder etwas von diesem C. hören wollte, ja, er würde ihn richtig hassen. Und, dass ich ihm die ganze Zeit auch nur den Rücken zu gekehrt hatte, das fand er auch sehr schlimm.
Ich versuchte Michael nach Kräften zu trösten. Ich ging erst mal mit ihm in eine naheliegende Kneipe und dort erklärte ich ihm, dass ich ihn lieben würde und er solle dies doch erkennen, schließlich sei ich nicht bei C. geblieben, sondern mit ihm mitgegangen. Doch wirklich überzeugen lassen wollte er sich nicht. Er war einfach völlig fertig mit den Nerven. In dieser Verfassung waren wir natürlich nicht in der Lage uns mit irgendwem so anzufreunden, dass wir bei demjenigen einen Schlafplatz bekamen und so entschied ich mein letztes Geld für ein Hotelzimmer zu opfern. Wir fanden zum Glück auch eines, dass ich bezahlen konnte und dann verbrachten wir eine problematische Nacht zusammen, denn Michael konnte nicht aufhören zu weinen. Er war einfach am Ende mit den Nerven und unsere Beziehung war es für ihn auch. Er eröffnete mir dann auch am nächsten Morgen, dass er nun ohne mich nach Dänemark trampen wolle. Dort wäre Brigitte bei einigen, netten Dänen zu Gast und die würden sich sicher freuen ihn zu sehen.
Das war nun wirklich der Hammer! Jetzt ließ mich diese Heulsuse doch tatsächlich ohne Geld allein in Hamburg sitzen. Ich versuchte ihn umzustimmen, doch es war nichts zu machen. Michael verließ mich um sich an die nächste Autobahnauffahrt zu stellen. Und ich stand da mit meinem Rucksack und etwas Kleingeld in der Hand. Ich ging zu einer Telefonzelle und rief bei C. an, doch der war nicht gerade begeistert. Er erklärte mir, er hätte keine Zeit, denn er wolle malen. Na, das war ja nun wirklich eine totale Scheiße. Was sollte ich jetzt tun? Nun, ich stellte mich auch an eine Autobahnauffahrt und streckte den Daumen raus. Ich wollte nach Düsseldorf zu meinen beiden Sabinen. Dort fand sich für mich immer ein warmes Plätzchen.

Als ich dort endlich ankam, war es später Nachmittag. Ich erzählte meinen Freundinnen von dem fatalen Ende meiner kleinen Reise und natürlich hatten Beide viel Verständnis für mich. Später am Abend rief ich dann wieder bei C. an und der war total erstaunt, dass ich wieder in Düsseldorf war. Er hatte offensichtlich seine Meinung geändert, denn jetzt wollte er mich doch gerne wiedersehen. Er fragte mich, ob ich nicht noch mal zu ihm kommen wolle und natürlich, natürlich sagte ich Ja. Ich versprach mich gleich am nächsten Morgen wieder an die Straße zu stellen. Und so kam es, dass wir uns dann endlich doch in die Arme nehmen konnten.
Jetzt hätte natürlich alles klar sein können. Michael war weg und C. war da, und schenkte mir seine ganze Aufmerksamkeit. Doch ich hatte irgendwie ein Problem. Wir schliefen natürlich zusammen in seinem Bett, aber ich wollte keinen Sex. Ich kuschelte mich bei ihm ein, aber mehr war nicht drin. Das wunderte C. natürlich schon, aber erst mal sagte er nichts dazu.
Ich lernte seine Exfreundin Anne kennen und wir gingen mit ihr zusammen ins Kino, wir kochten zusammen und ich verstand mich sehr gut mit ihr. Gemeinsam hackten wir etwas auf C. herum, so dass der sich wirklich anfing zu wundern. „Was ist nur mit Dir los,“ fragte er mich und ich konnte ihm darauf keine Antwort geben.
Und dann kam es zu einem echten Schlüsselerlebnis für mich. Ich hatte schlecht geschlafen und war durch einen sehr irritierenden Traum wach geworden. Ich hatte beim Aufwachen Stimmen gehört, die Stimmen von Tausend Hexen, die mich alle anschrien: „Verlasse diesen Herzendbrecher, verlasse diesen Mann! Neben ihm wirst Du das Spiel niemals gewinnen können. Er wird immer wieder fremdgehen, er liebt Dich nicht, Du wirst an seiner Seite sehr leiden. Du wirst immer in seinem Schatten stehen, Du wirst Dich nicht entfalten können …“ und so weiter. Das hing mir noch im Kopf, als C. mich zu sich ans Fenster rief. Er schaute hinaus und sagte: „Schau mal, was dort unten steht. Das gehört mir.“
Und was sah ich da? Ein feuerrotes Campingmobil. Es war ein altes Feuerwehrauto und wie er mir erklärte wunderbar ausgebaut. Da ratstete ich aus. Ich erinnerte mich plötzlich an das Spiel mit seinem Vater und ich wusste, dieses Spiel war tatsächlich wahr geworden. Er hatte sein Campingmobil nur viel zu früh bekommen. Und mir wurde klar, C. würde alles in seinem Leben bekommen, was er sich nur wünschte. Er würde ein wunderbares Leben haben, aber ich? Mir stand ein absolut hartes Leben bevor. Ich würde ohne jede Hilfe auskommen müssen. Niemand erinnerte sich jetzt noch an meine große Lebensaufgabe und auch ich wusste ja praktisch nichts darüber. Aber was ich in diesem Moment wusste, das war, dass ich am völlig falschen Platz war. Ich musste weg, ich musste C. seinen Weg alleine gehen lassen, für mich gab es an seiner Seite nichts zu gewinnen. Aber, was mir bevorstand, dass würde höllisch werden. Es würde kein Traumhaus geben, es würde kein feuerrotes Campingmobil für mich geben. In mir stieg ein ungeheurer Frust hoch und ich brach von einem Moment zum Anderen einen großen Streit vom Zaun, dessen Anlass C. gar nicht verstand. Er sah nur, dass ich wie aus heiterem Himmel absolut wütend wurde, ihn beschimpfte und die Sachen packte. Ich sehe mich noch heute bei ihm im Treppenhaus stehen und ihn anschreien. Ich erinnere mich allerdings nur an meinen letzten Satz: „Ich möchte noch nicht einmal Dein Nachbar sein!“ Damit drehte ich mich um und ich verließ ihn für immer.

Die Rückfahrt nach Düsseldorf war problematisch, denn zum ersten Mal hatte ich Pech. Ich war ohne es zu wissen in einen LKW eingestiegen, in dem es zwei Fahrer gab. Sie hatten einen Fahrerwechsel gemacht und nun lag einer gelangweilt in seiner Koje. Er begann mich anzumachen, allerdings auf eine sehr unangenehme Art. So etwas war mir noch nie passiert, ich hatte eigentlich immer sehr viel Glück beim Trampen gehabt. Der Typ aber träumte von einem Abenteuer in seiner Koje und er sagte so Sachen wie: „Oh, wütend siehst Du noch schöner aus.“ Er fummelte an meinen Haaren herum, aber ich schaffte es trotzdem irgendwie, dass er es aufgab und irgendwann einschlief. Der andere Fahrer hatte sich die ganze Zeit heraus gehalten und er schien mir im Falle des Falles keine große Hilfe sein zu wollen, aber er war dann letztendlich doch so nett, mich bis vor die Tür meiner Sabinen zu fahren. Er wollte wohl doch sicher sein, dass ich unbeschadet nach Hause kam.
Dort empfingen meine Sabinen mich mitten in der Nacht und natürlich hatte ich viel zu erzählen. Ich hatte irgendwie ganz merkwürdige Probleme. Und am nächsten Tag traf ich eine Entscheidung. Ich würde jetzt erst mal als Serviererin arbeiten. Meine Mutter hatte mir diesen Job besorgt. Sie kannte den Wirt des „Wirtshaus im Park“ in Willich noch aus früheren Jahren, als sie noch mit unserem Vater verheiratet gewesen war. Damals hatte dieser Wirt auch ein Restaurant am Niederrhein. Jetzt kochte er gehobene, gutbürgerliche Küche in Willich und meine Mutter half ihm ab und an hinter der Theke.
Jedenfalls, ich zog mir etwas Ordentliches an und begann dort zu kellnern. Außerdem hatte ich Glück und mein alter Freund HaPe flog für drei Monate nach Südamerika und ich konnte solange in seinem kleinen Häuschen wohnen. Ich fuhr mit einem alten, selbst angemalten Fahrrad jeden Tag nach Willich und nachts wieder den weiten Weg zurück. Michael hatte in Dänemark offensichtlich viel Spaß, jedenfalls kam er nicht zurück. Ich rief mehrmals bei seinen Eltern an, aber seine Mutter vertröstete mich immer wieder und meinte irgendwann, ich solle erkennen, dass Michael mich nun mal nicht so lieb hätte wie ich ihn.
Ich aber hoffte immer noch, er würde an meinen Geburtstag denken und spätestens bis dahin zurück sein. Doch Michael dachte ja gar nicht dran. Ich weiß nicht wann genau, aber irgendwann hatte ich ihn an der Strippe und ich lud ihn ein, mich in dem Häuschen besuchen zu kommen. Ich hatte mich entschieden, ich wollte mit Michael zusammen sein. Doch, das war gar nicht so einfach, denn Michael war immer noch verstimmt. Er erzählte mir wie toll es in Dänemark gewesen sei. Die Dänen seien total nett zu ihm gewesen und auch mit Brigitte habe er sich gut verstanden. Nun, ich gab nicht auf und brachte ihn immerhin dazu, bei mir zu übernachten. Sex aber wollte er nicht. Das ging Wochen so, bis ich ihn irgendwann soweit hatte. Er gab seine Zurückhaltung auf und es war entschieden, wir waren zusammen.
HaPe kam zurück und reagierte knatschig. Seine Wohnung befand sich im Chaos und dieser Michael passte ihm gar nicht, denn er hatte durchaus auch ein Interesse an mir. Nun, ich zog bei ihm aus und bei Michael im Gartenhäuschen ein. 8 Quadratmeter, aber urgemütlich. Wir bekamen häufig Besuch, kifften zusammen und liebten uns. Dazu ging ich arbeiten und ich hatte auch schon etwas angespart. Mein Leben war endlich wieder einigermaßen geregelt und ich konnte nachdenken. Was sollte ich in Zukunft tun? Was wollte ich? Wo waren die Türen, durch die ich gehen konnte? Was erwartete ich von meinem Leben? Und ich fand auch eine Antwort. Ich wollte einen Hund, ein Kind und das Abitur.

 

Hund, Kind und Abitur

 

Das mit dem Hund sollte nur ein gutes Jahr dauern, dann war er da. Es war ein supersüßer Mischlingswelpe, der versprach nicht nur sehr schön, sondern auch sehr groß zu werden. Und sehen Sie selbst, ist dieser Hund nicht wirklich wunderbar:

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Wir nannten ihn Bicu und er war wirklich ein ganz besonderer Wegbegleiter. Er war nicht nur sehr lieb, er liebte mich vor allen Dingen abgöttisch. Ich konnte ihn überall ohne Leine mitnehmen, denn er wich nie von meiner Seite. Er hatte auch kein Interesse daran Kaninchen zu jagen oder Artgenossen zu züchtigen. Er war ganz damit beschäftigt mich im Auge zu behalten und ansonsten auch das kleinste Stöckchen zu bringen um zu spielen. Ich liebte diesen Hund wirklich sehr. Er wurde leider nur 11 Jahre alt, denn, so vermuteten wir, unser böser Nachbar hatte irgendein Gift ausgebracht, an dem er ziemlich schnell verstarb. Doch wir konnten unseren Verdacht leider nicht beweisen. Aber wie auch immer, in den 11 Jahren hat dieser Hund nicht nur mir sehr viel Freude geschenkt.
Wir kamen auf diesen Hund, als Michael und ich in unserer ersten gemeinsamen Wohnung lebten. Es war eine sehr schöne, große Wohnung mit Garten in dem ehemaligen Bürgermeisterhaus von Krefeld-Fischeln. Unter uns wohnte Michaels älterer Bruder mit seiner Freundin und über uns wohnten zwei Kumpels von Michael. Da unsere Wohnung ein Zimmer zuviel hatte, vermieteten wir es immer wieder mal an jemanden, der gerade keine Wohnung hatte. Es war in diesem Haus also immer etwas los und es ging uns gut dort. Michael verdiente das Geld indem er „Schneiderwagen“ fuhr. „Schneiderwagen“ war ein Funktaxiunternnehmen, und Michael fuhr mit seinem eigenen Auto, ein alter Renault Kastenwagen, für dieses Unternehmen als Subunternehmer. Ich wollte natürlich auch zum Lebensunterhalt beitragen und so ermöglichte Michael es mir, den Führerschein zu machen, damit ich mich mit ihm mit dem Scheiderwagenfahren abwechseln konnte. So hatte jeder von uns genug Freizeit. Er fuhr 3 Tage und ich zwei. Das Geld war zwar nicht sehr üppig, aber es reichte mir um eine private Abendschule zu finanzieren. Denn ich war fest entschlossen, ich wollte unbedingt mein Abitur nachmachen.

Doch schon nach einem Dreivierteljahr machte diese Schule pleite und ich ließ mich anwaltlich vertreten, um Druck auf die Schule auszuüben, mir den Besuch eines anderen Abendgymnasiums zu ermöglichen. Und damit hatte ich auch Erfolg und so kam ich endlich auf das Abendgymnasium, auf das ich immer schon gewollt hatte. Das Rückert-Abendgymnasium in Düsseldorf. Ich hatte mich schon Jahre zuvor nach den Aufnahmebedingungen erkundigt, und obwohl ich noch keine drei Jahre aus der Schule heraus war, wurde ich aufgenommen. Ich verschwieg einfach mein Jahr auf dem Kikweg-Kolleg und behauptete die letzten Jahre als Aupair-Mädchen unterwegs gewesen zu sein. Das war natürlich gelogen, aber es war eine Not-Lüge wie ich fand.
Ich konnte auf Grund meiner guten Noten von der Privatschule direkt in die 12. Klasse gehen, was mich sehr freute. So würde ich in zwei Jahren endlich mein Abitur haben können. Und ich muss wirklich sagen, diese Zeit gehört zur Schönsten meines Schullebens. Ich hatte es gewusst, ich kam mit dieser Schulform sehr viel besser zurecht. Dort wurde nicht über Tische und Bänke geklettert, dort gab es keine pädagogischen Erziehungsversuche, dort war jeder daran interessiert zu lernen, denn alle waren freiwillig dort. Viele gingen neben der Schule tagsüber noch arbeiten, hatten Familie oder sonstige Verpflichtungen. Insofern war die Atmosphäre im Unterricht und das Verhältnis zu den Lehrern sehr gut. Bicu war oft mit dabei und wartete im Auto, oder wenn es all zu kalt war, dann durfte er während des Unterrichtes auch neben mir sitzen.
Ich hatte Mathematik und Biologie als Leistungskurs gewählt und ich darf sagen, ich war in Mathe gut und in Biologie sogar sehr gut. Auch die anderen Fächer machten mir keine Probleme. Ich konnte wirklich hoffen, dass es am Ende sogar für einen Medizinstudienplatz reichen würde.
Aber der Hund und das Abitur waren ja nur zwei der drei Ziele und darum diskutierte ich mit Michael auch intensiv die Kinderfrage. Michael war nicht ganz so sicher wie ich, dass dies eine gute Idee war, doch ich hatte ein gutes Argument. Ich sagte, die Frage sei doch ob es nicht besser war ein Kind als Student groß zu ziehen, als zu warten bis man im Beruf stand und Karriere machen wollte. Letztendlich lief es darauf hinaus, dass wir es darauf ankommen ließen und Simsalabim, ich wurde sofort schwanger.
Michael ließ sich nicht nur in der Kinderfrage von mir überzeugen, er entschied sich ebenfalls das Abitur zu machen und besuchte drei mal in der Woche abends eine Fachoberschule. Was er mit seinem Fachabitur dann machen sollte, dass wusste er zwar noch nicht so recht, aber es würde wohl kein Musikstudium sein können. Musik war trotzdem sein Thema und so kaufte er sich ein wirklich tolles Saxophon. Ich fand, er war ein sehr begabter Musiker und wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte er gerne eine Karriere als Musiker machen können, doch am Ende entschied er sich für ein Ingenieurstudium. Doch bevor er damit beginnen konnte, kam erst mal unser Felix:

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Und damit waren wir komplett, ich hatte einen tollen Hund, ein süßes Kind und mein Abitur würde ich auch bald in der Tasche haben. Es hatte mit meinen Wünschen also ganz wunderbar geklappt.

Der Liebesschwur

 

Michael und ich verstanden uns in dieser Zeit wirklich sehr gut. Sicher, ich hatte ihn erst von mir überzeugen müssen, aber nachdem er sich einmal auf mich eingelassen hatte, war er wirklich ein toller Partner. Er war auch ein sehr liebevoller Vater. Er war natürlich bei der Geburt dabei gewesen und für ihn war es das großartigste Erlebnis seines Lebens. Für mich war es zwar das Schmerzhafteste, was ich je durchmachen musste, doch nachdem ich mich mit vielen anderen Müttern unterhalten habe, muss ich sagen, es war wohl eine Bilderbuchgeburt. Nach vier Stunden Wehen wurde mir ein völlig gesundes, kräftiges Baby auf den Bauch gelegt. Dies ist sicherlich für jede Frau das Größte. Ich schaute in die großen, ernsten Augen eines Jungen, der die Hände gefaltet hielt und ganz offensichtlich problemlos sein Ziel erreicht hatte. Und ich hatte nicht den Eindruck in die Augen eines Säuglings zu sehen. Dieses Menschlein trug eine ganz alte, erfahrene Seele. Wo kam er wohl her? War für Erfahrungen aus früheren Leben brachte er mit? Was war seine Lebensaufgabe? Er schien es genau zu wissen, aber natürlich, er konnte es nicht erzählen. Doch seine Augen schienen alles zu verstehen. Irgendwie hatte ich gleich ziemlichen Respekt vor ihm und ich war sehr stolz auf ihn. Dies war ein gutes Kind. Und es sah wirklich sehr schön aus. Doch so etwas würden sicherlich alle Eltern über ihr Kind sagen. Ich vermisste allerdings trotz allen Stolzes ein Gefühl in mir. Ich hatte eine gewisse Vorstellung davon, wie sich echte, tiefe Muttergefühle anfühlen mussten, aber davon spürte ich in mir nicht so viel. Ich stellte mir Muttergefühle sehr ausschließlich vor, ich dachte, ich müsste mehr zu einer Glucke werden, doch davon konnte keine Rede sein. Die Schule war mir genauso wichtig. Ich brauchte noch ein Jahr bis zum Abitur.
Michael war jedoch fertig und hatte nun ein Fachabitur in der Hand. Damit schrieb er sich auf der Fachhochschule ein. Er war jedoch immer so gegen 16 Uhr zurück, ich hatte dann meistens etwas gekocht und machte mich nach dem Essen auf den Weg in die Abendschule. Ich kümmerte mich also tagsüber und Michael abends um das Kind. So war alles gut organisiert und ich hatte endlich den Eindruck, mein Leben verlief wieder in eine vernünftige Richtung. Ich hatte demnach wirklich gute Gründe glücklich zu sein. Und ich war es auch, vor allen Dingen als auch ich endlich mein Abitur geschafft hatte. Zur Belohnung fuhr ich mit zwei Freundinnen für 2 Wochen an die Cote D’Azur. Anschließend schrieb ich mich für Diplombiologie an die Düsseldorfer Universität ein und ich muss sagen, als ich das erste Mal über den Campus ging, da war ich wirklich sehr zufrieden mit mir. Ja, ich war richtig stolz auf mich. Ich hatte die vielen Schocks alle überwunden und ich hatte mir neue Türen erarbeitet. Wohin würde mein Leben mich jetzt wohl noch führen?

Das Studium war eine interessante Herausforderung. Ich hatte zwar auch an ein Architekturstudium gedacht, doch dazu fehlte mir eine Mappe mit Zeichnungen, denn die waren eine Voraussetzung für einen Studienplatz. Außerdem meldete sich immer wieder eine Stimme in mir und die sagte: „Du brauchst ein naturwissenschaftliches Studium!“ An Physik dachte ich allerdings nicht, ich war mit diesem Fach nie warm geworden und Formeln waren mir ein Graus. Medizin kam nicht in Frage, denn ich hatte diesen merkwürdigen Test, den man zuvor absolvieren musste, nicht geschafft. Ich war völlig unvorbereitet zu diesem Test gegangen, und wusste von da her gar nicht, was mich dort erwartete. Das war ein Fehler gewesen, denn eine gründliche Vorbereitung war wirklich nötig, wenn man genug Punkte sammeln wollte. Also, Medizin fiel flach. Ja, und Biologie lag nahe, außerdem hoffte ich so, endlich ernst genommen zu werden, wenn ich über den Wert von biologischer Landwirtschaft und Umweltschutz mit meinen Eltern diskutierte. Ich wollte nicht unbedingt Wissenschaftlerin werden, ich stellte mir eine Tätigkeit als Wissenschaftsjournalistin vor. Aber auf jeden Fall, Biologie war keine schlechte Wahl und so startete ich mein Studium mit großem Engagement.
Kind und Studium, das ging jetzt natürlich nicht mehr ohne die Hilfe meiner Mutter. Sie und Egon waren zum Glück so vernarrt in unseren kleinen Felix, sie nahmen uns das Kind immer gerne ab und meine Mutter übernahm in der Woche die Tagschicht. Ich kam jeden Tag spätestens um halb Drei um Felix bei ihr abzuholen, und damit meinte ich eine sehr gute Regelung gefunden zu haben. Man kann wirklich sagen, alles war palletti.

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Doch dann kam es zu einem sehr denkwürdigen Vorfall. Ich war mit Bicu auf dem Weg zu meiner alten Mathelehrerin vom Abendgymnasium. Wir hatten uns miteinander befreundet und ich besuchte sie ab und an. Zuvor aber wollte ich den Hund noch mal raus lassen und so hielt ich bei Schloss Pech und ging einen Waldweg entlang. Ich war schon ewig nicht an diesem Ort gewesen und als ich mich an das letzte Mal erinnerte, da erinnerte ich mich auch an C.. Wir waren dort zusammen entlang gegangen. C. hatte Bäume malen wollen und wir gingen dazu auf die große, schöne Wiese vor dem Schloss. Ich erinnerte mich noch ganz genau an diesen Tag und jetzt, ja, jetzt führte diese Erinnerung plötzlich zu ganz heftigen Gefühlen. Ich brach in Tränen aus. Ich musste mich auf die Bank setzen, denn ein richtig gehender Weinkrampf durchschüttelte mich. In mir tauchte eine unendliche Sehnsucht auf. Ich wurde davon regelrecht überfallen. Oh, was bereute ich plötzlich, ihn noch nicht einmal mehr als Nachbarn zu haben. Jetzt kam der Liebeskummer, der nach der Trennung ausgeblieben war. Ich erinnerte mich auch an meinen Schwur, diesen Mann ewig zu lieben und dieser Schur forderte nun seine Konsequenzen. Ich habe es Ihnen ja gesagt, zaubern hat eine Schattenseite, die sehr grausam sein kann. Man muss sich wirklich sehr gut überlegen, was man in dem heiligen Moment der Entjungferung schwört, diese Erfahrung sollte ich in der Folge schmerzhaft machen. Denn diese plötzlich aufkeimenden Gefühle verschwanden leider nicht so wie sie gekommen waren. Im Gegenteil. Sie hefteten sich hartnäckig an mein Herz und die Reue war groß. Was sollte ich damit jetzt anfangen?

Ich war fest gebunden, ich hatte ein zweijähriges Kind, ich hatte meinen Weg eingeschlagen. Ich konnte nicht einfach losstürmen und nach C. suchen. Zumal ich zu diesem Zeitpunkt wohl schon wusste, dass C. gar nicht mehr in Deutschland lebte. So wie ich es gehört hatte, war er mit einer Frau nach Neuseeland ausgewandert. Er befand sich also am anderen Ende der Welt. Und er hatte sicherlich eine tolle Beziehung, er war garantiert sehr glücklich auch und gerade ohne mich.
Aber diese Gedanken machten es nicht leichter. Ach, wäre ich doch nur bei ihm geblieben, sagte ich mir immer wieder. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich dann jetzt auch einen tollen Hund, ein Kind und das Abitur gehabt hätte. Wenn ich vernünftig darüber nachdachte, dann sah ich schon ein, neben C. wäre ich wahrscheinlich nicht zur Schule gegangen. Es war also alles richtig so wie es war, und dennoch, ich war todunglücklich.
Meine Beziehung zu Michael war zwar sehr liebevoll und auch schön, aber wirklich aufregend und erfüllend wäre es wahrscheinlich mit C. gewesen. So glaubte ich es jedenfalls. Ach, ich kann Ihnen sagen, ich fühlte mich wirklich krank, ja, liebeskrank. Und diese Krankheit sollte so schnell nicht vergehen. Aber darüber konnte ich natürlich nicht mit Michael reden. Für den war allein schon der Name von C. ein rotes Tuch. Ich konnte auch nicht das Bild von der Traumfrau aufhängen, ja, jede Erinnerung an diesen Mann machte Michael wütend.

Aber mit meiner Patentante konnte ich über meine widerstreitenden Gefühle reden und sie erzählte mir, dass auch Henry so eine alte Liebe hätte. Sie lebte in Australien und sie schrieben sich ab und zu. Meine Tante hätte meinen Onkel auch durchaus erlaubt zu ihr zu fliegen, um sich über seine Gefühle endgültig klar zu werden, doch Henry und seine Liebe scheuten so eine Begegnung, denn beide hatten nun mal ihre Ehe.
Meine Tante bot mir an, mir das Geld für eine Neuseelandreise zu schenken, sie meinte, vielleicht sei es das Beste, ich würde C. in die Augen schauen. Dann würde ich vielleicht erkennen, dass dieser Herzensbrecher gar nicht so toll war und mein Michel letztendlich doch die bessere Wahl. Oh, eine Reise nach Neuseeland, das war natürlich eine sehr verführerische Idee, nur, was sollte ich Michael sagen? Der würde zusammenbrechen, wenn er wüsste, dass ich C. dort besuchen wollte. Seine Angst, dass ich nicht wieder käme wäre sicherlich sehr groß. Ich überlegte darum nicht lange und schlug das Angebot aus. Ich meinte Michael diese Reise nicht antun zu können.
Und so musste ich lernen mit diesen hartnäckigen Liebesgefühlen fertig zu werden. Das war alles andere als einfach. Ich sehnte mich so sehr nach meiner großen Liebe, dass ich mir sogar einen Lippenstift und etwas Schminke kaufte. Ich wollte auf jeden Fall wunderschön sein, sollte ich ihm irgendwo zufällig begegnen. Das war natürlich ziemlich bescheuert und kindisch und zum Glück gab ich die Schminke bald schon wieder auf.
Mir blieb nichts anderes übrig, als zu lernen mit dieser Liebe zu leben und mit den Jahren sollte es mir gelingen, diesen Mann zu lieben ohne irgendwelche Besitzwünsche. Das funktionierte zwar nicht von heute auf morgen, aber irgendwann hatte ich die Sache soweit im Griff, dass ich zufrieden mein Leben weiter leben konnte. Allerdings konnte ich im Kino die Barcardiwerbung nicht gut ertragen. Dort tanzten schöne junge Menschen an einem Palmenstrand und sie waren offensichtlich sehr glücklich.

Michael und ich fanden eine neue, superbillige, schöne Wohnung mit Garten in Osterath. Allerdings musste viel renoviert werden. Doch in dieser Wohnung, die auf zwei Etagen lag, konnte jeder sein eigenes Zimmer haben. Es war Platz auch noch für ein Esszimmer und ein großes Wohnzimmer. Was Wohnungen anging, hatte ich immer schon ein glückliches Händchen gehabt, aber diese Wohnung war genial. Nun, und weil sie so genial ist, lebe ich immer noch in ihr. Es ist eine Genossenschaftswohnung und man darf darin renovierungstechnisch machen was man will. Der Mietvertrag ist ein sogenannter Dauermietvertrag, dass heißt, ich müsste schon goldene Löffel klauen, ansonsten gibt es keinen Kündigungsgrund. Also, Wohnung gut, Mann gut, Kind gut, Studium gut, alles gut.

Im 2. Studienjahr musste ich dann irgendwann ein botanisches Praktikum machen und dazu gehörten auch geführte Exkursionen ins nähere Umland. Und eine Exkursion fand in Neuss-Norf statt. Dort gab es ein botanisch wertvolles Feuchtgebiet. Ich kannte diese Ecke, denn auch dort war ich schon mal mit C. gewesen. Sein Elternhaus stand ganz in der Nähe. Ich fuhr daran vorbei und drehte wieder um und parkte mein Auto vor dem Haus. Ich klingelt und eine Frau trat vor die Tür. Sie sah zwar auf den ersten Blick der Mutter von C. sehr ähnlich, aber diese Frau war viel zu freundlich und dann realisierte ich, dies war nicht C.s Mutter. Aber als ich nach C.s Vater fragte, da wurde ich eingelassen.
C.s Vater war mir immer schon sehr sympathisch gewesen und auch er hatte mich offensichtlich in guter Erinnerung. Ich wurde zu einer Tasse Kaffee eingeladen und bei ein paar Keksen erzählte mir dieser Mann eine üble Geschichte. C.s Vater war wie so oft für einige Tage auf einer Geschäftsreise gewesen und als er zurück nach Hause kam, da hatte er das ganze Haus komplett leergeräumt vorgefunden, selbst die Armaturen waren nicht mehr an den Waschbecken. Seine Frau hatte ihn ohne Vorwarnung verlassen und was ihn besonders schmerzte, dass war, dass seine Tochter und sein jüngster Sohn bei diesem Auszug mitgeholfen hatten. Nur C. hätte sich auch mit Geld nicht dazu verführen lassen. Leider, so erzählte der Vater, könne er nun finanziell keine großen Sprünge mehr machen, ansonsten würde er seinen Sohn gerne einmal zusammen mit seiner neuen Frau besuchen. Der Vater erzählte mir, dass C. auch Vater eines Sohnes sei, leider leide der an Asthma und habe Allergien. C. hätte in Neuseeland einige Zeit als Bühnenbildner gearbeitet, doch jetzt betreibe er eine Strandkneipe. Er habe dafür sogar eine Alkoholausschankerlaubnis, was in Neuseeland nicht selbstverständlich sei. Der Vater war darüber nicht besonders begeistert und als ich ihm erzählte, dass ich Biologie studierte, da stieg ich in seiner Achtung. Als ich ihm dann sagte, auch ich hätte einen kleinen Sohn, da fragte er mich wie alt dieser sei und ich hatte für einen kurzen Moment den Eindruck, er befürchtete, ich würde ihm erklären, er wäre der Großvater dieses Kindes. Aber ich wollte nur die Adresse von C. haben, ich gedachte ihm einfach mal eine Karte zu schicken.

Aus der Karte wurde dann ein ganzer Brief, doch der Vater hatte mich schon vorgewarnt, er meinte, sein Sohn sei sehr schreibfaul und er könne nicht sagen, ob dieser es schaffen würde auch zu antworten. Nun, ich wollte es dennoch versuchen. Die Adresse, die ich bekam, war allerdings nicht C.s direkte Wohnadresse, aber es war wohl das Einzige was der Vater hatte.
Ich setzte mich also hin und versuchte einen Brief zu schreiben, dem man nicht gleich anmerkte, mit welchen Gefühlen ich zu kämpfen hatte. Ich kann mich heute an den Inhalt des Briefes nicht mehr erinnern, ich weiß nur, dass ich darin meine bevorstehende Hochzeit ankündigte. Ich las ihn meiner Nachbarin und Freundin vor und sie meinte, nur mein Zusatz, dass ich aus steuerlichen Gründen heiraten würde, wäre etwas verdächtig.
Nun, ich schickte ihn ab, aber ich bekam tatsächlich nie eine Antwort auf diesen Brief. Ob er ihn überhaupt erreicht hatte? Nahm er mir das mit dem Nachbarn etwa immer noch übel? War ich ihm wirklich so egal? Antwort auf diese Fragen bekam ich nicht. Also würde es zwischen uns keine Brieffreundschaft geben. Gut, ich hatte es versucht, es sollte aber wohl nicht sein. Ich bemühte mich wieder meine Gefühle in die hinterste Ecke meines Herzens zu verstauen und bereitete mich auf meine Hochzeit vor.

Ich hatte mittlerweile mein Studium nach dem Vordiplom an den Nagel gehängt, ich erfuhr nämlich einen starken Neigungswechsel. Ich wollte nun nur noch Kunst machen und mich ganz auf die Wohnungsrenovierung konzentrieren. Ich hatte ein Bad mit Wanne eingebaut, ich hatte alle Holzböden vom Schellack befreit, ich isolierte das Dach und verputzte die Wände aller Zimmer. Ich wollte, dass zu unserem Hochzeitsfest alles wunderschön aussah. Ich hatte in dem Sommer zuvor große Bilder gemalt und die hängte ich nun an die frischgestrichenen Wände. Mein Vater, mit dem ich mich halbwegs wieder vertragen hatte, schenkte mir Geld zur Hochzeit und damit konnte ich Teppiche kaufen und einen großen, alten Tisch. Michael bekam einen schicken Anzug, den er auch zu den kommenden Vorstellungsgesprächen gut gebrauchen konnte und ich kaufte mir auch etwas Schönes zum Anziehen. Wir heirateten an einem Silvestertag, ja, wir waren das letzte, zu trauende Paar des Jahres 1993. Felix war gerade eingeschult und auch er setzte stolz seinen Namen auf die Heiratsurkunde. Jetzt war wirklich alles auf dem besten Weg.

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Mein Leben war jetzt wirklich schön. Ich hatte im Garten ein Häuschen, welches ich zu einem Atelier machte, ich hatte endlich Zeit für meinen Sohn, denn der zeigte eine gewisse Sprachfaulheit und in die Hose machte er auch. Meine Schwägerinnen machten dafür die Tatsache verantwortlich, dass ich mein Kind viel zu oft bei meiner Mutter abgab. Felix Probleme waren jedoch nicht der eigentliche Grund, warum ich die Biologie aufgegeben hatte. Irgendwie war bei mir nach 3-4 Jahren die Luft raus. Ich wusste nicht, was ich als Hauptstudium wählen sollte und außerdem hatte ich durch Zufall ein Druckverfahren entwickelt, dass wirklich sehr interessante Ergebnisse erzielte. Diesen Drucken verfiel ich mit großer Leidenschaft und meine Vordiplom-Vorbereitungen litten darunter sehr. Ich fiel in zwei Prüfungen durch und wiederholen wollte ich sie nicht. Ich wollte lieber Bilder drucken. Das war in meinen Augen wirklich wichtiger.
Nachdem ich bestimmt 2 Jahre mit meinen Drucken verbracht hatte, wagte ich mich auch an große Bilder und sie gelangen so gut, dass ich nicht wenige an Liebhaber verschenkte. Ich wollte an die Kunstakademie gehen und so kümmerte ich mich um meine Mappe. Zwei mal habe ich an dem Auswahlverfahren teilgenommen, doch ich wurde nicht angenommen. Ein Mitglied der Kommission erklärte mir, meine Drucke seien schon zu fertig, ich bräuchte das Studium nicht, wenn ich Kunst machen wollte. Nun, das war natürlich schön zu hören, doch ich wäre gerne an die Akademie gegangen, denn ich wusste, ich hatte noch viel zu lernen. Außerdem wäre es cool gewesen, Student an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie zu sein. Aber ich ließ mich nicht unterkriegen und ich arbeitete fleißig für mich weiter.

Brigitte, meine geliebte Uraltfreundin hatte ich zur Patentante von Felix gemacht, denn sie liebte meinen Sohn sehr und wir waren uns in den Erziehungsfragen sehr einig. Mein Verhältnis zu ihr war sehr gut, sie hatte mittlerweile eine Beziehung zu meiner alten Klassenkameradin und Freundin Annette aufgebaut und nach den Jahren, die sie in Dänemark gelebt hatte, war sie nun zurück, um in Krefeld Objekt-Design zu studieren. Ich hatte sie dazu gedrängt, denn ich fand, sie konnte nicht einfach so weiter in Dänemark den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Sie brauchte eine Ausbildung und ich hatte von diesem Studiengang von meinem ehemaligen Studienfreund Thomas gehört, der die Biologie auch aufgegeben hatte und nun an der gleichen Schule Grafik-Design studierte. Thomas war einfach ein begnadeter Zeichner. Ich hatte es gleich am ersten Vorlesungstag festgestellt, denn er saß schräg unter mir und ich sah das Ohr, welches er auf des Tisch zeichnete. Wir kannten uns schon vom Kikweg-Kolleg, da war er in der Künstlerklasse gewesen. Wir liefen uns irgendwie immer über den Weg und jetzt sollte ich wieder mit ihm auf die gleiche Schule gehen. Denn, Brigitte überzeugte nun mich, mich doch dort einzuschreiben. Sie meinte, ich könne nicht immer nur bei mir im Atelier hocken und malen, ich bräuchte eine richtige Ausbildung. Und da hatte sie ganz Recht, denn ich hatte bisher nicht mehr als ein abgebrochenes Biologie-Studium vorzuweisen. Gut Michael würde bald fertig sein und genügend Geld verdienen, aber so ohne eigene Ausbildung, das war nicht gut. Ich bereitete also wieder einmal eine Mappe zu und diesmal tat ich, was mir empfohlen wurde und ich zeichnete Obst und Gemüse. Meine Mappe wurde angenommen und 1994 im Herbst konnte ich dort beginnen.

Michael war zu diesem Zeitpunkt mit seinem Studium fertig und er hatte auch einen Job gefunden. Ihm fiel die Arbeit jedoch nicht gerade leicht. Er war einfach zu schüchtern und unsicher. Wenn er zufällig im Fahrstuhl auf seinen Chef stieß, dann bekam er nasse Hände und wusste nicht, was er sagen sollte. Und auch sonst entwickelte sich Michael nicht ganz so wie von mir gewünscht. Im Zusammenleben war er zwar wunderbar, aber in der großen, weiten Welt stand er nicht gerade selbstbewusst seinen Mann. Doch das war nicht mein einziges Problem. Ich fühlte mich trotz der lieben Art irgendwie nicht geliebt und das machte ich zum Beispiel daran fest, dass er mir von seinem ersten Gehalt kein Kleid kaufte. Im Gegenteil, er schlug mir doch tatsächlich vor, ich solle mir von seiner Mutter einen Rock ausleihen. Wir waren nämlich auf eine feine Hochzeit seiner Cousine eingeladen. Die fand in einem Golfclub statt und ich wollte da natürlich entsprechend gekleidet sein. Mein frischgebackener Ingenieur hatte dafür aber kein Verständnis und das nahm ich ihm übel. Und mir fiel der Beginn unserer Beziehung ein. Hatte er sich damals überhaupt wirklich in mich verliebt? Ließ er es nicht gewaltig an Leidenschaft vermissen? Warum wurde er nicht zu meinem Traummann, einem Mann, der mich auf Händen trug? War seine Liebe nicht von einer gewissen Bequemlichkeit? Ich machte schließlich alles! Ich kümmerte mich um die Finanzen, ich ging einkaufen, ich kochte, ich wusch unendlich viele Maschinen Wäsche, ich renovierte die ganze Wohnung, ich kümmerte mich um Felix, ich traf alle wichtigen Entscheidungen. Und meinen Traummann stellte ich mir mittlerweile anders vor. Es sollte ein Mann sein, der auch mal selber eine gute Idee hatte. Ich wollte jemanden, der mit Leidenschaft seiner Arbeit nachging. Ich wollte auch im Bett nicht immer nur Blümchensex. Ach, als ich einmal damit anfing, zerbrach in mir so einiges. Aber ich liebte Michael trotz alle dem, dachte ich jedenfalls.

Doch dann traf ich auf Mansur. Er war ein Objekt-Design-Student aus dem 4. Semester und er war unser Tutor in der Holzwerkstatt. Er war ein Türke mit langen, dicken, schwarzen Haaren. Er war einige Zentimeter kleiner als ich, aber er hatte eine dermaßen tolle Ausstrahlung, die machte die geringe Größe völlig weg. Er bewegte sich immer schwingend, er lachte viel und seine schwarzen Augen verfolgten mich. Er war mir sofort aufgefallen und eine innere Stimme sagte in mir: „Der wird für Dich einmal sehr wichtig werden.“
Und so kam es dann auch. Ich verliebte mich in ihn. Es geschah auf einer Asta-Party im Frühjahr 1995. Es war eine Kostümparty und Brigitte, Annette und ich hatten uns als Flittchen verkleidet, wir waren super gut gelaunt und ich trank erst mal drei Sekt hintereinander weg. Ich machte zwar eigentlich gerade eine Nulldiät, es war der 4. Tag, aber ich dachte, Sekt könne nicht schaden. Aber natürlich ging er mir sofort in die Krone und ich war ziemlich angeheitert. Ich tanze und war froh, dass es mir endlich besser ging. Denn in den letzten Wochen hatte ich unter einer leichten Depression gelitten. Ich verlor in dieser Zeit sogar die Lust an dem Design-Studium, obwohl ich zu Anfang wirklich total begeistert gewesen war. Doch irgendwie wurde es mir schwer, denn Michael mit seinen ständigen Selbstzweifeln machte mir zu schaffen. Wenn er abends von der Arbeit kam, dann saßen wir meist noch stundenlang zusammen und er klagte mir sein Leid. Das war anstrengend und bald schon hatte ich das Gefühl, ich selbst würde in dem Büro arbeiten, so gut kannte ich alles. Ich versuchte meinen Michel aufzubauen, doch das raubte mir langsam die Kraft. Ich begann Michael zu warnen und meinte, er müsse sich irgendwann auch mal um mich kümmern. Er solle sich einen Tag frei nehmen und mit mir einen Ausflug oder so machen. Irgendwas, dass uns Beiden gut tat. Doch er traute sich nicht auf seiner Arbeit nach einem freien Tag zu fragen.

Ja, und jetzt stand ich auf der Tanzfläche und da kam dieser Mansur auf mich zu, er umarmte mich und wir küssten uns. Wir tanzen und küssten, wir küssten und tanzten. Oh, ich war begeistert. So etwas Herrliches hatte ich ja noch nie erlebt. Mansur war der geborene Verführer und irgendwann hockten wir draußen auf dem Vorplatz und turtelten herum. Brigitte und Annette sahen dies, und meinten nur: „Monica, Du kommst aber mit uns nach Hause.“ Klar, es war doch alles nur Spaß! Ich wollte mich doch nur endlich auch mal so richtig amüsieren. Mansur und ich verstanden uns prächtig, wie waren beide ziemlich betrunken, es war irgendwie magisch. Ich wusste, dieser Mann würde für mich wichtig werden, doch noch war mir nicht klar in wie fern. Er erinnerte mich an C., nicht vom Aussehen natürlich, nein von seinem Selbstbewusstsein. Ich war mir sicher, diesen Türken würde C. nicht einfach so ignoriert haben.
Ich ging irgendwann um vier Uhr früh mit meinen Freundinnen nach Hause, aber als ich bei ihnen wach wurde, da fuhr ich nicht gleich nach Hause. Ich fuhr in die Fachhochschule, denn dort war ich mit Mansur verabredet. Diese Verabredung war mir wichtig, denn ich wollte ihn mir jetzt im nüchternen Zustand gerne noch mal genauer anschauen. Und so saß ich mit ihm in der Mensa und dachte: „Hm, er hat eine etwas dicke Unterlippe, er trägt eine Brille, ist doch recht klein und überhaupt, dies war einfach nur ein Spaß gewesen, nicht wahr?“
Das sah Mansur allerdings gar nicht so. Er hatte sich in mich verknallt. Er wollte mich natürlich nicht in Schwierigkeiten bringen, aber für ihn sei ich die Schönste auf der ganzen Welt. Das tat natürlich ziemlich gut, aber ich war verheiratet und fremdgehen, das war nicht mein Ding. Dachte ich. Aber ich hatte auch nicht mit Mansurs Werbung gerechnet. Er ließ wirklich nichts aus, was einer Frau gefällt. Ich fand regelmäßig keine Zettel an meinem Auto, er verfolgte mich in der Werkstatt nicht nur mit Blicken, er machte mir die schönsten Komplimente. Ich muss sagen, ich war dafür sehr empfänglich und als Michael dann endlich an einem Feiertag frei hatte und mit mir und Felix eine Radtour machte, dieser Tag mich in meinen negativen Gefühlen jedoch nur bestärkte, nahm ich Mansurs Einladung zu einem Sektfrühstück an.
Ich zog mir meinen kurzen Lederrock an und die schicken Stümpfe von der Hochzeit, ich gab Hund und Kind bei meiner Mutter ab und fuhr mit meinem tollen Auto, ein Honda Accord mit Schlafaugen, nach Duisburg. Und da geschah, was nicht aufzuhalten war. Ich landete mit Mansur im Bett und ich lernte das erste Mal eine echte Leidenschaft kennen. Ich fühlte mich einfach nur wunderbar. Ich hatte auch überhaupt kein schlechtes Gewissen. Dieses Erlebnis stand mir einfach zu. Ich hatte Michael oft genug gewarnt, jetzt war es passiert.

Als ich nachmittags wieder zu Hause war und Michael von der Arbeit kam, da fragte dieser mich: „Und wie war Dein Frühstück?“ Ich antwortete darauf: „Michael, es war zu schön.“ Damit war alles gesagt und Michael war zutiefst getroffen. Er wollte doch tatsächlich einen Stein in mein gerade fertiggestelltes Glashaus werfen. Wir hatten es unter meiner Führung in den Semesterferien aus alten Fenstern gebaut. Michael wäre zwar lieber stattdessen in Urlaub gefahren, doch ich sagte ihm, ein Urlaub verfliegt, das Häuschen aber bleibt. Und so hatten wir in mitten im Winter diesen Glasanbau an mein Gartenhäuschen gebaut. Jetzt wollte er es am Liebsten vor Wut zerstören, doch er beherrschte sich und haute stattdessen ab zu einem Freund, dem er sein Leid klagen konnte. Er blieb über Nacht und als er am nächsten Tag wieder kam, legte er sich immer noch verärgert und getroffen in die Badewanne und schmollte. Dafür hatte ich allerdings gar kein Verständnis und ich öffnete die Badezimmertür und hielt ihm eine Predigt. Michael begriff natürlich die Welt nicht mehr, denn seiner Meinung nach hatte er allen Grund dazu und nicht ich. Aber ich drehte den Spieß so um, dass ihm klar wurde, von Untreue wollte ich von ihm nichts hören. Ich erinnerte ihn an seine eigenen Schandtaten. Sie lagen zwar lang zurück, aber sie waren weit Schlimmer gewesen. Er hatte mich damals nicht nur mit gleich zwei Frauen betrogen, er hatte mich anschließend auch alleine in Südfrankreich zurück gelassen und war mit den Beiden ohne mich nach Hause gefahren. Ich hatte nach Hause trampen müssen und wirklich, das war schlimmer gewesen. Und trotzdem hatte ich ihm dies verziehen, da konnte ich jetzt durchaus verlangen, dass er mir auch verzieh.

Aber wahrscheinlich hätte dieses Verzeihen auch nicht mehr geholfen, denn nun war ich total verknallt in diesen Türken. Wir sahen uns in der Schule, aber natürlich, wir wollten unbedingt wenigstens einmal eine Nacht miteinander verbringen. Und so sorgte ich für eine heimliche Nacht, indem ich einen Tag früher als geplant von einer Reise nach Hamburg zurück kehrte und nicht nach Osterath, sondern nach Duisburg fuhr. Und da machte ich in Mansurs Armen mit ihm eine ganz besondere, sexuelle Erfahrung. Es war einfach so passiert, wir hatten Analsex. Es war für uns Beide das Erste Mal und wir waren begeistert. Wir waren uns ja so nah, wir verstanden uns sexuell so unglaublich gut. Es war wirklich total magisch, alles. Und Mansur konnte nicht genug von mir bekommen, er erklärte mich zu seiner Traumfrau und er machte mir eine absolut romantische Liebeserklärung. Ich konnte nicht anders, ich war total beglückt. Und ich wollte auf dieses Glück nicht mehr verzichten. Ich erklärte dies meinem nun wirklich sehr besorgten Ehemann. Doch führte dies nicht zu irgendwelchen Anstrengungen seinerseits. Vielleicht hoffte er, diese Anwandlung würde von selbst vergehen, aber natürlich tat sie das nicht. Und zu meinem dreißigsten Geburtstag war es Mansur, der mir dreißig, große, rote Rosen schenkte. Michael kam auch mit einem Strauss, doch der bestand aus vielen verschiedenen Blumen, nur keine roten Rosen waren dabei. Er sah den Rosenstrauß und ahnte wahrscheinlich, dass er gegen diese Blumen keine Chance hatte.
Wir mussten langsam wirklich ein ernstes Gespräch miteinander führen und so fuhren wir zusammen an den Kaarster See und hockten uns auf die Wiese und redeten. Ich versuchte ihm meine Sicht der Dinge zu erklären und ich hörte mir Seine an. An Trennung dachte ich nicht unbedingt, ich war durchaus bereit, weiter mit ihm zusammen zu sein, aber dann musste sich bei uns etwas im Bett ändern. Ich meinte, ich wolle unbedingt in Zukunft Analsex haben. Doch Michael dachte ja gar nicht daran. Für ihn kam so etwas nicht in Frage. Nun, und damit war es für mich entschieden, und für ihn auch. Er würde sich eine eigene, kleine Wohnung suchen. Zum Glück würde Felix die Sommerferien in Portugal mit seinen Großeltern verbringen, wir konnten also erst mal jeder seine eigenen Wege gehen.
Für mich war es klar, ich würde niemals mehr wieder wegen ihm auf einen Mann verzichten, den ich liebte. Und ich liebte Mansur, zumindest war ich über beide Ohren in ihn verliebt. Und endlich war es so richtig gegenseitig. Mansur und ich verbrachten in den nächsten Wochen fast den ganzen Tag im Bett. Abends gingen wir aus tanzen oder er stellte mich seinen Freunden vor. Wir wurden auf viele Partys eingeladen, wir kamen gar nicht mehr heraus aus unserem Liebesrausch.
Wir erzählten uns alles aus unserem Leben und natürlich erzählte ich ihm auch von meiner unerfüllten Liebe C.. Ich sagte ihm, dass er mich diesen Herzensbrecher vergessen ließ und so war es auch. Endlich wurde ich so geliebt, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Das ich damit meine Lebenssituation sehr einschneidend verändern würde, nun, davor hatte ich keine Angst. Ich wusste zwar, dass die Beziehung mit Mansur vielleicht nicht ewig halten würde, denn der Gute hatte sich zu einem Jahr Auslandsstudium in Spanien angemeldet, und wir würden uns bald schon für längere Zeit nicht sehen können, aber es war mir egal. Ich lebte im hier und jetzt und was danach kam, ich würde schon damit klar kommen. Der liebe Gott hatte mir endlich einen Mann geschickt, der mich leidenschaftlich liebte, und nur das war für mich wichtig. Diesmal wollte ich meinen Gefühlen folgen, denn noch eine nicht ausgelebte Liebe, das war einfach zuviel für mich.

 

Mansur

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Das ist der Mann, der mich in den kommenden Jahren glücklich machen sollte, denn endlich wurde ich so richtig geliebt. Ich hatte es intuitiv schon beim ersten Anblick gewusst, dieser Typ würde für mich sehr wichtig werden. Er war ja so ganz anders als mein Michel, in jeder Beziehung war er das absolute Gegenteil. Leider verschwand er jetzt erst mal nach Spanien und ich musste mit den Herausforderungen, die nun auf mich warteten, alleine klar kommen. Auf irgendwelche Unterstützung meines Umfeldes durfte ich nicht groß hoffen, denn natürlich war ich die allein Schuldige. Meine Freundin Brigitte und auch Annette verstanden zwar, dass ich mich von Michael trennen wollte, aber mit meinem Mansur kamen sie auch nicht klar. Und mein Vater war entsetzt. Ich weiß nicht, wer es ihm gesteckt hatte, aber nach dem er erfahren hatte, dass ich mich trennen wollte, da stand er sofort vor meiner Tür. „Was machst Du denn jetzt nur für eine Scheiße,“ war seine Begrüßung. Ich bot ihm einen Kaffee an, doch besänftigen ließ er sich nicht. Er war geschockt, denn nun tat ich genau das Selbe, was meine Mutter mit ihm gemacht hatte. Er verstand auch überhaupt nicht, dass ich nun, wo Michael doch endlich einen ordentlichen Job hatte, und gutes Geld verdiente, ich mich wieder an einen mittellosen Studenten hing. Und dann auch noch einen Türken! Mein Vater war kein Ausländerfeind, aber trotzdem, ausgerechnet ein Türke! Ich hatte meinen Vater selten so aufgebracht gesehen und ich wunderte mich auch etwas über sein Interesse an meinem Leben, denn bisher hatte er sich nur selten blicken lassen. Er wohnte zwar nicht weit weg, aber dennoch trennten uns Welten.
Damals, nach der Sache mit dem Übergriff, da hatte ich ihn 5 Jahre lang weder gehört noch gesehen. Irgendwann trafen wir uns zufällig und setzten uns zusammen an einen Tisch um zu reden. Er warf mir dort vor, dass ich geredet hatte, denn dies hätte ihm sehr große Schwierigkeiten bereitet. Dass ich vielleicht auch Probleme deswegen hatte, dafür reichte sein Einfühlungsvermögen nicht. Dennoch verzieh ich ihm, was sich als schwerer Fehler herausstellte, denn nun hatte er gar kein schlechtes Gewissen mehr. Seiner Meinung nach war diese Sache nur eine dumme Kleinigkeit gewesen, über die zumindest er locker am Osterfrühstückstisch reden könne. Ihm war in keiner Weise klar, welche schlimmen Auswirkungen diese „kleine Geschichte“ auf mich und mein Leben genommen hatte. Schuldig fühlte er sich jedenfalls nicht.
Egon allerdings verstand mich, denn er hatte Michael immer schon für ein Weichei gehalten. Meine Mutter machte sich natürlich Sorgen wie es jetzt weitergehen sollte und sie erzählte mir, dass sie es im Nachhinein sehr bereut hatte, unseren Vater wegen einer Bettgeschichte verlassen zu haben. Meine Patentante war auch alles andere als begeistert.
Ich machte auch was meinen Freundeskreis anging die Erfahrung, dass dieser zu Michael hielt und so verlor ich fast alle meine Freunde. Irgendwann schaute ich in mein Telefonnotizbuch und stellte fest, dass ich zu niemanden mehr Kontakt hatte. Aber das war mir erst mal egal. Größere Probleme hatte ich wegen Felix, denn der kam nun aus den Sommerferien und ich musste ihm die neue Lebenslage erklären. Er würde seinen Vater von nun an nur noch alle zwei Wochen am Wochenende sehen können. Mein Sohn hatte damit oberflächlich betrachtet kaum ein Problem, doch natürlich ist eine Trennung der Eltern für jedes Kind ein totaler Einbruch. Alle Kinder wollen sich liebende Eltern haben und sicherlich hoffte auch er, dass sich die Dinge wieder einrenken würden. Doch daran war nicht zu denken. Es lag nicht an mir, denn ich war, nachdem Mansur weg war, durchaus bereit, mich mit Michael wieder zu vertragen, ja, ich flehte ihn sogar unter Tränen an zurück zu kommen, dem Felix zu Liebe wenigstens, doch er wollte nicht mehr. Ihm gefiel das nun wieder ungebundene Leben sehr gut. Mich bestärkte dies in meinem Verdacht, dass er mich nie wirklich geliebt hatte.

Ich machte mir nun doch Sorgen, dass ich der ganzen Sache möglicherweise nicht gewachsen war und rief meine alte Therapeutin an. Ich war so mit 26/27 einige Zeit zu ihr gegangen, denn ich hatte irgendwie Probleme mit mir selbst bekommen. Ich konnte nicht mehr in den Spiegel schauen und auch nicht mehr alleine sein, denn dann ergriff mich eine unheimliche Panik. Wenn ich in der Wanne saß, dann musste Michael bei mir sitzen und wenn ich im Auto irgendwo hin fuhr, dann musste mindestens Bicu bei mir sein. Ich konnte mir dies nicht erklären und so hatte ich eine Psychotherapeutin aufgesucht. Als ich ihr am Telefon sagte, ich hätte eine sexuelle Missbrauchserfahrung hinter mir, bekam ich sogleich einen Termin. Doch während der Gesprächstherapie war der Missbrauch dann aber eigentlich kein großes Thema. Es gab schließlich noch genug andere Themen. Ob diese Gespräche halfen, oder diese unerklärliche Panik von selber weggegangen war, kann ich nicht sagen. Aber irgendwann konnte ich wieder in den Spiegel sehen und auch alleine sein.
Nun aber machte ich mir Sorgen wegen der Trennung und ihrer Folgen und so fragte ich wieder nach einem Termin. Meine alte Therapeutin nahm jedoch nur noch Privatpatienten und so verwies sie mich an ihre Kollegin. Als die das Stichwort „sexueller Missbrauch“ hörte, bekam ich wieder gleich einen Termin und auch die Krankenkasse bewilligte mir wieder eine Therapie. Doch auch diesmal sollte der Missbrauch meines Vaters kaum eine Rolle spielen, jetzt war meine Depression das Thema, denn da schlidderte ich nun hinein. Ich war ständig am heulen, alles war mir zuviel, ich entwickelte schreckliche Schuldgefühle und meine Sehnsucht nach Mansur wurde ungeheuer groß. Ich schrieb ihm jeden Tag lange Briefe, doch weil die Post so lahmarschig war, dauerte es oft 2 Wochen, bis ich eine Antwort bekam. Mansur wollte, dass ich zu ihm kam, es sei ja so wunderschön in Granada und er würde mir alle Tränen wegküssen. Ich machte also schnell einen Taxischein und begann an den Wochenenden Taxi zu fahren um das Geld für der Flug zusammen zu bekommen. Neun lange Wochen musste ich warten, dann endlich stand Mansur wieder leibhaftig vor mir.
Er holte mich am Flughafen ab und als ich ihn erblickte, da war ich irgendwie etwas enttäuscht. In meiner Fantasie war er zu einem Märchenprinzen geworden, größer, schöner. Aber ich schüttelte diese Gedanken ab und ließ mich feste umarmen und leidenschaftlich küssen. Endlich. Doch trotz allem Bemühen von seiner Seite, ich blieb depressiv. Mir liefen einfach ständig die Tränen. Ich blieb vier Wochen und eigentlich waren sie sicher sehr schön, doch ich konnte es nicht empfinden. Ich konnte nicht mehr lachen, nicht mehr tanzen, nicht mehr fröhlich sein. Mansur war betrübt und besorgt, aber er liebte mich trotzdem wie er mir immer wieder versicherte. Er versprach zu Weihnachten zu mir nach Deutschland zu kommen und ich hoffte, bis dahin wieder besser drauf zu sein.
Ich besuchte Mansur drei mal in dem Jahr, in dem er in Spanien war und er kam zu Weihnachten und Ostern für zwei Wochen, so brachten wir die Zeit hinter uns bis er endlich wieder ganz in Deutschland war. Da er keine Wohnung mehr hatte, zog er erst mal bei mir ein. Felix kannte ihn jetzt ja schon und ich hoffte, Beide würden gut miteinander klar kommen. Doch in diesem Punkt sollte ich enttäuscht werden. Mansur und Felix wurden keine Freunde, denn Felix fühlte sich nicht ausreichend beachtet und umworben, und Mansur war sowieso nur mit sich und seinem Kummer beschäftigt.
Mansur hatte nämlich am 2. Weihnachtsfeiertag den Schock seines Lebens bekommen und daran hatte er auch im Sommer 1996 noch zu knabbern. Er hatte seine Eltern und Brüder besuchen wollen, denn bei seiner Familie hatte er sich schon seit 9 Monaten nicht mehr blicken lassen. Er war mit seiner Mutter in einen heftigen Streit geraten, wegen mir. Seine Mutter hatte ihn nämlich mit einer schönen, jungen Frau aus der Türkei verloben wollen, doch er wollte davon partout nichts wissen und er weigerte sich. Er erklärte, er habe die Liebe seines Lebens schon gefunden und außerdem verbitte er sich diese Zwangsverheiraterei. Daraufhin kassierte er eine Ohrfeige von seiner Mutter, was besonders schlimm war. Er war so sauer auf seine Eltern gewesen, dass er sich nicht mehr bei ihnen gemeldet hatte und auch nach Spanien war er gefahren ohne eine Adresse zu hinterlassen. Als ich bei ihm in Spanien war, da rief er aber einen seiner Brüder an, doch der erzählte ihm nichts Außergewöhnliches. Man war wohl nur froh, dass er sich endlich gemeldet hatte und sie jetzt endlich wussten, wo er steckte. Man habe ihn schon suchen wollen, sagte sein Bruder.
Nun fuhr er also zu seinen Eltern und er wollte erst am nächsten Tag wieder zurück kehren. Doch er rief schon nach zwei Stunden an und meinte er würde sogleich zurück kommen. Ich fragte, was denn passiert sei und er meinte mit erstickender Stimme: „Meine Mutter ist tot, mein ältester Bruder und mein Onkel ebenso. Meine Cousine ist schwer verletzt. Es ist schon vor drei Monaten passiert. Man hat mich nicht erreichen können. Oh, Monica, ich fühle mich ja so elend.“

Und als er dann vor mir saß, da wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte. Wie soll man da trösten? Was sind Worte, die weiterhelfen? Mansur war nur noch am weinen. Seine Mutter war ihm heilig, sie war bisher die wichtigste Frau in seinem Leben gewesen. Trotz aller Liebe zu seinen vielen Freundinnen, aber seine Mutter war nun mal seine Mutter. Und jetzt war er noch nicht mal auf ihrer Beerdigung gewesen. Und auch der Tod des ältesten Bruders war schlimm, denn er war eine wichtige Persönlichkeit in der Familie gewesen, er war für alle die Brücke zur Türkei. Er lebte mit seiner Familie in Ankara. Für Mansur brach wirklich seine Welt zusammen und er wurde wie ich zuvor depressiv. Mir ging es zum Glück wieder etwas besser und auch Mansur berappelte sich mit der Zeit so, dass wir zum Abschluss seiner Spanienzeit zusammen in Marokko Urlaub machen konnten. Er kannte Marokko gut und im Mai war es dort wahrlich wunderschön. Und so erlebte ich eine sehr schöne Reise bis an den Rand der Sahara.

Ich könnte viel über dieses Jahr und meine Reisen schreiben, es ergäbe fast ein eigenes Buch. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch über diese Zeit, denn hier änderte sich mein Leben mal wieder sehr. Ich hatte keinen Ehemann mehr, ich war nun alleinerziehend. Ich fuhr Taxi und ließ mein Studium etwas schleifen, denn eigentlich wollte ich immer nur nach Spanien. Ich kämpfte mich aus einer Depression und ertrug die ständige Sehnsucht. Finanziell ging es mir relativ gut, denn Michael überwies mir 2000DM und mit dem zusätzlichen Taxigeld kam ich ganz gut hin. Doch so sollte es nicht bleiben. Aber erst mal war alles ganz gut geregelt und als Mansur dann endlich wieder bei mir war und wir jeden Tag das Bett teilen konnten, da war ich einigermaßen zufrieden. Wenn Mansur nur immer noch ein Held gewesen wäre. Doch von seinem einstigen überbordenden Selbstbewusstsein war nicht viel übrig. Geld hatte er auch nicht, denn es war nicht so einfach nach einem Jahr Abwesenheit Aufträge zu bekommen. Er hatte sich zuvor sein Geld immer mit Schreinerauftragsarbeiten finanziert, denn er war gelernter Tischler. Aber irgendwie hatte er jetzt kein Glück dabei.
Michael schnallte das und sah nicht ein, für seinen Nebenbuhler aufzukommen und er kürzte mir daher den Unterhalt. Verständlich.
Doch das wenige Geld war nicht mein Problem, es war Mansurs große Anhänglichkeit. Seit dem Tod seiner Mutter projizierte er nun viel auf mich. Doch ich sah vor allen Dingen meinen Sohn, der mit Mansur immer weniger klar kam. Und so forderte ich Mansur ein halbes Jahr später auf, sich doch bitte eine eigene Wohnung zu suchen. Das würde uns Dreien sicher gut tun.

Ich hatte nun die ersten vier Semester Studium hinter mir und wollte mein Hauptstudium beginnen, doch was sollte ich tun? Was sollte mein Thema werden? Nun, und da schlug mein Schicksal wieder zu und ich lernte Herrn Teller kennen. Auch diese Teller-Geschichte ist ein eigenes Buch wert, denn hier machte ich meine ersten wichtigen Erfahrungen als Designerin. Ich lernte Herrn Teller als Fahrgast im Taxi kennen. Er fragte mich, was ich denn neben dem Taxi täte, ich sähe nicht so aus, als sei dies mein einziges Betätigungsfeld. Ich erzählte ihm, ich sei Objektdesignstudentin und natürlich wollte er wissen, was das denn überhaupt sei, Objekt-Design. Ich erklärte ihm, dies sei Design für alles was dreidimensional ist, irgendwo zwischen Architektur und Industriedesign. Da meinte er, er hätte vielleicht einen Auftrag für mich, ich solle mich doch mal bei ihm melden. Er gab mir seine Visitenkarte und versicherte mir, er meine es wirklich ernst.
Und so kam ich zu einem wahnsinnigen Auftrag. Zu Beginn sollte es nur um einen Entwurf für ein Musical-Theater -Foyer gehen, dann um ein ganzes Theater und ein Modell. Dann wurde der Auftrag erweitert und ich sollte ein ganzes Freizeit- und Erlebniszentrum entwerfen. Das wollte und konnte ich nicht alleine bewältigen und so überredete ich Mansur mir dabei zu helfen. Er hatte Bauchschmerzen bei diesem Auftrag, aber aus Liebe zu mir sagte er Ja und so baute er mir die Modelle. Ich stand hingegen die nächsten Wochen am großen Zeichenbrett und entwarf wie in einem Rausch. Ich hatte noch nie so große Räume entworfen, ein Musical für 2000 Personen, was für eine Herausforderung! Das Erlebniszentrum sollte in Erding, in Bayern, gebaut werden und in dem Theater sollte das Musical „Quasimodo“ aufgeführt werden. Ich kann nur sagen, diese Aufgabe füllte mich wirklich völlig aus, ja ich liebte es. Ich ging ganz darin auf und Herr Teller war total begeistert von mir und er versprach mir eine rosige Zukunft bei ihm. Herr Teller hatte zwar noch nie so ein großes Projekt verwirklicht, aber wir träumten alle. Der Musical-Komponist, die potentiellen Geldgeber, die Stadt Erding, meine Professoren und ich. Nur Mansur war und blieb diesem Teller gegenüber skeptisch und dies beruhte wohl auch auf Gegenseitigkeit. Und Mansur sollte Recht behalten.

Nachdem unser Modell fertig war, sollten wir in der kleinen Firma des Herrn Teller an dem Konzept weiterarbeiten und uns wurde eine sehr gute Bezahlung in Aussicht gestellt. Für ansprechende Fotos von dem Modell und die Pläne bekamen wir schon mal 5000DM und eine Reise ins verschneite Innsbruck geschenkt. Dort fuhren wir nach Weihnachten mit Felix für eine gute Woche hin. Wir trafen uns dort mit Herrn Teller, denn er wollte uns seine neue Fabrik zeigen. Das Unternehmen stellte einen besonderen Baustoff her. Es handelte sich um eine Art Spanplatten aus Zement, wenn ich es noch richtig in Erinnerung habe. Das Zeug war hervorragend zu verarbeiten und hatte gute Baueigenschaften. Damit sollte das Freizeit- und Erlebniszentrum gebaut werden. Silvester feierten wir zusammen an der Hotelbar und wir tranken Brüderschaft. Jetzt war Herr Teller Peter für uns. Ich verstand mich mit diesem Mann hervorragend, er war genauso begeisterungsfähig wie ich. Mit ihm zusammen sprudelten nur so die Ideen und Einfälle. Er war für mich sehr inspirierend. Aber er war wohl auch ein Schlitzohr, jedenfalls, als Mansur und ich endlich Geld sehen wollten, da wich er immer wieder geschickt aus und dann, bei der ersten Gelegenheit kündigte er uns. Wir kamen nicht mehr an unser Modell heran und überhaupt. Wir mussten tatsächlich unser Model herausklagen und auch wegen des ausstehenden Honorars mussten wir vor Gericht ziehen. Ich fiel wirklich aus recht großer Höhe in den Keller. Was war das denn jetzt schon wieder für eine Erfahrung? Ich drehte fast durch, denn ich verstand nicht, wieso Peter das ganze Projekt einfach so fallen lassen konnte. Ich versuchte ihn immer wieder telefonisch zu erreichen, ich redete im Geiste unablässig auf ihn ein. Als ich ihn dann nach zwei Wochen endlich an der Strippe hatte, da saß er gerade irgendwo in Österreich an einer Hotelbar. Ich fragte ihn, wie er so etwas nur machen könne und er antwortete mir: „Jetzt weißt Du, dass Du nur Dir selbst vertrauen kannst.“
Oh, je, wer hatte denn um diese Erkenntnis gebeten? Aber immerhin, nach dem Gespräch hörte das mit den inneren Diskussionen auf. Ich konnte wieder nachdenken und ich entschied: „Ich baue noch ein Modell vom Musical, diesmal 1:100. Wer kann mir denn verbieten, an diesem Projekt dran zu bleiben? Ich mache das Musical zu meiner Arbeit des Hauptstudiums!“ Und obwohl Mansur am Liebsten nichts mehr von dem Musical gehört hätte, er erklärte sich bereit mir dieses nun sehr große und komplizierte Modell zu bauen. Er brauchte auch eine Abschlussarbeit und mit diesem Projekt konnte auch er viele Scheine machen. Das Projekt war so groß, es reichte bei mir für das ganze Hauptstudium. Denn nun ging es an die Details, die Farbgestaltung, die Formgestaltung, Fotografie und einige Fächer mehr. Mansur baute 5 Monate an dem Modell und ich war mit den Zeichnungen und dem schriftlichen Konzept gut beschäftigt. Herr Killinger, der Musicalkomponist, war auch von Peterr enttäuscht worden, aber er freute sich, dass wir das Musical weiterentwickelten. Es sollte eine modern-gotische Anmutung haben. Die Säulen waren das entscheidende Gestaltungsmerkmal. Ja, das ganze Vorderhaus erinnerte nicht nur an eine Kathedrale, die Statik war auch sehr ausgeklügelt. Eine Arena für 2000 Personen trägerfrei zu überdachen, das war schon eine Herausforderung und ich bin auch heute noch stolz auf diesen Entwurf. Ja, ich denke, mein Musical-Theater ist wirklich wunderschön geworden.

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Was sagen Sie zu diesem Bild? Sieht diese Fassade nicht wirklich toll aus? Also ich kann nur sagen, für mich war dieses Projekt eine sehr wichtige Erfahrung. Hier war ein Talent in mir wach geworden. Ich hatte schon als Jugendliche viel Zeit damit verbracht mir große Funktionsgebäude auszudenken. Am Liebsten richtete ich im Geiste ganze Krankenhäuser neu ein, denn ich fand, bei denen konnte man viel besser machen. Und auch bei dem Musical und den weiteren Gebäuden war wirklich alles eingeplant, nicht eine einzige Toilette fehlte. Die Frage zu beantworten, wie ein 4-Sterne-Hotel, eine Jugendherberge, ein Kinderhaus und ein Freizeit-Schwimmbad und eine römische Sauna-Landschaft aussehen musste, die hatte ich gerne beantwortet. Zur Prüfung bauten wir alles in der großen Schedhalle der Keramiker auf. An die Wände hing ich meine Grundrisse sowie Außen- und Innenansichten und die wirklich tollen Fotos. Die Prüfung selbst war für mich ein Kinderspiel. Nur Mansur gab keine so gute Vorstellung. Ihm war dieses ganze Projekt ein Greul und nach der anschließenden Feier packte er alles zusammen, stellte es bei mir auf den Speicher, und wollte nie wieder davon hören.

Jetzt ging es an die Diplomarbeit. Mansur fand ein Softwareunternehmen, dass sich einen individuellen Messestand von ihm wünschte und ich, nun, ich suchte nach einer eigenen Aufgabe. Es sollte auf jeden Fall etwas Kleineres sein. Mein Thema fand sich an einem Sonntagnachmittag vor dem Fernseher. Ich sah einen älteren Kostümfilm über eine russische Zarin und die lag mit ihrem geliebten Offizier auf einem großen Heukissen mit wunderschönen Decken und Kissen darauf. Das brachte mich auf eine Idee. Ich ging ans Zeichenbrett und entwarf eine ganze Möbel-Reihe. Daraus wurde „Eine Entwurfsreihe zu einem Sitzmöbel“, meine Diplomarbeit.

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Das gebe Objekt war das „Heukissen“, ich nannte es Big Mama. Es bestand wie alle Objekte aus PUR-Schaumstoff. Ich hatte dazu Gießformen anfertigen müssen. Doch aus einer Form konnte ich so ganz viele Objekte herstellen. Diese überklebte ich dann mit flexiblem Stoff. Dann noch eine Zierkante aus Aluminium und schon waren die Objekte fertig. Wenn man sich mit den Details dieser Arbeit beschäftigt, dann muss man sagen, ich habe meine Eins nicht ohne Grund bekommen. Meine Professoren waren jedenfalls begeistert und sie wünschten mir sehr, das ich für diese Arbeit einen richtig guten Designmöbelhersteller finden würde. Allerdings befürchteten Beide, dass es in Deutschland sicher schwer würde, ich müsste wohl nach Italien damit.
Mansurs Messestand wurde auch total schön. Er hatte wirklich ein Händchen für die gute Form und die richtige Farbe. Sein Stand war ganz sicher kein Wegwerf-Stand und die Softwarefirma war sehr zufrieden. Mit diesem Stand würden sie die nächsten Jahre up to day sein. Wir bekamen unsere Diplomurkunden im Januar 1999 und wir waren glücklich. Endlich hatte ich eine abgeschlossene Ausbildung! Mansur und ich waren nun bereit Karriere zu machen. Nur wo? Bei wem sollten wir uns beweben? Für was?

Mein Michael stellte nun endgültig seine Zahlungen ein und er wollte auch endlich die Scheidung. Er hatte eine neue Partnerin gefunden, die zwei Söhne hatte. Sie wollten heiraten. Nun, ich hatte nichts dagegen und so suchte ich mir eine Anwältin, denn dass was Michael mit mir nun abmachen wollte, das passte mir gar nicht. Ich hatte schließlich noch keinen Job und irgendwie musste ich ja Felix ernähren. Ich ging zum Sozialamt und dort half man mir glücklicher Weise aus der Klemme. Ich fertigte Flyer an, mit denen ich mich einfach mal so überall bewarb. Ich versuchte es bei den Messebauern der Umgebung und tatsächlich, ich fand schnell einen festen Job bei einem größeren Unternehmen. Das Gehalt war nicht riesig, aber immerhin, ich verdiente jetzt mein eigenes Geld. Doch leider war der Job scheiße, mit Design hatte er nur wenig zutun. Es ging mehr um Kundenaquise, kalte Kundenaquise! Nun ja, ich lernte jetzt zumindest wie so ein Kundenkontakt hergestellt wurde und wie man professionelle Kundengespräche führte. Aber von meinen Kollegen wurde ich erst mal gemobbt und auch mit dem Geschäftführer kam ich nicht besonders gut klar. Als man mir dann nach 4 Monaten kündigte, da war ich richtig erleichtert. Nein, so etwas war nichts für mich. Auch Mansur kam nicht richtig voran und so taten wir uns zusammen und versuchten es gemeinsam im Messegeschäft. Doch das gestaltete sich nicht sehr erfolgreich und irgendwann gab Mansur auf und er nahm eine feste Stelle bei einer Werbeagentur an. Es war eine sehr gute Stelle, denn er sollte zusammen mit dem Chefdesigner die Innenausstattung von Museen entwickeln. Das Gehalt war in Ordnung und die Herausforderung groß. Doch was war mit mir? Nun, Mansur vergaß mich nicht und verschaffte mir einen Präsentationstermin bei seinem Chef und tatsächlich, ich bekam einen schon am nächsten Tag einen Auftrag. Es handelte sich um einen riesigen Gemeinschaftsmessestand der Dortmunder Energie und Wasser GmbH. Er sollte einen großen Klettergarten beherbergen, der Rest darunter sollte noch entworfen werden.

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Ich sagte natürlich begeistert Ja. Und das Geld war super, denn ich bekam 50DM die Stunde. Klar eigentlich ist das wenig, aber da ich sehr viele Stunden machen konnte, weil ich mich auch um die Umsetzung kümmern sollte, sah es auf meinem Konto richtig gut aus. Ich stürzte mich mit großem Engagement in die Arbeit und die Agentur war so zufrieden mit mir, dass sie mir Folgeaufträge gab. Ich war mit meiner Situation sehr zufrieden, denn ich konnte viel von zu Hause aus arbeiten, ich lernte sehr nette und interessante Menschen kennen, ja ich war bester Laune. Von meiner ersten Überweisung fuhr ich erst mal mit meinem Sohn und meiner Nachbarin in die Stadt und wir erfüllten uns einige Wünsche. Soviel Geld hatte ich noch nie gehabt und es war ein tolles Gefühl. Endlich war ich finanziell sorgenfrei.
Mansurs Stimmung war allerdings gar nicht gut. Er litt in seiner festen Stelle, denn er kam im Gegensatz zu mir mit seinem Chef nicht so gut klar. Mich nervte seine ständige Jammerei und ich ließ mich auf eine emotionale Geschichte mit einem der Messebauer ein. Ich verliebte mich in ihn, weil er mir so wunderbar half meine Entwürfe zu realisieren. Die Zusammenarbeit war wirklich super. Mansur machte das ungeheuer eifersüchtig und wir hatten ständige Diskussionen. Ich wurde immer ärgerlicher ob seines Theaters und irgendwann ging ich zwar nicht mit dem geliebten Messebauer ins Bett, aber dafür mit dessen Kumpel. Mein Messebauer war nun mal verheiratet. In bestehende Beziehungen griff ich grundsätzlich nicht ein.
Jedenfalls, mir ging es sehr gut. Ich kleidete mich ziemlich schick, ich ging zum Frisör, ich investierte in mein Arbeitszimmer und ich hoffte, so würde es immer weiter gehen. Aber der liebe Gott hatte etwas anderes mit mir vor und so schlug er mir mit einem Mal eine Tür nach der anderen zu. Ich hatte IHM diese Gelegenheit verschafft, weil ich das feste, gutbezahlte Anstellungsverhältnis, dass mir die Agentur angeboten hatte, ausgeschlagen hatte. Das Angebot hatte nämlich einen Haken. Ich sollte dafür nach Dortmund ziehen. Doch das konnte ich meinem pupertierenden Sohn nicht zumuten. Ich hoffte, es würde auch so weitere Aufträge zu diesen guten Konditionen geben. Doch ich war der Agentur auf Dauer zu teuer und so kam es, dass ich ein Jahr später wieder auf Auftragssuche war.

Von Mansur trennte ich mich auch. Unsere Beziehung hatte sich mittlerweile zu einer reinen Bettgeschichte entwickelt. Wir taten nichts mehr miteinander außer, dass wir die Wochenenden bekifft im Bett verbrachten. Mir war das zu wenig und meine Gefühle waren durch die ständigen Diskussionen ziemlich abgekühlt. Es war nicht leicht, dies Mansur beizubringen. Er war süchtig nach mir, sexsüchtig. Doch ich hatte die Nase voll von Sex. Er kam mir auf einmal an den Ohren wieder heraus. Wiedereinmal bewahrheitete sich eine meiner Weisheiten. Eine Beziehung endet oft genau aus dem Grund, warum sie einst begann. In unserem Fall war es der Sex. Bei Michael hatten mich genau die Eigenschaften irgendwann genervt, die ich zuvor geliebt hatte. Ja und bei C.? Wir waren für das Erste Mal zusammengekommen, ich hätte daraus gerne etwas richtig Großes gemacht, doch das Schicksal hatte dies nicht vorgesehen. Trotz meines magischen Liebesschwures. Unsere Beziehung war eine Seifenblase, die schnell zerplatzt war. Also, ganz ehrlich, ich hatte von Beziehungen jetzt erst mal die Nase voll.

Magic Bombini

 

Der Bankrott kam nicht von heute auf morgen, es war vielmehr ein ziemlich zäher Kampf, der mich sehr viel Kraft kostete. Ich arbeitete an sechs verschiedenen Projekten und ich hoffte, dass wenigstens eines sich am Ende auszahlen würde. Ich vertraute dabei nicht nur auf die Qualität meiner Konzepte und das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Ich fuhr sogar nach Paris und ging in die Notre Dame, um mir dort einen Rosenkranz zu kaufen. Ihn hängte ich mir um den Hals und ich betete zur Muttergottes, dass sie mir helfen möge. Ich brauchte endlich einen richtig guten Auftrag. Ich dachte dabei an Messestände oder die Einrichtung eines edlen Bekleidungsgeschäftes. Ich stellte mich auch an mein Zeichenbrett und entwickelte das Konzept „Das Paradies für Frauen“. Auch hoffte ich auf das Interesse eines bestimmten Unternehmens an meinen „Fernseher mit Computereigenschaften“. Dann war da noch der Entwurf für einen neuartigen Klappstuhlmechanismus. Doch der liebe Gott hatte andere Pläne und ließ alle Projekte scheitern. Jedes aus einem anderen Grund. Dieses ständige Hoffen, Bangen und Scheitern war für mich sehr belastend, denn das Geld ging nicht nur zur Neige, nein, ich hatte mittlerweile ziemliche Schulden gemacht.
Trotz aller Mühe, es kam der Tag, da ging es einfach nicht mehr weiter und ich ging wiedereinmal zum Sozialamt, schließlich musste ich irgendwie meinen Sohn satt kriegen und die Miete zahlen. Ich kann Ihnen sagen, diese Zeit war wirklich ein ziemlicher Horror. Ich hatte permanente Kopfschmerzen und ich konnte nicht mehr schlafen, denn ich kämpfte mit großen Existenzängsten. Erst als ich alles aufgab und mich in die soziale Hängematte legte kam so etwas wie Frieden in mein Leben. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr auf die Designerei und ich schloss das Kapitel für mich zumindest erst mal ab. Ein Freund hatte mich kurz vor meinem endgültigen Bankrott gefragt: „Was würdest Du machen wollen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?“ Ich antwortete darauf sehr spontan: „Ich würde Bücher schreiben.“ Ich hatte immer gedacht, wenn ich endlich ein finanzielles Polster erarbeitet haben würde, dann würde ich mich der Schreiberei zuwenden. Jetzt hatte ich zwar stattdessen einen Haufen Schulden auf der Bank, aber ich hatte einen Computer und viel Zeit. Warum sollte ich also nicht das tun, was ich wirklich wollte?

Zuerst hatte ich befürchtet, ich würde nun wieder in eine tiefe Depression versinken, doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, ich fühlte mich total befreit und ich konnte mich sehr gut auf völlig neue Themen konzentrieren. Ich interessierte mich plötzlich sehr für Magie. Die Physik der Magie. Ich hatte mir schon ein Jahr zuvor mehrere Bücher zu diesem Themenkomplex gekauft und nun las ich sie alle auf einmal. Ich saß im Bett und machte mir sehr viele Notizen, ja, ich begann eine regelrechte Forschung. Ein wichtiges Buch für mich war „Das elegante Universum“ von Brian Green. Darin wurden die wissenschaftlichen Grundlagen der Stringtheorie vermittelt und ich bedauerte nun doch sehr, dass ich in Physik nicht besser aufgepasst hatte. Aber ich interessierte mich auch für Religion und Philosophie. Ja, mich beschäftigte die ganz große Frage des Lebens: „Was ist der Sinn des Lebens?“ War das alles nicht viel interessanter und wichtiger als Messestände?
Ich wurde also nicht depressiv, zum Glück, allerdings hatte ich jetzt wieder ein altes Problem am Hals. Ich war wieder total liebeskrank. Es geschah ganz plötzlich, irgendwann kurz nach meinem Bankrott. Ich saß in meinem Bett und legte mir die Skatkarten. Ich hatte es mir ein halbes Jahr zuvor von meiner Großmutter zeigen lassen. Eigentlich wollte ich sie nur etwas entlasten, denn meine Freundinnen wollten sie immer besuchen, damit meine Großmutter für sie in die Karten schaute. Doch die war nicht mehr die Jüngste und es strengte sie zunehmend an. Also hatte ich es mir zeigen lassen und regelmäßig und fleißig geübt. Ich hatte mir Literatur besorgt und mich auch in die Deutung von Tarotkarten, Runensteine und dem I-Ging eingearbeitet. Aber am Liebsten legte ich die Skatkarten und so auch an diesem Tag im Bett. Doch als ich die Karten auslegte und mich darüber beugte, da schaute ich auf ein ganz außergewöhnliches Kartenbild und dann ging es auch schon los.
Die Hexen schrieen mich wieder an. Sie lachten mich aus, sie tobten in meinem Kopf. Und dann kehrte das altbekannte Sehnsuchtsgefühl zurück. Ich brach in Tränen aus. Nicht schon wieder! Aber es war nichts zu machen, die Liebe erfasste mich und ich sehnte mich heftiger denn je nach meinem Herzensbrecher. Ich sah die Karten und sie versprachen mir wie zum Hohn die ganz, ganz, große Liebe. Herzdame und Herzkönig lagen ganz zentral und nebeneinander vereint, um sie verteilten sich die höchsten Glückskarten und die Karte für die Beziehung. Es war wirklich ein ganz besonderes Kartenbild, doch ich ahnte, darauf würde ich noch ewig warten müssen. Mit meiner inneren Ruhe war es danach natürlich vorbei, denn nun sah ich C. wieder hinter jeder Ecke auftauchen. Ich kannte das schon und ich wusste, all dieses Sehnen war völlig umsonst. Aber die Gefühle ließen sich nicht wegschieben. Ich hatte es in einem heiligen Moment versprochen und ich wurde ganz offensichtlich gezwungen, dieses Versprechen zu halten. Ich liebte diesen Mann. Ach, hätte ich es doch nur nie getan!

Irgendwann im Spätsommer 2002 war ich soweit und ich setzte mich an den Schreibtisch und ich begann mein erstes Buch zu schreiben. Ich gab ihm den Titel „Die Schwarzen Steine“. Es sollte am Ende 1200 Seiten dick werden. Ich schrieb jeden Tag 9 Monate lang daran und ich kann sagen, dieses Buch sollte mein Leben ganz entscheidend verändern. Es war kein Sachbuch und auch kein Roman. Es war vielmehr eine Dokumentation meiner Innenwelt. Denn, nachdem ich all die vielen Bücher studiert hatte, war mein Kopf so voll und mein Weltbild dermaßen umgekrempelt, dass ich gar nicht wusste, wie ich meine Erkenntnisse zu Papier bringen sollte. Da erinnerte ich mich an eine besondere Erfahrung, die ich ein Jahr zuvor gemacht hatte. Mein damaliger Unternehmensberater hatte mir vorgeschlagen mit ihm eine geführte Innenweltreise zu machen. Zunächst war ich sehr skeptisch, doch ich ließ mich überreden und legte mich bei ihm auf das Sofa. Mir wurden die Augen verbunden und ein Text vorgelesen. Dieser Text forderte mich auf, in der Vorstellung eine Tür zu öffnen und eine dahinter befindliche Treppe hinunter zu gehen. Ich kam in einen leeren Keller, in dem ich nur ein paar vergammelte Kartoffeln erblickte. Ich wurde aufgefordert nach einem Ausgang zu suchen und tatsächlich, plötzlich stand ich in einem sonnenbeschienenen Innenhof. Ich fand dort einen großen, leeren Koffer und einen alten Schlüssel. Damit begab ich mich dann auf eine sehr interessante Reise, die ich an anderer Stelle schon mal ausführlich beschrieben habe. Als ich später meinen Freundinnen Natschi und Barbara die gleichzeitig aufgenommene Kassette vorspielte, da meinten die, diese Innenweltreise sei so wertvoll wie ein Jahr intensive Therapie. Das Besondere an dieser Reise waren die spontan auftauchenden inneren Bilder, denn sie ließen sich hervorragend analysieren und interpretieren.

Als ich nun vor meinem Computer saß, da dachte ich: „Warum versuche ich nicht selbst, mich in diesen Trancezustand zu bringen und ich schreibe auf, was ich jetzt nach all dieser Lektüre in meinem Innern sehe?“ Ein gutes Hilfsmittel war dabei ein ordentlicher Joint. Ich schloss also die Augen und schaute in mein Innerstes und tatsächlich, es kamen Bilder zu mir nach oben und ich tippte alles was ich sah in den Rechner. Das klappte erstaunlicher Weise sehr gut und so verbrachte ich nun den ganzen Tag kiffend und schreibend. Ein schlechtes Gewissen, dass ich mich nicht intensiv um einen Job kümmerte, hatte ich nicht. Ich war der Meinung, ich könne mit meinem Buch der  Gesellschaft viel mehr zurück geben, wie als Designerin. Denn, mein Buch hatte eine ganz große Botschaft, eine Botschaft, die das Leben der gesamten Menschheit zum Positiven hin verändern konnte. Ich hatte nämlich bei meinen Studien eine wichtige Entdeckung gemacht. Ich gab dieser Entdeckung den Namen Bombini, „magic bombini“.
Bei diesem Bombini handelte es sich erst mal nur um ein ferngesteuertes Spielzeug.

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Ich stellte es mir vor wie mein Sitzmöbel-Modell „UFO“, nur, dass das Bombini an der Stelle der Kuhle eine Kuppel haben sollte. Es sollte äußerlich auch aus PUR-Schaum bestehen, allerdings in seinem Innern würde sich eine Sensation befinden, denn darin wollte ich einen asymmetrischen Zweiplattenkondensator verstecken, der unter Hochspannung gesetzt werden sollte. Und wenn ich dem Physiker Thomas Townsend Braun und meinen Erinnerungen an mein physikalisches Praktikum während des Biologiestudiums glauben konnte, dann müsste mein Bombini unter Hochspannung gesetzt abheben und durch den Raum fliegen können wie man es von einem UFO erwarten konnte. Ich hielt dieses Spielzeug für absolut genial, denn damit würde ich nicht nur auf einer Spielzeug-Messe den Vogel abschießen. Dieses Spielzeug würde den verachteten Thomas Townsend Braun rehabilitieren und das großartige Zeitalter der Nutzung der Vakuumenergie einläuten. Mit der Bombini-Technologie würden Autos, Züge, Schiffe angetrieben werden können, ja, man konnte damit den Energiebedarf der ganzen Welt decken. Denn Vakuumenergie gab es schließlich überall. Die Ölkonzerne würden wie die schrecklichen Dinosaurier einfach aussterben und die Engel würden Recht behalten.

Die Engel waren bei mir im Herbst 2002 aufgetaucht, doch zuvor sollte ich noch ein anderes sehr bewegendes Erlebnis haben. Ich lag auf meinem Sofa und wollte ein nachmittägliches Nickerchen machen. Ich schloss die Augen, doch kurz bevor ich gerade einschlafen wollte, da spürte ich plötzlich eine Kraft an mir ziehen. Sie war so stark, dass mein Ich aus meinem Körper gezogen wurde. Ich war ziemlich erstaunt und konnte nichts dagegen tun. Die Kraft zog mich in den Himmel und als ich zu Stehen kam, da befand ich mich auf der Höhe des Mondes. Unter mir drehte sich die Erde und ich fand sie wunderschön. Doch als ich genauer hinsah, da erkannte ich dunkle Schatten, die nach dieser wunderschönen, blauen Perle griffen. Ich hatte jedoch keine Zeit darüber nachzudenken, denn wieder zog eine starke Kraft an mir und ich wurde tief ins Universum gezogen. Ich versuchte die Erde in dem Meer der Sterne im Blick zu behalten, doch es war aussichtslos, ich wurde immer weiter weg gezogen. Ich staunte über die Größe und Schönheit des Universums, das an mir rasendschnell vorbeizog.
Plötzlich ließ die Kraft nach und ich kam zu stehen. Es waren nur wenige Sterne sichtbar, doch als ich mich umdrehte, da erschrak ich zutiefst, denn vor mir erkannte ich eine unendlich große Gestalt aus Licht. Ich ging auf die Knie und bedeckte mein Gesicht mit meinen Händen. Eine tiefe Ehrfurcht ließ mich erzittern. Das konnte nur Gott selbst sein! Ich befand mich am Rande des Universums auf seiner ausgestreckten Hand. Ich weiß nicht wie, wahrscheinlich war es Telepathie, aber ich hörte diese unglaubliche Gestalt mit mir reden. Sie sprach über die dunklen Schatten, die nach der Erde griffen und ich wurde aufgefordert, daran etwas zu ändern, sonst würde Gott die Erde von seinem strahlenden Mantel hinwegschnippen in die ewige Dunkelheit. Diese Gestalt versprach mir, mir dabei zu helfen. Und dann wurde ich unversehens auf meinem Sofa wach. Was war das denn gewesen? Das war doch kein Traum? Bei einem Traum wusste man immer gleich, dass es ein Traum gewesen war, egal wie schrecklich oder schön er gewesen war. Aber dieses Erlebnis war etwas anderes gewesen. Es war sehr real. Sie können sich sicher vorstellen, dass ich danach ziemlich irritiert war und ich fragte mich, warum Gott ausgerechnet mich zur Weltrettung aufforderte. Ich war doch völlig macht – und mittellos. Ich war nichts anderes als eine gescheiterte, arbeitslose Designerin.

Ein paar Tage später, ich hatte wiedereinmal nachmittags ein Stündchen geschlafen, da wurde ich wach und erblickte einen Mann an meinem Schreibtisch sitzen. Er trug einen schwarzen Anzug und sah sehr gut aus. Mein Unterbewusstsein erkannte ihn wohl, denn ich fragte ziemlich verärgert: „Was willst Du denn hier?“
„Nun, ich wollte mir Deine Fortschritte bei der Rettung der Welt anschauen,“ sagte der Mann und wühlte in meinen Unterlagen.
„Oh ja, schau Dich nur auf meinem Schreibtisch um, da kannst Du sehen, ich habe wirklich alles versucht. Aber niemand interessiert sich für meine Entwürfe.“
Ich ging zu ihm, doch als ich direkt neben ihm stand, da ergriff mich ein heftiges Gefühl und ich warf mich auf die Knie und ein „Ich liebe Dich“ kam aus mir heraus. Da lachte der Typ und löste sich in Luft auf. Ich stand auf und als ich mich umdrehte, da saßen dort zwei Frauen auf meinem Sofa. Eine war etwas älter und die andere noch jung. Sie erinnerten mich an Zeugen Jehowas und sie schienen auf Kaffee und Kuchen zu warten. Ich setzte mich zu ihnen und wir unterhielten uns über meine Lebensaufgabe. Doch ich schüttelte mit dem Kopf und meinte, ich hätte doch gar keine Chance. Plötzlich befanden wir uns bei der Tankstelle unseres Ortes und ich zeigte auf die Zapfsäulen und sagte zu den beiden Frauen: „Da seht ihr die wahre Macht auf der Erde. Dagegen bin ich absolut machtlos.“ Doch die beiden Frauen schüttelten mit dem Kopf und erklärten mir: „Du trägst die Lösung schon in Dir. Gib nicht auf, Du wirst es schaffen.“ Und dann drehten sie sich um und verschwanden in Richtung Autobahn und ich befand mich plötzlich wieder in meinem Wohnzimmer.

Sollte ich mit meinem Bombini vielleicht wirklich die Lösung gefunden haben? Nur, wie brachte ich dieses Fluggerät in die Realität? Ich hatte doch gar keine Ahnung von Physik. Die war jetzt aber wirklich notwendig. Ich setzte mich nach diesen Erlebnissen mit neuer Kraft an mein Buch und suchte in meiner Innenwelt nach einer Lösung.
Ich empfehle Ihnen „Die Schwarzen Steine“, darin werden Sie nachvollziehen können, wie aus einer verzweifelten, arbeitslosen Designerin eine Königin wird, die ziemlich genau wusste, was sie zu tun hatte. Ja, wirklich, dieses Buch hat mich verändert, es hat mich erst mal sehr stark gemacht. Es war Anfang 2003 und war ich sicher, ich konnte es schaffen. Ich, die arbeitslose Designerin würde einmal die Welt verändern, ich würde sie davor bewahren, vom lieben Gott in die Dunkelheit geschnippt zu werden.

 

Heiko

 

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Diesen Mann traf ich, als ich mit meinem Buch in den letzten Zügen war. Wir kannten uns noch vom Gymnasium und wir waren ziemlich erstaunt, als wir feststellten, dass wir seit Jahren im gleichen Ort lebten, uns aber nie getroffen hatten. Er hatte zwei Kinder, lebte jedoch gerade in Scheidung. Er verdiente sich sein Geld mit Renovierungsarbeiten, aber eigentlich wollte er Kunst machen. Er arbeitete mit Metall. Natürlich war ich neugierig seine Arbeiten zu sehen und so lud er mich ein, ihn in seinem Reich besuchen zu kommen. Er lebte auf der anderen Seite der Bahn in einem alten Bauernhäuschen mit einer großen Werkstatt daran. Ich erzählte ihm von meinem Buch und versprach, zu ihm zu kommen, sobald es fertig sei. Von nun an trafen wir uns öfter zufällig und an dem ersten, schönen Frühlingstag machte ich mich auf den Weg zu ihm. Sein Häuschen war wunderschön, seine Werkstatt beeindruckend, sein Garten herrlich. Wir saßen in der Frühlingssonne und tranken zwei, drei Gläser Weißwein, während wir von Früher erzählten. Wir hatten viele gemeinsame Bekannte. Es war ein sehr schöner Nachmittag und als ich nach Hause ging, da war ich schon ziemlich angeheitert. Ich wollte ihn sicherlich irgendwann wieder einmal besuchen. Doch Heiko wollte nicht so lange warten und rief mich schon am nächsten Tag an und fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm in der „Depesche“ ein Feierabendweinchen zu trinken. Und so geschah es von da an jeden Tag, denn Heiko verbrachte fast seine ganze Freizeit Wein trinkend an der Theke. Ich war das allerdings gar nicht gewohnt, ich konnte mir das finanziell schließlich gar nicht leisten. Doch Heiko lag sehr viel an meiner Gesellschaft und so lud er mich ganz selbstverständlich immer wieder ein. Er versicherte mir, er könne sich das locker leisten. Und so verbrachten wir die Abende nicht nur an der Theke, er führte mich bald auch zum Essen aus. Und bei diesem Essen, geschah es dann. Er stand auf uns sagte so laut, dass es jeder im Raum hören konnte: „Monica, ich liebe Dich!“ Oh je, ich hatte es schon geahnt, doch das kam für mich absolut nicht in Frage. Ich liebte meinen Herzensbrecher und ich hatte mir geschworen, ich würde jeden weiteren Mann ablehnen, bis der liebe Gott mir meinen C. zurück brachte. Ja, ich hatte ein Gelübte abgelegt, kein Sex mehr bis meine große Liebe wieder vor mir stand. Heiko konnte ich das natürlich nicht sagen, denn zu meinem Gelübte zählte, C.s Namen nicht mehr auszusprechen. Es war ein Zauber und nichts sollte seine Magie stören. Und weil ich immer noch die Hoffnung hege, dass der liebe Gott sein Versprechen, C. wieder zu mir zurück zu bringen, hält, deshalb kann ich seinen Namen leider nicht verraten.

Ich erklärte Heiko also, dass ich keine feste Beziehung wollte. Ich verabschiedete mich von ihm mit einem Kuss auf die Wange, und fasste mir an meinen Rosenkranz. Ich würde mein Gelübte nicht brechen, ich wollte Zaubern und soviel wusste ich, wenn man ein Versprechen gab, dann musste man es auch halten. Aber das alles war ein großes Geheimnis, dass ich niemanden erklären konnte. Ich erzählte Heiko jedoch natürlich von meinem Bombini, und dass ich entschlossen war, einen Prototypen zu bauen. Ich wollte dazu erst einmal einen Zweiplattenkondensator bauen und eine Hochspannungsquelle benötigte ich natürlich auch. Ich hatte zwar noch überhaupt keine Ahnung wie ich dies realisieren konnte, aber es ging kein Weg daran vorbei, wenn ich Thomas Townsend Braun zur Rehabilitation verhelfen wollte.
Heiko war an meinem Problem durchaus interessiert und so machte er mich mit Steini bekannt. Steini war sein Kumpel und ein Ingenieur des Maschinenbaus. Er arbeitete allerdings nicht, denn er hatte genug Geld von Hause aus. Er besaß ein altes Mietshaus, wo er alles selber machte und als ich ihm von meinem Bombini erzählte, da sagte er: „Nun, an sich dürfte das kein großes Problem sein, Du brauchst ja wohl nur die Spannung und die lässt sich auf vielen Wegen herstellen. Ich werde mir mal Gedanken dazu machen.“
Und so kam es, dass er schon wenige Tage später mit einer Idee zu uns an die Theke kam. Er schlug vor, zwei große Zweiplattenkondensatoren zu bauen, der eine könne 1000 Volt machen, indem man die Platten auseinander zog und diese Spannung könne man dann auf den zweiten Kondensator überleiten. Der könne dann aus den 1000 Volt 100 000 machen. Er hätte eine leerstehende Wohnung, dort könne ich die Kondensatoren gut aufstellen und das Experiment durchführen.
Natürlich benötigte ich dazu Baumaterial und Heiko bot sich an mir dabei zu helfen. Steini fertigte eine Zeichnung an und damit gingen Heiko und ich in seine Werkstatt. Ich benötigte große Metallplatten, sie konnten ganz dünn sein. Ich brauchte Flaschenzüge und zwei flache Holzkisten. Ich brauchte zwei Quadratmeter Dielektrikum. Wir entschieden uns für das gelbe Zeug von Dachisolierungen. Die Zusammenarbeit mit Heiko war sehr schön und ich fand ihn immer netter. Aber auch wenn Heiko sich von seiner charmantesten Seite zeigte, verlieben war für mich tabu. Heiko gab allerdings nicht auf und so etwas hatte ich noch nie erlebt. Bisher waren alle meine Beziehungen in kürzester Zeit zu Stande gekommen und ich hatte keine Erfahrung damit. Ich wusste nicht, dass die Zeit für Heiko arbeitete.

Zunächst aber sollte erst mal das bahnbrechende Experiment stattfinden. Es dauerte ungefähr 3 Monate, dann hatte ich alles gebaut, was Steini gefordert hatte. Er wollte nämlich nicht nur die zwei Kondensatoren, er wollte auch eine große Stromwaage. Ich verstand nur recht wenig von der Materie und verließ mich ganz auf ihn. Er gab mir eine Skizze und ich verbrachte viel Zeit in Heikos Werkstatt und baute was gefordert war. Natürlich legte ich wert darauf, dass alles auch irgendwie schön aussah. Andererseits, es durfte möglichst nichts kosten. Heiko half mir bei allen so gut er konnte und er freute sich, dass ich nun so oft bei ihm war. Abends ging es immer in die „Depesche“ oder auch mal ins „Cannape“. Manchmal besuchten wir an einem Abend auch alle Kneipen Osteraths hintereinander, solange, bis wir total betrunken waren und ich schwankend nach Hause ging. Ich war hin und her gerissen. Heiko war ein ganz toller Mann und er schien wirklich sehr verliebt in mich zu sein. Mir tat seine Aufmerksamkeit gut und wenn ich in den Spiegel schaute, dann schaute mich dort eine strahlende, wunderschöne Frau an.
Mein Sohn wollte natürlich wissen, warum ich jetzt immer weg war und so kam er eines Abends in die „Depesche“ und schaute sich diesen Heiko an. Das Verhältnis zu meinem Sohn war in dieser Zeit sehr gut. Ich ließ ihm alle Freiheit, die er haben wollte. Ich nervte ihn selten wegen der Schule und er durfte auch in die „Savanne“ gehen. Die „Savanne“ war eine beliebte Jugendkneipe, wo man auch Billard spielen konnte. Natürlich trank er dort auch sein erstes Bier und rauchte seinen ersten Joint. Ich hatte mir die Kneipe angesehen und mir war klar, das konnte ich gar nicht verbieten, auch wenn er erst 15 Jahre alt war.
Nun aber wollte er Heiko auf den Zahn fühlen und Heiko reagierte darauf geschickt. Er setzte sich zu einem Männergespräch mit meinem Sohn an die Theke und nach einem Bier war mein Sohn ganz angetan. Dieser Heiko schien echt cool zu sein und zu allem Glück, bot er ihm auch noch einen Job an. Felix arbeitete nämlich zu dieser Zeit stundenweise an einer Tankstelle, fegen und so. Heiko jedoch wollte ihn gerne mit auf eine seiner Baustellen nehmen und zahlen wollte er auch gut. Felix war also ziemlich begeistert und hatte fortan keine Probleme mehr mit meinen Kneipenabenden.

Zu meinem Geburtstag war es dann soweit und ich konnte das Experiment durchführen. Ich lud dazu all die netten Menschen ein, die ich in den letzten Monaten kennen gelernt hatte, und die mittlerweile alle von meinem Bombini wussten. Klar, die Meisten glaubten nicht an ein Wunder, aber man wollte sich gerne eines Besseren belehren lassen. Wenn mein Bombini wirklich flog, dann wäre dies der absolute Hit. Natürlich war es ein ziemliches Risiko, denn vielleicht funktionierte das Experiment ja auch nicht. Aber ich wollte, wenn es klappte, möglichst viele Zeugen haben.
Und so backte ich einen Kuchen, Heiko sponserte ein paar Flaschen Sekt und der große Tag konnte gefeiert werden. Alle kamen und drängten sich in den großen Raum. Steini überprüfte noch mal alle Verbindungen und dann konnte es losgehen.
Ich sage es gleich, es wurde eine totale Pleite, denn die großen Kondensatoren funktionierten nicht. Obwohl es theoretisch hätte funktionieren müssen, Spannung war mit ihnen aber dennoch nicht zu erzielen. Das führte natürlich dazu, dass die Party sich schnell auflöste und Steini und ich ziemlich ratlos waren. Heiko sagte: „Kinder, das ist doch alles nicht so schlimm, kommt, ich gebe einen aus. Lasst uns ins „Cannape“ gehen und Geburtstag feiern.“

Steini war am enttäuschtesten, denn diese Versuchsanlage war seine Idee gewesen. Er war sich sehr sicher gewesen, dass sie funktioniert. Er schlug mir vor, einen sehr netten, pensionierten Physiklehrer anzurufen, vielleicht konnte der uns weiterhelfen und sagen, was wir falsch gemacht hatten.
Und so lernte ich Renee kennen. Wir trafen uns im Biergarten der Savanne und erzählten ihm von unserem Misserfolg. Ich erzählte ihm von Thomas Townsend Brauns Experimenten und welche Überraschung, auch Renee hatte davon schon gehört und ja, auch er glaubte an die Vakuumenergie. Er empfahl mir ein Buch und wollte es mir gerne leihen. Sein Titel: „Das geheimnisvolle Vakuum“. Und was unser Experiment anging, da meinte er, die Idee mit den zwei Kondensatoren sei zwar ganz fiffig, doch er würde sagen, ich solle besser eine Hochspannungskaskade bauen. Er nannte mir ein Geschäft, wo ich sicher für kleines Geld die benötigten Bauteile bekäme. Er fertigte eine kleine Skizze an und damit fuhr ich dann nach Düsseldorf und betrat den Elektronikladen.
Er lag mitten in der Stadt auf einem Hinterhof. Als ich mich in den Regalen umschaute wurde mir klar, dass ich gar keine Ahnung von Elektrontechnik hatte. Ja, trotz meines Physikpraktikums, ich wusste immer noch nicht, floss der Strom nun von Minus nach Plus oder umgekehrt. Steini hatte mir zwar einiges erklärt, aber inmitten all dieser Elektrotechnik fühlte ich mich sehr fremd. Ich ging an die Verkaufstheke und ein Mitarbeiter fragte nach meinen Wünschen. Ich sagte: „Ich möchte eine Hochspannungskaskade bauen um 100 000 Volt Gleichspannung zu produzieren. Ich habe hier eine Skizze, können Sie mir vielleicht weiterhelfen?“
Der Mann zog die Augenbrauen hoch und meinte: „100 000 Volt? Ich habe einmal 20 000 produziert. Eine Kaskade wäre natürlich eine Möglichkeit. Nur, wozu benötigen Sie denn die Spannung?“ Und da erzählte ich ihm von meinem Bombini-Projekt. Jetzt gingen die Augenbrauen gar nicht mehr herunter und er holte einen Zettel hervor und begann mir einiges zu erklären, denn er merkte, ich war nicht vom Fach. Er erklärte mir die Grundlagen einer Kaskade und vieles mehr. Dann suchte er jede Menge kleine Kondensatoren in seinen Schubladen, er rechnete aus wie viele Dioden ich brauchte, er ließ mich Kabel aussuchen, Bananenstecker und Lötzinn hatte er auch für mich. Dann brauchte ich auch noch einen Vorwiderstand, sonst würde ich die Spannung nicht messen können. Er erklärte mir, worauf ich zu achten hatte, und legte mir auch noch eine Handvoll winziger Widerstände auf die Theke. Dann rechnete er alles aus und ich kam überraschend glimpflich weg. Meiner Erinnerung nach waren es keine 40 Euro. Das konnte ich mir so gerade eben noch leisten. Das Messgerät würde mir Heiko leihen können und ein paar Glasplatten hatte er auch für mich.

Zuhause setzte ich mich an den Schreibtisch und entwarf eine Kaskade und einen Vorwiderstand. Bei Beiden waren bestimmte Bedingungen zu beachten, doch Dank der guten Beratung kam ich gut voran. Langsam begann ich die Sache etwas zu begreifen. Ich war, wenn ich erfolgreich sein wollte, wirklich gezwungen mich etwas mehr mit der Theorie auseinander zu setzen. Ich kramte in meinem Bücherregal. Wo war mein Buch „Grundlagen der Physik“? Hatte ich es tatsächlich auch auf den Sperrmüll geworfen? Ich suchte alles ab, aber es war leider so, ich hatte dieses wunderbare Buch mit vielem Anderen weggeworfen. Wie blöd konnte man nur sein? Ich musste mich dringend weiterbilden.
Aber erst mal wollte ich die Kaskade bauen und so lötete ich alles sorgfältig zusammen. Die Kaskade sah beeindruckend schön aus. Auch der Vorwiderstand sah toll aus. Jedes Teil bekam eine gläserne Bodenplatte und kleine Glasfüßchen. Die Kabel begeisterten mich besonders. Es waren jedoch nur 1000 Volt-Kabel, stärkere gab es nicht einfach so zu kaufen. Mein Bombini bestand nur aus zwei runden Blechringen und einer Plexiglasscheibe, doch jetzt ging es ja erst mal nur darum, die Spannung zu erzielen. Als alles fertig war, rief ich Renee an und der kam vorbei um mir bei der Inbetriebnahme beizustehen. Natürlich war er neugierig zu sehen, was ich aus seinem Zettel gemacht hatte.
Und er war beeindruckt. Meine Kaskade sah sehr gut aus und auch der Vorwiderstand fand Lob. Wir verkabelten alles und schalteten das Messgerät ein. Dann schaltete ich die Stromversorgung ein und wir starrten auf das Messgerät, doch wiedereinmal, es war keine Spannung zu messen. Konnte das denn möglich sein? Renee begab sich auf Fehlersuche und irgendwann meinte er, die Kondensatoren seien vielleicht nicht die Richtigen, ich bräuchte größere.

Nach dieser erneuten Niederlage fuhr ich wieder nach Düsseldorf und zum Glück, der nette Mitarbeiter war auch wieder da. Er begrüßte mich freundlich und war ganz Ohr, als ich ihm von meinen Problemen berichtete. Ich hatte die Kaskade und den Widerstand mitgenommen und nun begutachtete Werner, so hieß der Mann, meine Lötarbeit. „Hm, sieht eigentlich nicht schlecht aus, aber vielleicht benötigst Du wirklich andere Kondensatoren. Ich gehe mal in den Keller.“ Und er kam mit einem großen Karton zurück. „Hier, versuche es mit diesen Kondensatoren.“ Oh je, die Dinger waren wirklich erheblich größer. „Du brauchst dann auch andere Dioden.“ Zum Glück machte er mir wiedermal einen guten Preis, er wusste, ich konnte mir diese ganze Geschichte eigentlich gar nicht leisten. Jetzt hieß es also, eine neue Kaskade zu bauen. Diesmal würde ich die Kondensatoren auf lange Holzbretter setzen müssen. Zum Glück, Heiko konnte helfen.
Mittlerweile betrachtete er uns als Paar, denn ich war schwach geworden und hatte mich nicht nur in den Arm nehmen lassen. Sex wollte ich zwar nicht, das hatte ich klar gemacht, aber ein bisschen Knutschen, dass musste drin sein. Ich war nämlich langsam wirklich ziemlich verliebt in diesen supernetten Mann. Er hatte wunderschöne Augen und küssen konnte er wirklich toll. Heiko war so begeistert mich endlich zumindest soweit herum bekommen zu haben, auf Sex konnte er warten. Er wusste, irgendwann würde ich mich ihm hingeben, er hatte Geduld.
Ich übernachtete immer öfter bei ihm und natürlich, es blieb nicht nur beim küssen. Aber eine große Gefahr bestand letztendlich für mich nicht, stellte ich schnell fest, denn Heiko litt an vorzeitigem Samenerguss. Ihm war es peinlich, doch ich war heilfroh. So konnte ich das Entscheidende an dem Gelübte einhalten.

Heiko bot mir an, die Kaskade in seiner Werkstatt zu bauen und mein Experiment bei ihm auf dem Speicher über der Garage durchzuführen. Das war natürlich super, denn dort war viel Platz. Meine Kaskade wurde nämlich immer größer. Bei Hochspannung dieser Größenordnung mussten zudem große Abstände eingehalten werden. Ich brauchte auch einen anderen Vorwiderstand und überhaupt ich hatte viele Fragen und damit ging ich jetzt immer zu Werner. Er gab mir die Adresse seines Lagers in der alten Böhlerfabrik und da fuhr ich in der Folge öfter hin. Und immer hatte ich anschließend, was ich brauchte. Werner war wirklich super, denn er konnte auch sehr gut erklären. Er hatte mal Elektrotechnik studiert und ich denke, aus ihm hätte wirklich ein super Lehrer werden können.

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Ich denke, ohne Werner wäre ich an der Aufgabe wohl verzweifelt. Er glaubte zwar auch nicht an mein Bombini, aber mein Enthusiasmus beeindruckte ihn sehr. Er nannte mich nur noch „Madame 100 000 Volt“ und es stimmte schon, ich war voll in meinem Element. Ich hatte den Eindruck für diese Aufgabe nicht nur geschaffen worden zu sein, auch der liebe Gott unterstützte mich offensichtlich nach Kräften. Er gab mir die richtigen Leute zur Seite, die mich unterstützten, da war Renee, der regelmäßig vorbei kam, und mir mit Rat und Tat zur Seite stand, da war Werner, der mir viel erklärte und mich mit Material versorgte, da war Heiko, der mir nicht nur einen sehr schönen Arbeitsplatz zur Verfügung stellte, er sorgte auch für viel Entspannung. Wir fuhren allein im ersten Jahr unserer Beziehung 10 mal nach Holland ans Meer, denn seine Mutter hatte dort ein Ferienhaus. Er ging mit mir aus und half mir auch finanziell ein Bisschen. Ich sah darin ein Zeichen Gottes, dass ich mit diesem Projekt auf dem richtigen Weg war.
Ich kam also gut voran und irgendwann war meine zweite Kaskadenanlage funktionsbereit. Wieder kam Renee, um sie mit mir gemeinsam hoch zu fahren. Jetzt bestand sie aus mehreren, in Reihe geschalteten Drucker-Trafos, die eine Eingangsspannung von 2500 Volt einbrachten. Dann kam die Kaskade aus Kondensatoren, die über Diodenketten so miteinander verbunden waren, dass an ihrem Ende zumindest theoretisch 100 000 Volt heraus kommen mussten. Über 10 000 Volt-Kabel, die ich in einem Spezialgeschäft günstig erstanden hatte, wurde die Spannung auf mein Bombini geleitet. Es bestand immer noch nur aus zwei Metallringen, die durch eine 2 cm dicke Plexiglasscheibe elektrisch voneinander getrennt waren. Dann gab es nach vielem Hin und Her auch einen großen Vorwiderstand, hinter dem sich dann das Messgerät befand. Die ganze Anlage war auf zwei großen, alten Glastüren aufgebaut, das Bombini hing etwas entfernt von der Decke. Es gab zusätzlich noch einen Schreibtisch für meine Unterlagen und ein kleines Tischchen mit zwei Stühlen. Dort tranken Renee und ich unseren Kaffee und diskutierten die sich immer wieder neu stellenden Fragen. An den Wänden hingen große Zeichnungen, die ich auf Packpapier angefertigt hatte, welche die theoretischen Grundlagen, die ich mittlerweile erarbeitet hatte, wiedergaben. Es gab ein kleines Fenster, dass einen schönen Blick in den Garten ermöglichte und auch wenn es im Winter auf diesem Speicher echt kalt war, ich fand es dort sehr gemütlich.

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Würde meine Anlage jetzt endlich die benötigte Hochspannung produzieren? Würde mein Bombini fliegen? Wir waren wirklich sehr gespannt als wir den Strom einschalteten. Die Kaskade machte brutzelnde Geräusche und man konnte hören, diesmal tat sich etwas und wir konnten auf dem Messgerät sehen, die Spannung war da. Es waren zwar keine 100 000 Volt, aber das Messgerät zeigte über 800 Volt an und wenn man den Vorwiderstand wegrechnete, dann durften wir davon ausgehen, dass wir 80 000 Volt wohl erreichten. Wir beobachteten das Bombini und ja, es bewegte sich wie erwartet von Minus nach Plus, allerdings flog es nicht davon. Mehr als zwei Zentimeter bewegte es sich nicht. War das nun trotzdem ein Erfolg? Wir versuchten es mehrere Male, aber über die zwei Zentimeter kamen wir nicht hinaus. Trotzdem war ich glücklich. Immerhin funktionierte die Kaskade und an dem Bombini konnte ja noch gearbeitet werden. Renee und ich verbuchten dieses Experiment schon mal als halben Erfolg. Mir war mittlerweile auch klar, die Welt ließ sich nicht in einem Handstreich retten, von mir wurde mehr erwartet. Natürlich bereute ich es jetzt sehr, dass ich keine Physik studiert hatte, aber ich war willens täglich dazu zu lernen, dass hieß auch, ich beschäftigte mich immer intensiver mit der Theorie.

Grundlage meiner Bombini-Thorie war die Stringtheorie. Die ging davon aus, dass alle Teilchen des Universums letztendlich aus winzigen Strings bestanden. Es sollte offene und geschlossene Strings geben. Elektronen sollten aus einem geschlossenen String bestehen und ich sah darin einen winzigen, schwingenden Kreisstrom von Energie, der wie ein großer Kreisstrom auch ein Magnetfeld haben musste. Das erklärte allerdings noch nicht, wieso sich ein Elektron in einem magnetischen Feld von Süd nach Nord bewegten. Alle Teilchen des Universums taten dies, im Gegensatz zu den Positronen, also den Antielektronen. Die bewegten sich nämlich von Nord nach Süd. Dafür musste es natürlich eine vernünftige Erklärung geben und ich fand diese in den mit dem Magnetfeld möglicherweise entstehenden Torsionsfeldern des Vakuums. Davon hatte ich irgendwo gelesen und als ich dieses Feld einzeichnete, da sprang die Lösung regelrecht ins Auge. Klar, es war eine reine Hypothese, aber ich war von meiner Theorie schnell überzeugt. Denn wenn es diese Torsionsfelder wirklich gab, dann erklärten sie die unterschiedliche Bewegungsrichtung sehr gut. Das war regelrecht nobelpreisverdächtig.
Ich will Sie hier nicht mit den Einzelheiten meiner Theorie bombardieren, wenn Sie sich für meine Elektronen-Positronen-Theorie befassen wollen, dann empfehle ich Ihnen mein Buch „Das Bombini-Projekt und eine Bessere Weltordnung“. Da habe ich alles sehr ausführlich in Text und Bild erklärt. Ich sage hier nur so viel, ich halte meine Bombini-Theorie auch heute noch für genial.
Wichtig an dieser Theorie ist aber vor allen Dingen, sie erklärte auch, warum sich mein Bombini bewegte. Klar, die Bewegung war minimal, aber das konnte an vielen Dingen liegen und meine nun folgenden Experiment dienten alle dazu, die Bewegung zu verstärken.

Mein Verhältnis zu Heiko wurde in dieser Zeit leider immer komplizierter, denn ich erkannte so langsam, dass Heiko ein ernstes Alkoholproblem hatte. Ich sprach auch mit seiner besten Freundin und seiner Mutter darüber, denn ich machte mir Sorgen um seine Gesundheit. Aber niemand wollte sich mit Heiko anlegen, denn der war nicht besonders einsichtig. Es kam immer häufiger zu unangenehmen Situationen und auch sein Charme ließ gewaltig zu wünschen übrig. Er begann mich persönlich anzugreifen, er warf mir vor eine schlechte Mutter zu sein und so einiges mehr. Mit meinem Sohn aber verstand er sich immer noch sehr gut, denn Felix stellte sich als fleißig und handwerklich geschickt heraus. Sie arbeiteten auf mehreren Baustellen zusammen und Felix verdiente nicht schlecht. Natürlich sparte er sein Geld nicht, sondern er trug es in die Pizzeria und die Savanne. Er beeindruckte mit Großzügigkeit seine erste, richtige Freundin und überhaupt, mein Sohn war mit dem Leben sehr zufrieden.
Heiko und ich aber gerieten immer häufiger aneinander, denn langsam hasste Heiko mein Bombini-Projekt. Er verstand davon nur wenig und in seinen Augen nahm ich das Ganze viel zu wichtig. Auch wollte er endlich wissen, wieso ich keinen Sex wollte. Ich versuchte es ihm zu erklären ohne C.s Namen zu nennen, denn es war durchaus möglich, dass die Beiden sich von der Schule her kannten. Aber ich sagte ihm, dass ich eine alte Liebe in mir tragen würde und dass ich darauf hoffte, dass dieser Mensch den Weg zu mir zurück fand. Ich wolle mich deshalb nicht auf eine andere, feste Beziehung einlassen. Ich sagte ihm, dass wenn der Mann auftauchen sollte, dann wäre ich sofort weg vom Fenster. Heiko wollte unbedingt wissen, um wen es sich handelte, doch ich nannte den Namen nicht. Heiko schüttelte darüber mit dem Kopf und meinte irgendwann zu mir: „Monica, Du spinnst, der Mann wird niemals einfach so vor Dir stehen. Er wird Dich auch nicht lieben, denn dazu müsste er Dein Leben kennen. Du hängst da einem Traum nach, der nie in Erfüllung gehen wird.“
Mir war diese Gefahr durchaus auch klar, aber ich hatte immerhin den lieben Gott deswegen um Hilfe gebeten und der war allmächtig. Ich hatte Gott versprochen, das Bombini-Projekt hartnäckig durchzuführen und als Belohnung für meine Mühe hatte ich die Rückkehr meiner großen Liebe gefordert. Ich hatte versprochen, alles in meiner Macht stehende zu tun um die Welt von den dunklen Schatten zu befreien, doch am Ende wollte ich ein echtes Happy End, auch für mich persönlich.
Heiko meinte, mein „Geliebter“ hätte sich möglicherweise derart verändert, vielleicht sei er heute ein echt langweiliger Spießer. Doch ich war mir sicher, mein Herzensbrecher war auch heute noch so toll wie damals. Ich hatte nämlich kurz vor meinem Bankrott jemanden getroffen, der etwas mehr über C. wusste. Und der erzählte mir, C. sei immer noch ein sehr beeindruckender Mann. Und etwas anderes konnte ich mir auch gar nicht vorstellen. Ich hatte schon damals erkannt, C. war ein sehr außergewöhnlicher Mensch. Etwas arrogant vielleicht, wenn man an die Sache mit Michael dachte, aber ich selbst hatte Michael ja auch den Rücken zugedreht.

Jedenfalls, die Beziehung zu Heiko wurde schwierig und es brauchte wohl nur noch den richtigen Anlass und die Sache war vorbei. Der Anlass kam dann auch bald schon. Es war ein schöner Frühlingstag und ich war wie so oft mit meinem Experiment beschäftigt. Heikos Kinder waren über das Wochenende da und Lino, der 8-jährige Sohn, kam zu mir auf den Werkstattdachboden. Die Kinder wussten, was das Ziel meiner Arbeit war und natürlich waren sie begeistert, denn ein fliegendes Spielzeug-UFO, das war ein echter Kindertraum. Lino schaute mir bei meinen Experimenten zu und da ich mittlerweile die ganze Sache gut im Griff hatte, sah ich in seiner Anwesenheit trotz der hohen Spannung, mit der ich arbeitete, kein Problem. Ich fuhr die Anlage hoch und erklärte Lino die Lage. Ich schaffte es leider immer noch nicht, mein Bombini stärker zu bewegen. Ich stellte die Kaskade wieder aus, doch natürlich, die Kondensatoren waren immer noch geladen. Lino ging an der Kaskade vorbei und irgendwie kam er dem Vorwiderstand wohl sehr nahe. Dabei machte er eine ungewöhnliche Entdeckung. Er sagte: „Monica, da ist kalte Luft!“
Ich ging zu ihm und fühlte mit meinen Händen über dem Vorwiderstand und tatsächlich, dem Widerstand entströmte kalte Luft. Das war jetzt aber wirklich sehr überraschend und ich rief Renee gleich an und fragte ihn, was er dazu sagen konnte. Doch auch Renee wusste keine Erklärung und er versprach baldmöglichst vorbei zu kommen, um sich das Ganze anzuschauen.
Abends erzählte ich natürlich auch Heiko davon, denn ich dachte, er wäre vielleicht stolz auf seinen Sohn, dass der so eine besondere Entdeckung gemacht hatte. Doch da hatte ich mich ziemlich geschnitten, denn Heiko rastete aus. Er warf mir absolute Verantwortungslosigkeit vor, ich hätte seinen Sohn womöglich in Lebensgefahr gebracht, er hätte jetzt endgültig die Nase voll und ich solle binnen der nächsten Woche mit meinem Experiment von seinem Hof verschwinden. Heiko war ziemlich aufgebracht und ich war nicht besonders überrascht. Heiko war das Experiment zum Gräuel geworden und mein ständiges Gerede wegen seines Alkoholkonsums nervte ihn auch.
Der liebe Gott sah das wohl alles von seiner Wolke aus und er schickte mir meinen alten Freund HaPe vorbei. Der musste für zwei Wochen in ein Krankenhaus und lieh mir für diese Zeit gerne seinen Kombi. Auch Steini reagierte großzügig und bot mir an, mit dem Experiment in die immer noch leerstehende Wohnung zu kommen. Ich hatte Steini natürlich auch von der kalten Luft erzählt und er wollte dies gerne selbst feststellen. Denn für diese Luft gab es erst mal keine Erklärung.
Und so zog ich mit meinem ganzen Kram um, und richtete mich bei Steini ein. Die Beziehung zu Heiko war damit natürlich am Ende und wiedereinmal bewahrheitete sich meine Weisheit. Der Alkohol und das Bombini-Projekt hatte uns zusammen gebracht und nun trennten diese Dinge uns auch wieder.

 

Mirage

 

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Richtig trennen konnten Heiko und ich uns allerdings erst mal nicht, denn wir hatten seit einem guten Jahr einen gemeinsamen Hund. Mirage. Sein Herrchen war plötzlich gestorben und man wusste nicht wohin mit dem Hund. Wir hörten davon und entschieden, diesen tollen Hund zu übernehmen. Mirage war zu Beginn ziemlich gestört, denn er hatte 3 Tage mit seinem toten Herrchen in der heißen Wohnung verbracht, denn es war Hochsommer. Außerdem kannte er nur das Gehen an der Leine und das Warten in einem freundlosen Innenhof. Sein Herrchen hatte auch nicht gewollt, dass man ihn streichelte und dies alles hatte den Hund etwas autistisch werden lassen. Seine Nase hing immer nur direkt über dem Boden. Mir schien, seine ganze Welt bestand vor allen Dingen aus der Hundezeitung.
Heiko und ich fuhren erst mal mit ihm nach Holland ans Meer und schon kurze Zeit später taute der Hund auf und es dauerte nicht lange und er rannte engagiert hinter Bällen her. Ich ließ ihn so oft es ging von der Leine und er nutze diese Freiheit und entdeckte das Buddeln nach Mäusen. Auch fand er großen Spaß daran irgendwelchen Kaninchen hinter her zu jagen. Mirage entwickelte sich zu einem wirklich fantastischen Hund und ich verliebte mich total in ihn.
Und weil Heiko eben viel auf seinen Baustellen sein musste, war Mirage oft bei mir. Heiko und ich gingen auch sonst nicht wirklich im Streit auseinander, wir trafen uns immer noch ab und zu auf ein Weinchen und manchmal stand Heiko auch mitten in der Nacht vor meiner Tür. Natürlich war er meistens sehr betrunken und ich fühlte mich irgendwie für ihn verantwortlich. Es war mittlerweile auch Heiko klar, dass er vom Alkohol nicht nur psychisch sondern auch körperlich abhängig war. Aber er fand nicht die Kraft dieses Problem ernsthaft anzugehen. Ich weiß nicht wie es heute ist, der Kontakt brach irgendwann gänzlich ab, denn er fand eine neue Freundin und mit der kam ich nicht klar, denn sie trank auch viel zu viel.

Ich hatte in der Beziehung mit Heiko auch viel zu oft ins Glas geschaut, dabei war meine bevorzugte Droge ehr das Cannabis. Und erfreulicherweise bekam ich von einem Freund eine ganze Einkauftüte voll davon. Das war auch so ein Wunder. Der liebe Gott kümmerte sich nicht nur um mein Projekt und die notwendige Entspannung. Auch gegen das Kiffen hatte ER offensichtlich nichts einzuwenden. Jedenfalls hatte ich eigentlich immer genug zu Rauchen. Ich ging jetzt zwar noch ab und an ein Bierchen trinken, aber eigentlich saß ich lieber in meinem Bett und drehte mir einen Joint. Ich kann also sagen, trotz meiner sehr geringen finanziellen Mittel, es fehlte mir an Nichts. In meinen Augen war das göttlicher Rückenwind und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Gott sich so gut um mich kümmerte, wenn ich mit meinem Bombini-Projekt nicht tatsächlich die Lösung gefunden hatte. Die Engel hatten es auch gesagt, ich hatte also eine echte Chance, meine Lebensaufgabe zu meistern. Denn das war mir mittlerweile klar, alles in meinem Leben war genau die richtige Vorbereitung dafür gewesen. Ich hatte zumindest eine naturwissenschaftliche Grundausbildung bekommen, ich war zudem diplomierte Objektdesignerin geworden, ich hatte nach meinem Bankrott auch und gerade durch den Zufall die richtige Lektüre gefunden, ich fand für mein Experiment immer zur rechten Zeit die geeignete Unterstützung, ich konnte relativ sorgenfrei leben, denn das Geld reichte immer gerade so, ich hatte wirklich allen Grund dankbar zu sein. Mein Sohn machte mir auch kaum Kummer und der Hund, ja, der war zauberhaft. Ich liebte seine Freiheitslust, ja, ich übertrug meine Liebesgefühle für C. auf diesen Hund. Ich bildete mir ein, C.s Wesen in ihm zu erkennen und wenn der Hund mich mit seinen lebendigen Augen anschaute, dann sah ich im Geiste in die Augen meines Herzensbrechers. Ich hatte von einem schamanischen Brauch gehört. Dort wurden bestimmte Tiere dem Herrscher geweiht, der normalerweise weit weg in der Stadt regierte. Dies hatte zur Folge, dass der Geist des Herrschers in dem Tier lebte und die Schamanen konnten nun durch Beobachtung des Tieres Rückschlüsse auf das Wohlergehen ihres Herrschers ziehen. Und das funktionierte sehr gut. Wurde der Herrscher zum Beispiel krank, dann ging es dem Tier auch nicht gut. Umgekehrt, ging es dem Tier gut, dann war auch der Herrscher wohl auf. Ich fand das toll und machte es mit meinem Hund und meiner großen Liebe darum ganz genauso.

Ich legte auch für C. die Karten und schaute so regelmäßig in sein Leben. Klar, 100%ige Gewissheit hatte ich nie, aber ich glaubte schon, zumindest die grundlegenden Dinge in den Karten erkennen zu können. So wie ich das sah, hatte er zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Seine Beziehung war nicht wirklich glücklich, ja, die Karten sagten immer, dass er irgendwann nach Deutschland zurück kommen würde. Vielleicht waren das alles auch nur meine Wünsche, aber die Kartenlegerei ließ mich die Sehnsucht besser ertragen. Denn die wurde jetzt nach Heiko wieder sehr groß. Ich dachte immer, wenn C. da wäre, dann würde der sich für mein Projekt bestimmt begeistern. Und eines war klar, wenn C. begeistert war, dann konnte er auch andere begeistern. Ihm würde auch bestimmt ein guter Weg einfallen, wie ich die Welt von meiner Elektronen-Theorie begeistern konnte. Denn diese Theorie war absolut grundlegend. Wenn die Menschen wussten, warum ein Elektron in Lichtgeschwindigkeit fliegen konnte, wenn sie wussten wie so ein Elektron im Detail aufgebaut war und wie es funktionierte, dann konnten findige Ingenieure und Wissenschaftler auch ein großes Elektron, sprich Bombini, bauen. Und damit würden sie dann auch in Lichtgeschwindigkeit durch das Weltall fliegen können.
Doch mit dieser Vision war ich ziemlich allein. Allein Renee ermunterte mich immer wieder am Ball zu bleiben, er bewunderte die Zeichnungen, die ich nicht nur vom Elektron gemacht hatte. Ich hatte auch intensiv über die Gravitation und das Atommodell nachgedacht und wie ich auch heute noch finde, sehr interessante Vorstellungen dazu entwickelt. Zu Beginn des Projektes hatte ich praktisch bei Null angefangen, doch jetzt hatte ich ziemlich konkrete Antworten gefunden auf die größten Fragen der Physik. Nur, wie brachte ich meine Theorie unter das Volk? Das allgemeine Wissen über die Teilchenphysik war sehr begrenzt. Ich fühlte mich mit meinen wunderbaren Erkenntnissen ziemlich allein. C. aber hatte Physik zumindest im Abitur gehabt. Ich glaubte daher, dass er mir bei meinen Ideen durchaus folgen können würde. Aber der Mann befand sich immer noch am anderen Ende der Welt und ich hatte den lieben Gott ja auch nur gebeten, ihn mir nach erfolgreicher Erfüllung meines Projektes zurück zu bringen. Ich verlangte auch keine Gegenliebe, ich wäre einfach nur froh, wenn C. mein Nachbar werden würde. Ich war mir sicher, er würde meine Leidenschaft für mein Bombini verstehen. Doch noch musste ich mit der ganzen Geschichte erst mal alleine klar kommen.

Ich baute also mein Experiment bei Steini auf. Der große Raum hatte unverputzte Wände, aber ordentliche, große Fenster. Außerdem stand in dem Raum ein großer Tisch mit mehreren Stühlen. An diesem Tisch saß ich dann mit ihm und Renee und wir diskutierten über die kalte Luft. Ich brauchte nur etwas Hochspannung und über den Widerständen spürte man einen kalten Luftzug. Wie ließ sich dieses unerwartete Phänomen erklären? War es vielleicht so, dass ich zufällig eine richtig große Entdeckung gemacht hatte? Rene erzählte, dass dies in der Geschichte der Physik häufig so war, dass die großen Erkenntnisse oft zufällig gewonnen worden waren. Aber, wenn Sie mehr über unsere Erklärungsversuche wissen wollen, dann lesen Sie mein Buch „Das Bombini-Projekt und eine Bessere Weltordnung“.
Für mich war die Frage der kalten Luft auch zweitrangig, mir ging es immer noch darum, die Bewegung meines Bombinis zu erhöhen. Mit den 2 Zentimetern war einfach kein Start zu machen. Sicher auch diese geringe Bewegung war schon bemerkenswert, zumindest für den mit der Thematik vertrauten, aber das gemeine Volk würde sich davon nicht beeindrucken lassen. Ich brauchte mindestens 10 Zentimeter. Wenn ich die Bewegung verstärken konnte, dann würde ich auch neue, physikalische Erkenntnisse gewinnen können. Aber was ich auch an dem Experiment veränderte, die Bewegung blieb gleich. Ich baute darum ein neues Bombini. Diesmal bestand eine Seite aus einer leicht gewölbten, großen Metallschüssel. Auch Thomas Townsend Braun hatte auf einer Seite eine gewölbte Metallschale verwendet. Aber was ich auch tat, es blieben immer nur maximal 2 Zentimeter. Physikalische Forschung schüttelte man offensichtlich nicht aus einem Ärmel. Mir wurde klar, ich würde noch lange herumexperimentieren müssen und so beschloss ich mein völlig verhunztes Gartenatelier dafür herzurichten. Mein Sohn hatte darin Partys gefeiert und ein ziemliches Chaos angerichtet. Aber es war eigentlich groß genug.

 

Die dritte Kaskade

 

Ich wollte aber nicht nur einen neuen Arbeitsraum, ich wollte auch eine neue Kaskade und auch ein verbessertes Bombini. Denn so eine Kaskade ist eine ziemlich empfindliche Angelegenheit und die Zweite war nun schon so oft defekt gegangen, ich hatte soviel an ihr herum repariert, sie sah wirklich nicht mehr schön aus. Außerdem wollte ich jetzt eine besser zu handhabende Kaskade und auch einen Vorwiderstand, der modular aufgebaut war. Auch das Bombini musste endlich etwas professioneller werden. Dazu benötigte ich allerdings neue Kondensatoren und wiedereinmal, der liebe Gott wusste zu helfen und er führte mich in die Savanne. Dort stellte ich mich an die Theke und ich kam mit einem Mann ins Gespräch. Es stellte sich heraus, er war Elektriker. Natürlich erzählte ich ihm von meinem Experiment und ich sagte auch, dass ich jede Menge Kondensatoren benötigen würde. Da stellte sich dann heraus, dieser Elektriker hatte gerade irgendwo Hunderte davon aus Neonröhren ausgebaut. Für ihn war sie nun schwer zu entsorgender Sondermüll und so wurden wir uns schnell einig und er versprach mir die Kondensatoren zeitnah vorbei zu bringen. Und tatsächlich, es war genau an Heiligabend, da klingelte er nachmittags an meiner Tür und er übergab mir zwei große Kartons angefüllt mit Kondensatoren. Das war doch wirklich ein ganz wunderbares Weihnachtsgeschenk!
Die Wochen danach verbrachte ich in meinem Arbeitszimmer und ich baute meine dritte Kaskade. Diesmal befestigte ich die silbernen Kondensatoren auf mehrere Plexiglasplatten, auch der Vorwiderstand war nun modular aufgebaut.

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Mein Sohn und mein alter Kumpel Roland halfen mir tatkräftig dabei und irgendwann im Februar war alles geschafft. Die Anlage sah nun wirklich sehr beeindruckend aus und auch mein Bombini war wunderschön. Es bestand aus zwei dickeren Metallringen, die einen professionellen Kabelanschluss hatten. Die Plexiglasscheibe hatte ich in einem Spezialgeschäft schneiden und polieren lassen. Sie war 2,5cm dick und nachdem die Metallscheiben aufgeklebt waren, brachte ich noch eine Aufhängung an. Das Objekt sah jetzt wirklich total schön aus und ich setzte meine ganzen Hoffnungen hinein.
Ich trug alles in mein Gartenhäuschen, welches ich nicht nur gestrichen hatte. Ich hatte auch für eine ordentliche Stromversorgung und eine gute Erde gesorgt. Als alles fertig aufgebaut war, rief ich wieder Renee an und er kam um alles in Augenschein zu nehmen. Wir probierten den Trafo aus, doch weil wir vorsichtig sein wollten, fuhren wir die Anlage nur zu 20% hoch. Ich hatte jetzt nämlich auch einen richtigen Regler, der eine stufenlose Spannungserhöhung ermöglichte. Leider hatte Renee an diesem Tag keine Zeit mehr und so ließen wir es bei diesem ersten Versuch. Die Anlage schien jedenfalls zu funktionieren und Renee stellte fest, auch bei einer Spannung von 20 000 Volt entströmte den Widerständen kalte Luft.

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Ich war noch in meinem Gartenhäuschen, als Felix von der Schule nach Hause kam. Natürlich wollte er die Anlage in Funktion erleben und ich erlaubte ihm, die Anlage noch mal hochzufahren, allerdings nicht über 20%. Doch weil sich das Bombini bei dieser Spannung nicht bewegte, bestand er darauf mehr Saft zu geben. Ich gab nach und schaute durch die Videokamera auf mein Bombini. Ich wollte die Bewegung auf Video aufnehmen. Ich hatte auf der Wand hinter dem Bombini mehrere schwarze Striche gemalt um die Bewegung genauer messen zu können. Felix drehte den Regler hoch, aber, es war zum verzweifeln, das Bombini bewegte sich wieder nur 2 Zentimeter. Felix war enttäuscht, denn seine ganzen Hoffnungen richteten sich mittlerweile auch auf das Bombini. Ihm war klar, was ein Erfolg meines Experimentes für uns Beide bedeuten konnte. Wenn ich meine Theorie beweisen konnte, dann würde die Presse unser Haus umstellen, dann würden die Zeitungen darüber schreiben, dann würde seine Mutter womöglich den Nobelpreis bekommen, aber zumindest würde unser Kühlschrank endlich voll und er bekäme zu seinem 18. Geburttag vielleicht sein Traumauto. Jetzt war er natürlich enttäuscht. Wir probierten es noch einige Male, wir steckten die Kabel um, wir versuchten es hängend und waagerecht, aber die Sache wurde nicht besser. Ein letzter Versuch, noch einmal volle pulle und dabei geschah es, die Kaskade gab mal wieder ihren Geist auf. Sie machte keinen Mucks mehr. Oh je, ich hatte es befürchtet, denn dies war mir schon öfter passiert. Irgendwo war etwas durchgebrannt. Die Fehlersuche konnte Wochen dauern. Felix hatte jetzt endgültig den Kaffee auf, und ging entnervt nach Oben. Ich blieb genauso frustriert zurück. So eine Scheiße aber auch! Was sollte ich nun tun? Wie verarbeitete ich jetzt diese erneute Niederlage? Mir fiel nichts anderes ein, als mich im Cannape betrinken zu gehen. Ich rief meine Freundin Petra an und verabredete mich dort mit ihr. Ich brauchte jetzt Trost.

Im Cannapee angekommen bestellte ich mir 5 Uzos auf einmal und ich trank sie hintereinander weg. Dann kamen mir die Tränen der Frustration. Petra versuchte mich zu beruhigen, doch ich war erst mal untröstlich. Ich stand vor den Scherben meines Projektes, denn mir wurde klar, mein Bombini würde so niemals fliegen. Ich fand einfach keinen Hebel die Bewegung zu verstärken. Ich hatte jetzt 3 Kaskaden gebaut, eine stärker als die andere, ich hatte einen wirklich leistungsstarken Trafo, ich hatte ein todschickes Bombini, ich hatte doch wirklich alles in meiner Macht stehende versucht, aber das Ergebnis blieb immer gleich. Ich sah ein, meine Arbeit musste als gescheitert betrachtet werden. Ich konnte noch stärkere Kaskaden bauen, ich konnte machen was ich wollte, das Bombini flog einfach nicht. Ich konnte Thomas Townsend Braun nicht rehabilitieren. Ich würde kein Spielzeug-UFO auf die Welt bringen, ich war einfach eine totale Versagerin. Ja, wenn ich vielleicht Physikerin geworden wäre, vielleicht würde ich dann eine bessere Lösung finden, aber ich war nun mal nur eine Designerin, die sich völlig verrannt hatte. Ach, ich hatte wirklich genug Gründe zum Heulen. Doch zum Glück, der Alkohol begann zu wirken und der Frust ließ nach. Das war wirklich ein Vorteil am Alkohol, damit konnte man sich alles schön trinken. Selbst die Niederlage. Ich würde einen anderen Weg finden müssen, meine Bombini-Theorie unter das Volk zu bringen. Denn an ihrem Wert zweifelte ich nicht.

Osram

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Der liebe Gott wusste aber auch jetzt wieder eine wunderbare Lösung. Er schickte mir Osram. Ich lernte ihn zufällig bei einem Abendessen bei einer Bekannten kennen. Er war mit sogleich aufgefallen und als ich dann auch noch hörte, dass er ein Energieanlagenelektroniker war, da war meine Neugierde natürlich gleich erwacht. Wir kamen bei einer Wasserpfeife ins Gespräch und ich erzählte ihm von meinem gescheiterten Experiment. Osram traute seinen Ohren nicht, als er hörte, dass ich in meinem Gartenhäuschen mit Hochspannung herum machte, ja und er bezweifelte, dass ich wirklich 80000 Volt Gleichspannung erzielt hatte. Er bezweifelte einfach alles, was ich erzählte und so lud ich ihn ein, sich meine Kaskade einmal anzuschauen. Ich hoffte, dass ich ihn vielleicht dazu bekam, sie zu reparieren, denn Osram erklärte seine Spezialität sei die Fehlersuche. Er war wohl auch neugierig, denn wir trafen uns schon am nächsten Tag bei mir. Ich hatte etwas gekocht und wir plauderten erst mal. Nach dem Essen ging er dann in mein Arbeitszimmer und schaute sich meinen Kram an, den ich dort aufgebaut hatte.
Als Erstes schaute er sich den Trafo an, dann begutachtete er meine Kaskade. Ich ließ ihn für einen Moment allein, doch als ich zurück kam, da war er gerade dabei alles auseinander zu rupfen. Ich fragte ihn entsetzt, was er denn da täte und er antwortete mir: „Ich lege Dir jetzt die ganze Geschichte lahm. Damit ist jetzt endgültig Feierabend, denn das ist alles total verboten. Selbst ausgebildete Elektriker dürfen nicht mit so einem Trafo arbeiten. Und Spannung oberhalb des normalen Haustroms ist für Normalbürger absolut tabu. Ich würde sagen, Du packst das alles jetzt in Kartons, und trägst es in den Keller.“
Ich war platt, aber ich war nicht sauer. Im Gegenteil. Osram nahm mir eine notwendige Entscheidung ab. Und ja, er imponierte mir gewaltig und ich wünschte mir, dieser Mann würde mich küssen. Doch, der dachte gar nicht daran, er holte stattdessen seine Wasserpfeife hervor. Nun, das war auch nicht schlecht. Er hielt mir noch eine kleine Predigt und dann schaute er in die Zukunft. Er schlug mir vor, ich könne ja über mein Bombini schreiben, das sei völlig ungefährlich. Der Abend endete sehr unterhaltsam und wir verabredeten uns für den nächsten Abend, ich sollte bei ihm vorbei kommen. Er wohnte gar nicht weit weg, ich war schon Tausendmal an seiner Wohnung vorbei gegangen, wenn ich in den Ort ging.
Und so nahm mein Leben wiedereinmal eine neue Wendung, denn Osram und ich verliebten uns ineinander und diesmal war mir auch mein Rosenkranz egal. Das lag allerdings auch an einem, vielmehr an zwei, sehr merkwürdigen Erlebnissen, die Sie mir vielleicht nicht glauben werden.

Das Erste muss kurz nach meiner ersten Begegnung mit Osram gewesen sein, irgendwann im April 2005. Ich saß in meinem Esszimmer auf meiner blauen Bank und las die Zeitung. Ich trank völlig entspannt meinen Kaffee, als ich ein Geräusch an der Haustür hörte. Die Tür zur Küche ging auf und in meine Wohnung trat mein Großvater. Ich war natürlich total überrascht, denn mein Großvater war schon über 20 Jahre tot! Er war an einem Schlaganfall verstorben kurz nachdem ich die Schule geschmissen hatte. Ich hatte ihn noch im Krankenhaus auf der Intensivstation besucht, er wurde beatmet. Ich sah seine plötzlich ziemlich spitze Nase und ich wusste, er würde sterben. Das war für mich noch so ein Schock, denn mein Großvater war mir sehr, sehr wichtig. Gut, er hatte zwar, was die Geschichte mit meinem Vater anging, in meinen Augen blöd reagiert, denn er hatte mich nicht in den Arm genommen und getröstet. Er war mir gegenüber einfach nur ziemlich verunsichert gewesen und ich weiß nicht, irgendwie kamen wir auf meine Unschuld zu sprechen und ich habe ihn zwar nicht gerade angefaucht, aber vielleicht etwas zu aggressiv gesagt: „Dafür ist es jetzt zu spät!“ Ich war, we er es verstanden haben musste, also wohl nicht mehr unschuldig.  Wir sprachen über das Thema nicht mehr. Aber trotzdem, mein Großvater war und ist noch heute die wichtigste Instanz in meinem Leben. Und jetzt stand er in meiner Küche, genauso wie ich ihn in Erinnerung hatte. Er sagte zu mir: „Ja Monica, Du bist auch unsterblich.“ Er setzte sich zu mir an den Tisch und schaute mich eindringlich mit seinen hellen, blauen Augen an. „Monica, ich komme, weil, wir beschlossen haben, Dich umzubringen, denn wir müssen beweisen, dass Du unsterblich bist.“
Mir kam das in diesem Moment alles sehr einleuchtend vor, denn ich erinnerte mich plötzlich an alles. Ich war unsterblich, tatsächlich, es gab ein Leben außerhalb dieses Lebens. Da war es natürlich kein großes Problem, wenn man starb. Aber ich hatte eine Forderung. „Dann möchte ich mich aber anschließend an alles wieder erinnern können. Ich habe so wichtige Erkenntnisse gesammelt, die dürfen nicht verloren gehen.“ Mein Großvater versprach mir dies und wir waren uns einig. Dann stand er wieder auf und ging ohne große Verabschiedung. Dieses Erlebnis würde ich wie so viele andere dieser Art bald schon wieder vergessen, dessen war ich mir bewusst. Aber ich nahm mir aber fest vor, mich solange wie möglich daran zu erinnern. Mein verstorbener Großvater hatte mich besucht, welche große Ehre! Es musste sich also um etwas wirklich sehr Wichtiges gehandelt haben, sonst wäre er nicht gekommen. Offensichtlich wurde mein Lebensplan ausnahmsweise geändert. Als er vor mir gesessen hatte, da hatte ich auch genau gewusst, warum. Nur, die Erinnerung verblasste stündlich und dann war sie im Unterbewusstsein verschwunden.

Ein paar Tage später kam es noch mal zu einer außergewöhnlichen Begegnung, denn nun stand plötzlich C. in meiner Küche. Er kam auf mich zu und fragte mich sehr ernst: „Liebst Du mich wirklich immer noch?“ Und ich antwortete ohne zu überlegen. „Ja.“
„Dann mache ich das jetzt weg.“ Er holte eine Art kleiner Taschenlampe hervor und strahlte mir damit ins Gesicht. Das war alles. Ich fragte ihn, warum er dies täte und er meinte etwas stockend: „Dein Großvater will es so.“ Ich erinnerte mich in diesem Moment an dessen Besuch und ich dachte: „Warum will mein Großvater dies? Muss wohl sehr wichtig sein.“ Ich fragte C., ob er auch so schnell wieder gehen müsste und er sagte: „Ja, viel Zeit habe ich nicht.“
„Gut, dann setze Dich auf meinen großen Sessel und ich lege meinen Kopf auf Deinen Schoß. Ich werde schnell einschlafen, denn noch mal eine Trennung, das halte ich nicht aus.“
Und so legte ich meinen Kopf auf seinen Schoß. Ich schlief tatsächlich sehr schnell ein und als ich erwachte, da konnte ich mich zwar an seinen Besuch erinnern, doch auch diese Begegnung würde ich bald schon wieder vergessen haben. Ich fragte mich in diesem Moment, ob ich mich jetzt Osram gegenüber freier fühlen würde. Hatte mein Großvater C. dazu gezwungen, diesen Jungfernzauber aufzulösen? Ich hatte erst mal nichts dagegen. So wäre ich vielleicht auch von meinem Gelübte befreit, denn ich war schon sehr verliebt in Osram, ich wollte unbedingt in sein Bett. Und als ich ihn dann am Abend besuchte, da wusste ich noch von C.s Besuch und ich schaute Osram an. Würde ich jetzt wirklich frei für diesen Mann sein können? Ich fühlte erst mal keinen Unterschied, aber ich nahm diese beiden Begegnungen zum Anlass zu glauben, der Zauber sei aufgelöst.

Ich erzählte aber vorsichtshalber Osram von meinem C-Tick. Der reagierte mit großem Verständnis, denn er erzählte mir, er habe auch so eine unerfüllte Jugendliebe mit sich Jahrelang herum geschleppt, doch habe er die Frau später wieder getroffen und auch eine Weile geglaubt, es könne endlich etwas zwischen ihnen werden, aber dann habe er sie plötzlich mit ganz anderen Augen gesehen und gemerkt, sie ist es nicht. Sie trank einfach zuviel Alkohol. Osram trank nämlich keinen mehr. Er kiffte dafür gerne und viel, das heißt regelmäßig. Osram war ein gepflegter Dauerkiffer. Nun, ich hatte dagegen absolut nichts einzuwenden, denn rauchen tat auch ich gerne.
Jedenfalls, so erklärte er, sei er seitdem von dieser Liebe frei und ich müsste meinen C. vielleicht auch nur einmal sehen und es wäre vorbei. Nun, ich bezweifelte, dass ich mich in meiner Liebe so getäuscht haben könnte, aber ich litt zum Glück nicht mehr an dieser Sehnsucht. Osram füllte die Stelle einfach wunderbar aus. Er sah auch wirklich gut aus, fand ich. Aber das war nicht entscheidend. Es war Osrams Art mit mir umzugehen. Er konnte ganz ausgezeichnet zuhören und er stellte die richtigen Fragen. Ich hörte mir mit ihm zusammen auch die Kassetten meiner Innenweltreise an und er wusste kluge Sachen dazu zu sagen. Er schien mich irgendwie sehr gut zu kennen. Nur, er machte keine Anstalten mich zu verführen. Im Gegenteil, er saß ganz brav auf seinem Sitzball und stopfte mir ein Pfeifchen. Warum kam er nicht mal zu mir herüber und kuschelte etwas mit mir? Es dauerte ewig, da bequemte er sich auch mal auf die Matratze, die ihm als Sofa diente, aber nicht, dass er mich in den Arm genommen hätte. Ich kroch stattdessen heran. Er rührte sich immer noch nicht. Ich kann ihnen sagen, das hatte ich noch nie erlebt. Bis ich endlich zu meinem Kuss kam, also das dauerte ewig.

Irgendwann lagen wir dann aber doch zusammen im Bett. Auch da war er so ganz anders, als ich es bisher kennen gelernt hatte. Ich fragte ihn irgendwann sogar: „Bist Du vielleicht schwul?“ Das verneinte er deutlich, aber ich war dennoch etwas ratlos. Aber, das war auch wirklich das einzige Haar, das ich in der Suppe fand. Alles andere war einfach nur wunderbar. Wir verstanden uns wirklich ausgezeichnet, auch wenn wir oft erst mal anderer Meinung waren. Ich dachte schon bald: „In ihm steckt der faule Sohn des Herrn der Finsternis, er ist Satan Junior.“ Ich begann ein kleines Tagebuch zu schreiben, ich wollte jeden Tag festhalten, denn ich hatte eine lustige Idee. Ich schrieb das Tagebuch für Osram. Es war angefüllt mit Gedichten. Auf der ersten Seite stand: „String … und ER reitet auf Neutrinoflügeln durch Raum und Zeit, getrieben von der Sehnsucht nach Zweisamkeit.“ Oder: „Stringzauber – Der String ist eine sich windende Kraft im eisigen Raum, die als Rädchen im himmlischen Getriebe sich schraubt von Traum zu Traum.“ Im Weiteren beschrieb ich die ersten vier Wochen unserer Beziehung und ich verteilte Gummipunkte. Den ersten Gummipunkt verlieh ich für seine Entscheidung: „Ich mache mit beim Sexentzug!“ So hatte ich das also geregelt, nun ja, ganz haben wir uns an den Sexentzug nicht gehalten, aber Sex wurde zwischen uns kein langfristiges Thema. Ich schenkte ihm dieses Tagebuch zu seinem 43. Geburtstag am 15. Mai.
Die Sache mit dem Sex stand sogar in den Sternen, denn ich hatte gleich zu Beginn unserer Romanze ein Partnerschaftshoroskop machen lassen und da stand es schwarz auf weiß, wir passten hervorragend zusammen, aber sexuell würde es ehr eine Bruder-Schwester-Beziehung sein. Und so war und ist es auch. Wir sind Geschwister. Er ist der große Bruder, den ich mir immer schon gewünscht habe.
Doch nicht weil ich es so wollte, wenn es funktionierten würde, dann würde ich gerne mit ihm ins Bett gehen. Aber, so dachte ich bald schon, der liebe Gott nahm mein Gelübte offensichtlich immer noch sehr ernst, und schickte mir diesmal gleich einen Partner, der kein Interesse an Sex hatte.

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Osram kaufte mir einen Laptop und damit begann für mich eine ganz neue Zeit. Das Experiment war verstaut, jetzt war Schreiben angesagt. Das hatte ich ja sowieso immer schon tun wollen und es sollte sich zeigen, dass dieser Laptop mir auch noch ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten verlieh. Doch erst mal brachte Osram die Musik in mein Leben, denn Osram spielte Bass und E-Gitarre. Ich baute mein Arbeitszimmer um und er brachte ein Keybord und ein Mischpult sowie Mikrofone mit. Ich war offen dafür, wenn der liebe Gott jetzt auch noch von mir verlangte, dass ich Musik machte, bitte. Ich war bereit für Neues.

Ich habe ein sehr schönes Fotoalbum aus dieser Zeit, ich könnte aus den Bildern sicherlich einen sehr schönen Film machen. Und es war auch wirklich eine ganz zauberhafte Zeit. Osram war ein echtes Göttergeschenk und ich sollte bald schon sehr, sehr froh sein, dass dieser Mann in mein Leben gekommen war. Doch, das ist eine ganz eigene Geschichte und ich befürchte, vieles davon werden Sie für absolut unglaublich, ja wahnsinnig halten. Es endete auch tatsächlich im Wahnsinn. Aber erst mal ging ich mit neuer Energie meinen Weg und heute kann ich sagen, was in dem kommenden Jahr auf mich zu kommen würde, machte diese Zeit sicherlich zur aufregendsten Zeit meines Lebens. Der Preis war allerdings sehr, sehr hoch.

Fortsetzung folgt!

 

 

3 Comments

  1. Interessantes Leben. Hat mich total angesprochen. Wir sind ziemlich ähnlich.
    Übrigens, das Phänomen mit der Kälte haben schon verschiedene Leute bemerkt. Zum Beispiel hier wird davon berichtet ab 28. Minute
    https://www.youtube.com/watch?v=o32TCVh4fP0&list=UUc6_nQGATIDd8D9Ojakqnvg
    Falls Du mal nach Neuseeland kommen möchtest, auf den Spuren vom Herzensbrecher oder besser weil es hier so schön ist und man aus der Ferne oft einen klareren Blick bekommt, dann stell ich Dir gern mein Gartenhäuschen zur Verfügung. Schreiben und kiffen kannste hier auch und dabei aufs Meer schauen.
    Kontakt: pfennighaus (at) gmx.net

  2. Liebe Monica,
    wie versprochen, habe ich mir heute mal deine Internetseite angeschaut. Bin aber bei deiner Lebensgeschichte hängengeblieben. Einige Passagen erinnern mich an meine eigene Vergangenheit, andere wiederum sind mir sehr fremd. Ich fand die Lektüre sehr spannend und gut geschrieben und auch nur ein kleines bischen verrückt. Hoffe du machst bald weiter.
    Liebe Grüße, Roswitha

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